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28. Juli 2010, 12:12 Uhr

Psyche und Gesundheit

Einsamkeit schadet genauso wie Rauchen

Wofür sind Freunde gut? Ganz einfach: Sie bereichern nicht nur das Leben - sie verlängern es auch. In einer Studie mit Daten von über 300.000 Menschen haben Forscher herausgefunden, dass Einsamkeit für die Gesundheit genauso schädlich ist wie Rauchen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Freundschaft, Gespräche, Liebe, Geborgenheit - all das funktioniert nur im Austausch mit anderen. Nur zu zweit kann sich der Mensch fortpflanzen, nur als Gemeinschaft kann er Zivilisationen hervorbringen. Doch das moderne Leben der industrialisierten Länder hat die Beziehungsgeflechte der Menschen nachhaltig verändert - und bringt immer mehr Einzelgänger hervor.

Die Vereinsamung ist ein wachsendes Problem westlicher Zivilisationen - hat sie aber auch Auswirkungen auf die Gesundheit? Ja, antworten Julianne Holt-Lunstad und Timothy Smith von der Brigham Young University im US-Bundesstaat Utah jetzt im Fachmagazin "PLoS Medicine". Sozial aktive Menschen, so das Fazit der Forscher, können sich im Schnitt über ein längeres Leben freuen als Einzelgänger.

Sich vollkommen allein zu fühlen, ist eines der erdrückendsten Gefühle überhaupt. Das kann Depressionen und andere psychische Erkrankungen auslösen. 140 Studien mit Daten von mehr als 300.000 Menschen vor allem aus westlichen Ländern haben die Forscher analysiert und daraus das Sterberisiko statistisch errechnet. Das Ergebnis war eindeutig: Die Überlebenswahrscheinlichkeit erhöht sich gegenüber sozial weniger aktiven Menschen um 50 Prozent, wenn man einen guten Freundes- und Bekanntenkreis hat.

Holt-Lundstad und Smith verglichen das Risiko mit anderen Effekten. Demnach kann man die gesundheitsschädlichen Folgen eines sozial schwachen Umfelds in etwa so mit anderen Risikofaktoren vergleichen:

Im Schnitt hatten alle Studien die Teilnehmer über einen Zeitraum von 7,5 Jahren beobachtet. Bei der sogenannten Metaanalyse - der statistischen Zusammenfassung sämtlicher Daten aller Untersuchungen - konnten die Forscher feststellen, dass die beobachteten Effekte auch bestehen blieben, wenn man Alter, Geschlecht und den sozialen Status, etwa den Beruf, berücksichtigt.

Den größten Effekt auf die Sterblichkeit hatte die allgemeine soziale Integration - am wenigsten war ausschlaggebend, ob die Menschen alleine oder mit anderen zusammenlebten. Die Forscher glauben, dass sich das soziale Umfeld mitunter deshalb auf die Gesundheit auswirkt, weil man als sozial aktiver Mensch ein höheres Verantwortungsbewusstsein habe.

"Wenn jemand mit einer Gruppe sozial vernetzt ist und sich auch für andere Menschen verantwortlich fühlt, überträgt sich dieses Gefühl auch auf einen selbst", sagt Holt-Lunstad. "Man passt besser auf sich auf und geht weniger Risiken ein." Es gäbe durchaus mehrere Möglichkeiten, wie Freunde und Familie die eigene Gesundheit beeinflussen könnten, sagt Holt-Lunstad. Einige Studien hätten beispielsweise gezeigt, dass Kontakte das Immunsystem stärken.

"Die Idee, ein schwaches soziales Umfeld als Risikofaktor für Sterblichkeit zu betrachten, wird von den meisten Gesundheitsbehörden und der Öffentlichkeit noch nicht anerkannt", schreiben die Wissenschaftler in einer Zusammenfassung ihrer Analyse. Jetzt fordern sie ein Umdenken.

Weil der Zusammenhang von sozialem Umfeld altersunabhängig sei und nicht nur ältere Menschen betreffe, sollten Ärzte nicht nur einen Blick auf das Umfeld Älterer werfen, meinen die Autoren. "Beziehungen sind in jedem Alter wichtig und verbessern die Gesundheit", sagt Smith. Jede Art, das soziale Umfeld zu verbessern, werde sowohl die Überlebensfähigkeit als auch die Lebensqualität steigern, schließen die Autoren. Gesundheitsvorsorge sollte daher auch das soziale Befinden betrachten, Mediziner sollten Sozialkontakte und Kliniken soziale Netzwerke für Patienten fördern.

Der Studienautor warnt auch davor, die neueren Kommunikationsmöglichkeiten in Zeiten des Internets und der modernen Technologie als Ersatz für ein echtes soziales Netzwerk zu sehen. "Für den Menschen sind Beziehungen eine Selbstverständlichkeit", sagt Smith. "Wir sind wie Fische, die das Wasser gar nicht bemerken."

cib/dpa

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