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Psychische Folgen: Wissenschaftler starten Studie zu Kriegsvergewaltigungen

Hunderttausende Frauen wurden im Zweiten Weltkrieg vergewaltigt - viele leiden bis heute unter dem Schock. Erstmals wollen Forscher nun in einer Studie die psychischen Folgen der massenhaften Verbrechen untersuchen und den Betroffenen helfen.

Greifswald - "Dreiundzwanzig Soldaten hintereinander. Ich musste im Krankenhaus genäht werden. Nie wieder will ich etwas mit einem Mann zu tun haben." So beschreibt die Publizistin Ursula von Kardorff in ihren "Berliner Aufzeichnungen" die Erlebnisse einer Freundin im September 1945.

Szene aus dem Film "Anonyma": Kriegsvergewaltigungen gehören bis heute zu den Tabus des Zweiten Weltkrieges
DDP

Szene aus dem Film "Anonyma": Kriegsvergewaltigungen gehören bis heute zu den Tabus des Zweiten Weltkrieges

Kriegsvergewaltigungen gehören bis heute zu den großen Tabus des Zweiten Weltkrieges, egal ob die Opfer aus Russland, der Ukraine oder Deutschland stammen. In einzelnen literarischen Werken, Tagebuchaufzeichnungen oder von Donnerstag an mit dem Kinofilm " Anonyma" rückt das Thema in die Öffentlichkeit. "Eine systematische wissenschaftliche Aufarbeitung der durch Vergewaltigungen ausgelösten Traumatisierungen und der Langzeitfolgen fehlt bis heute", sagt der Psychiater der Greifswalder Universität, Philipp Kuwert.

Das Schicksal von Hunderttausenden, wenn nicht sogar von fast zwei Millionen deutscher Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges vergewaltigt wurden, soll nun erstmals in einer Studie wissenschaftlich untersucht werden.

Psychiater der Universität Greifswald starteten am Montag zusammen mit dem Kölner Verein medica mondiale eine Untersuchung, in der in den kommenden Monaten deutsche Vergewaltigungsopfer des Zweiten Weltkrieges befragt werden. Betroffene können sich direkt bei den Forschern melden (siehe Kasten). Genaue Zahlen über die Frauen, die während des Krieges Opfer einer Vergewaltigung wurden, gibt es nicht. Nicht nur die Täter schwiegen, auch die Opfer redeten nicht - aus Scham oder Angst, erneut mit dem Thema konfrontiert zu werden. Zudem war in der DDR eine Diskussion über Vergewaltigungen durch Rotarmisten staatspolitisch nicht gewollt. Doch Kuwert ist sich sicher: "Kriegsvergewaltigungen waren ein Massenphänomen und nicht nur in der Roten Armee zu finden."

Dem Verein medica mondiale ist daran gelegen, die Problematik zu enttabuisieren und den betroffenen Frauen das Stigma zu nehmen. Nur so könne eine individuelle Bearbeitung und kollektive Erinnerungskultur ermöglicht werden, sagt medica-mondiale-Leiterin Monika Hauser. Die Frauen würden eine - wenn auch minimale - Gerechtigkeit erfahren. Hauser wurde für ihren 15-jährigen Hilfseinsatz für vergewaltigte Frauen in aktuellen Kriegsgebieten mit dem diesjährigen Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

"Vergewaltigungen haben kriegsstrategische Bedeutung"

Mit der Studie knüpfen die Greifswalder Wissenschaftler an eigene frühere Studien zu Traumatisierungen von Kindersoldaten und Kriegskindern an. Die Forscher fanden heraus, dass posttraumatische Belastungsstörungen zum Teil bis heute, mehr als 60 Jahre nach Kriegsende, in das Leben der Betroffenen hineinreichen. Die Menschen litten unter einem unfreiwillig starken Erinnerungsdruck und unter "Flashbacks", in denen sich Betroffene immer wieder in den traumatisierenden Situationen erlebten, berichtet Kuwert. Zudem vermieden sie Reize, die für andere harmlos seien, aber die sie immer wieder in Verbindung mit der Situation bringen würden. "Das geht soweit, dass Frauen das Ticken einer Standuhr nicht ertragen oder Sexualität im späteren Leben vollkommen meiden", erklärt Kuwert. Die Folgen reichten bis zu körperlichen Erkrankungen.

Die Ärztin Monika Hauser sieht deutliche Parallelen zwischen den Vergewaltigungen in aktuellen Kriegsgebieten und denen während des Zweiten Weltkrieges. "Vergewaltigungen haben kriegsstrategische Bedeutung. Soldaten üben Macht und Rache aus. Sie verletzen den Feind, indem sie ihm die Frau nehmen." Mit der Vergewaltigung verliere die Frau ihr intimstes Selbst. Der Verein medica mondiale erhofft sich mit der Studie ein besseres Verständnis von Langzeitfolgen und Ansätze für Therapien.

Selbst 63 Jahre nach Kriegsende und dem traumatisierenden Erlebnis sei es für Therapien von kriegsvergewaltigten Frauen nicht zu spät, zeigt sich Kuwert überzeugt. "Viele Traumatisierte haben am Ende ihres Lebens das Gefühl, nicht abschließen zu können." Allein das Sprechen über die Erlebnisse habe einen "heilenden Effekt". Die Initiatoren dringen auf die Entwicklung spezieller Therapien, gerade in Pflege- und Altenheimen, wo durch unkundige Behandlung das Tabu bis heute nachwirke.

Die Studie konzentriert sich aus finanziellen Gründen zunächst auf Betroffene in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin-Brandenburg. Vergewaltigungen, so ist sich Kuwert sicher, habe es aber nicht nur in der russischen, sondern auch in den anderen Besatzungszonen gegeben. Zusammen mit osteuropäischen Kollegen wollen die Forscher zudem im ukrainischen Donezk ein ähnliches Projekt starten, bei dem die sexualisierte Gewalt von SS-Soldaten und Offizieren gegenüber osteuropäischen Frauen thematisiert werden soll.

Martina Rathke, dpa

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