Psychiater der Tepco-Arbeiter "Unglaublich, wie traumatisiert sie sind"

Seit dem Atomunfall betreut Jun Shigemura Arbeiter aus dem zerstörten Kernkraftwerk in Fukushima. Im Interview berichtet der Psychiater, was die Strahlenkämpfer durchmachen müssen - und warum die meisten trotzdem weitermachen. 

Strahlencheck im J-Village: Arbeiter aus Fukushima Daiichi acht Monate nach dem Desaster
REUTERS

Strahlencheck im J-Village: Arbeiter aus Fukushima Daiichi acht Monate nach dem Desaster


SPIEGEL ONLINE: Seit Mai kümmern Sie sich um Arbeiter aus dem havarierten Kernkraftwerk in Fukushima. Wie kommt man an so einen Job?

Shigemura: Eigentlich ist es traurig, dass ich für das Seelenheil der Arbeiter zuständig bin. Aber Tepco hatte bisher keine Zeit dafür. Bis zum Erdbeben betreute ein Teilzeitpsychiater die Arbeiter aus den Kraftwerken Daiichi und Daini. Doch er kommt aus Minamisoma und bräuchte jetzt wegen der Sperrzone viel zu lang zur Arbeit. Einige Krankenschwestern im Gesundheitszentrum für die beiden Anlagen haben meine Publikationen gelesen und Kontakt zu mir aufgenommen. Daraufhin hat Tepco mich angefordert. Ich gehe als Freiwilliger dorthin.

SPIEGEL ONLINE: Sie bekommen kein Geld für Ihre Arbeit?

Shigemura: Nicht von Tepco, aber das will ich auch gar nicht. Das würde meinem Ruf schaden. Ich möchte nicht in die Profitmühlen der Atomindustrie geraten, zumal die Gehälter der Arbeiter um 20 Prozent gekürzt wurden. Deshalb habe ich daraus ein Regierungsprojekt gemacht. Tepco hat bis heute keinen Psychiater gefunden, der meinem Team die Arbeit abnehmen möchte. Die meisten sind wohl besorgt um ihr Image und über die Strahlung. Außerdem gibt es generell zu wenige Psychiater in Japan. Nach dem Erdbeben von Kobe 1995 haben mehr Menschen verstanden, wie wichtig psychologische Betreuung ist. Doch viele Japaner glauben noch heute: Wer zum Psychiater geht, muss verrückt sein. Ich hoffe, dass sich das nach dieser Katastrophe weiter bessert.

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie sich selbst keine Sorgen über die Radioaktivität?

Shigemura: Ich habe keine Angst, aber das heißt nicht, dass mir nicht etwas mulmig ist. Im Kraftwerk Fukushima Daiichi war ich noch nicht. Das Gesundheitszentrum für die Arbeiter ist auf dem Gelände von Daini, etwa zehn Kilometer entfernt. Die Strahlenwerte sind dort niedrig, aber meine Frau ist nicht sehr glücklich mit meiner neuen Arbeit. Sie hat mich anfangs vor die Wahl gestellt: "Ich oder das Kraftwerk". Ich hoffe, dass sie inzwischen akzeptiert hat, dass ich gelegentlich dorthin fahre.

SPIEGEL ONLINE: Was haben die Arbeiter in Fukushima in den vergangenen Monaten durchgemacht?

Shigemura: Sie dachten, dass sie sterben würden, als die Reaktoren im März explodierten. Trotzdem mussten sie weiterarbeiten, um ihr Land zu retten. Viele kommen aus der Gegend um das Kraftwerk, ihre Häuser hat der Tsunami weggewaschen, ihre Familien mussten fliehen. Die Arbeiter haben ihr Zuhause verloren, ihre Lieben sind weit weg, sie fürchten sich vor der Radioaktivität. Und dazu kommt, dass die Öffentlichkeit ihnen Vorwürfe macht, weil sie für Tepco arbeiten. Viele denken, dass Tepco für die Katastrophe verantwortlich ist. In Japan wurden die Arbeiter nicht als Helden betrachtet wie in Europa. Einmal hat jemand frisches Gemüse für die Arbeiter gespendet, weil Tepco anfangs nicht in der Lage war, frische Produkte in die Sperrzone zu bringen. Doch die Gaben kamen anonym, weil der Spender nicht dabei ertappt werden wollte, dass er Tepco-Arbeitern hilft.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es den Arbeitern heute?

Shigemura: Es ist unglaublich, wie sehr sie traumatisiert sind. Ich habe zwei bis drei Monate nach dem Erdbeben eine Umfrage unter 1800 Tepco-Arbeitern in den Kraftwerken Daiichi und Daini geleitet. Wenn eine Katastrophe wie der Tsunami eine Gemeinde trifft, sind etwa 1 bis 5 Prozent der Bevölkerung nachhaltig traumatisiert. Unter Polizisten, Feuerwehrmännern und anderen Katastrophenhelfern sind es in der Regel 10 bis 20 Prozent. Bei den Tepco-Arbeitern ist diese Quote viel höher.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich das aus?

Shigemura: Ich behandle einen Mann in seinen frühen Vierzigern. Er hatte ein Haus an der Küste nahe des Kraftwerks, das der Tsunami zerstört hat. Dabei hat er seinen siebenjährigen Sohn verloren. Der Mann musste fliehen, wollte woanders eine Wohnung mieten. Doch der Vermieter wies den Mann ab, weil er für Tepco arbeitet. Als er schließlich doch eine Wohnung fand, klebten die Nachbarn einen Zettel an seine Tür: "Tepco-Arbeiter, verschwindet!" Weil der Mann ziemlich viel Strahlung abbekommen hat, musste er in eine andere Abteilung wechseln. Jetzt macht er einen Bürojob, für den er nicht ausgebildet ist und der ihm keinen Spaß macht. Er hat Angst, dass er an Krebs erkrankt, ihn plagen finanzielle Sorgen, denn sein Gehalt wurde gekürzt und er hat sein Haus verloren. Dazu kommen Probleme in der Familie. Seine Mutter hat beim Tsunami ihren Mann verloren und fühlt sich schuldig, dass sie ihn und ihren Enkel nicht retten konnte. Sie weint viel. Wenn mein Patient abends heimkommt, fühlt er sich auch dort unwohl.

SPIEGEL ONLINE: Warum kündigen solche Menschen ihren Tepco-Job nicht einfach?

Shigemura: Dafür gibt es viele Gründe. Die, mit denen ich gesprochen habe, sind ihrer Firma treu und wollen sie retten. Andere tun es fürs Geld. Etwa 3000 Arbeiter pendeln jeden Tag nach Daiichi. Die komplizierten Jobs machen Angestellte von Tepco und anderen Firmen wie Hitachi und Mitsubishi. Die einfache Arbeit erledigen Leute, die von Subsubunternehmen angeworben wurden. Mein Team aus sieben Psychiatern konzentriert sich auf Arbeiter von Tepco. Das allein sind schon mehr als tausend. Unter denen behandeln wir die besonderen Risikofälle, also Menschen, deren Kollegen gestorben sind, die ihre Familien verloren haben oder die in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Natürlich würde ich gern alle sehen, aber das schaffen wir nicht. Wir mussten Kompromisse eingehen.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie denen, die nicht mehr können?

Shigemura: Wir versuchen, ihnen das Gefühl zu geben, dass jemand ihre Arbeit schätzt. Sehr selten raten wir, eine Pause einzulegen. Es ist besser für die Arbeiter, wenn sie bleiben können. Ihre Kollegen würden sie sonst für schwach halten und sie wären als psychisch krank gebrandmarkt. Außerdem motiviert es sie, zu einer Gruppe zu gehören. Der Arbeit fernzubleiben, ist der letzte Ausweg.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr fürchtet sich die Bevölkerung vor der Strahlung?

Shigemura: Die Menschen sind sehr verwirrt und misstrauisch gegenüber den Behörden. In so einem Umfeld verbreiten sich Gerüchte und falsche Informationen schnell. Im Krisenfall sollte die Kommunikation schnell, präzise und transparent sein. Wenn man Panik verhindern will, sollte man möglichst viele Informationen herausgeben, damit die Menschen die Gefahr verstehen und einschätzen können. Doch von dieser Art der Risikokommunikation versteht die Regierung nichts. Sie hat unter anderem verschwiegen, dass es eine Kernschmelze gab - und die Leute wurden erst recht unruhig.

SPIEGEL ONLINE: Welche seelischen Folgen hat die Dreifachkatastrophe für die Menschen in den betroffenen Regionen?

Shigemura: Es wird noch Jahre dauern, bis alle psychologischen Störungen sichtbar werden. Ich bin sicher, dass die Selbstmordrate im Nordosten steigen wird. Dort gab es schon vor der Katastrophe viele Selbstmorde: Die Winter sind lang und kalt, die Arbeitsplätze knapp und die Menschen gelten als besonders leidensfähig, das heißt sie sprechen meist nicht offen über ihre Probleme. Hinzu kommt die Strahlenangst, die manche Gemeinden in Fukushima in zwei Hälften trennt. In Tamura möchte ein Teil gehen, der andere Teil bleiben. Das kann auch eine Krise für Familien und Freunde bedeuten. Vielleicht möchte die Ehefrau unbedingt weg und der Mann möchte bleiben. An solch einer Frage können Beziehungen zerbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man solche Spannungen überwinden?

Shigemura: Darauf habe ich keine Antwort. Natürlich kann ich nicht sagen: "Ihr könnt in euer Dorf zurück." Auf jeden Fall sollte man den Menschen möglichst viele Möglichkeiten anbieten, wo und wie sie leben wollen. Und man muss Arbeitsplätze schaffen, um ihnen wieder eine Perspektive zu geben. Die Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem unter den Flüchtlingen. Sie haben es schwer, unbefristete Jobs zu finden, denn niemand weiß, wie lange sie bleiben werden, ob sie nach einem oder nach zehn Jahren zurückkehren können - oder nie wieder.

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Das Interview führte Heike Sonnberger



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insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
hierundjetzt59 27.02.2012
1.
Zitat von sysopREUTERSSeit dem Atomunfall betreut Jun Shigemura Arbeiter aus dem zerstörten Kernkraftwerk in Fukushima. Im Interview berichtet der Psychiater, was die Strahlenkämpfer durchmachen müssen - und warum die meisten trotzdem weitermachen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,816466,00.html
Für die Atomindiustrie und ihre neoliberlaen Kapitalfaschisten sind die Menschen nichts anderes als Wegwerfartikel. gruss
yolanthe85 27.02.2012
2. .
Zitat von hierundjetzt59Für die Atomindiustrie und ihre neoliberlaen Kapitalfaschisten sind die Menschen nichts anderes als Wegwerfartikel. gruss
Ich mag die Atomindustrie dennoch. Zumindest müssen dort meine Mitbürger nicht meine Ökostromumlage bezahlen. Ich meine die, die sich aufgrund von Armut keine eigene Solaranlage leisten können. Das ist Ökodiktatur. dann lieber Atom. Irgendwo muss das Technitium ja auch herkommen.
Redigel 27.02.2012
3. Dr.
Zitat von yolanthe85Ich mag die Atomindustrie dennoch. Zumindest müssen dort meine Mitbürger nicht meine Ökostromumlage bezahlen. Ich meine die, die sich aufgrund von Armut keine eigene Solaranlage leisten können. Das ist Ökodiktatur. dann lieber Atom. Irgendwo muss das Technitium ja auch herkommen.
Stimmt, ihre Mitbürger mussten mehrere hundert Milliarden Euro für Subventionen bezahlen und bekamen dafür Touristik-Highlights wie Asse. Atomstrom: "Nicht nur die gefährlichste, sondern auch die teuerste Form der Stromerzeugung" | Wirtschaft | ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-10/atomkraft-subventionen-greenpeace)
ostap 27.02.2012
4. harmlos
Zitat von sysopREUTERSSeit dem Atomunfall betreut Jun Shigemura Arbeiter aus dem zerstörten Kernkraftwerk in Fukushima. Im Interview berichtet der Psychiater, was die Strahlenkämpfer durchmachen müssen - und warum die meisten trotzdem weitermachen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,816466,00.html
Wie sagen unsere Atomfreaks immer: Es ist nichts passiert in Fukushima. Nicht mal richtig Tote hat es gegeben. Jede Windmühle erschlägt mehr Vögel, als Fukushima Menschen umbringt. Es ist also harmlos. Wir können ruhig weitermachen in D! Rössler sei Dank! Hallelulja!
chico 76 27.02.2012
5. Nun muss schon
Zitat von sysopREUTERSSeit dem Atomunfall betreut Jun Shigemura Arbeiter aus dem zerstörten Kernkraftwerk in Fukushima. Im Interview berichtet der Psychiater, was die Strahlenkämpfer durchmachen müssen - und warum die meisten trotzdem weitermachen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,816466,00.html
ein Psychiater herhalten, ein bekennender Kernenergiegegner, um den Anti - KKW - Hype aufrecht zu erhalten. Logisch sind Menschen, die durch den Tsunami Familienangehörige und Haus und Hof verloren haben, traumatisiert. Meldungen über die Abwendung des "Weltuntergangs", durch die erfolgreiche Verhinderung einer grösseren Nuklearkatastrophe, passen wohl nicht in den SPON - Forumsmainstream ? Bei uns ist der Ausstieg doch beschlossen, benötigt man nun erhärtende Argumente, um die Abschalten - sofort - Klientel bei der Stange zu halten, angesichts des, bisher bescheidenen, Erfolges der EE ? Erfolgreich allerdings im Abgreifen von Subventionen.
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