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Psychische Leiden in Japan: Lächelnde Gesichter, kranke Seelen

Sie sind bedroht von Radioaktivität, müssen Evakuierung und Lagerkoller bewältigen: Selbst wer in Japan die Katastrophe überlebte, leidet psychisch. Experten verzeichnen Essstörungen bei Kindern, Depressionen - und die Erdbebenkrankheit greift um sich.

Japan: Krankmachende Katastrophe Fotos
DPA

Tokio - Immer wieder bebt die Erde. Ihre Lebensmittel sind verstrahlt, ihre Häuser kaputt, ihre Städte zerstört. Und obwohl sie Angst haben und leiden, lächeln die Menschen - weil sie niemandem zur Last fallen wollen.

Im Nordosten des Landes leben die Japaner auch knapp fünf Wochen nach dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami im Zustand der dauernden Bedrohung. Immer wieder gibt es heftige Nachbeben, niemand weiß, welche gesundheitlichen Auswirkungen das nukleare Desaster am AKW Fukushima haben wird. Viele Tausende müssen zudem den Verlust von Angehörigen verwinden, sie leben in Notunterkünften auf unbestimmte Zeit, ohne Arbeit und ohne Geld.

Experten rechnen mit tiefgreifenden seelischen Folgeschäden unter der Bevölkerung. Erste psychosomatische Anzeichen machen sich jetzt schon bemerkbar: Wie die japanische Zeitung "Asahi Shimbun" berichtet, mehren sich derzeit Krankheitsfälle, deren Symptome denen der Seekrankheit ähneln. Medizinisch ist der Begriff nicht offiziell definiert, doch immer mehr Menschen erzählen von diesem Übel: Auch wenn die Erde gerade nicht bebt, leiden sie unter Schwindelgefühlen, Desorientierung und Ohrensausen. Die Japaner sprechen von der "Erdbeben-Trunkenheit".

Die Ärztin Etsuko Kita von der Japanese Red Cross University of Nursing erklärte der "Asahi Shimbun", das Phänomen trete dann auf, wenn sich viele Nachbeben ereigneten. Nach dem gewaltigen Erdstoß am 11. März mit der Stärke 9,0 hat die Erde inzwischen unzählige Male nachgebebt. Mehr als 400 Erschütterungen mit einer Stärke von über 5,0 mussten die Menschen nach Angaben der Japanischen Meteorologiebehörde seither ertragen.

Dass die Japaner nach außen hin so gelassen mit den gehäuften Katastrophen umgehen, ist nach Ansicht der Umweltpsychologin Anke Blöbaum von der Ruhr-Universität Bochum eher eine Frage kultureller Unterschiede und unterschiedlicher Wertesozialisation.

"Bei uns sind persönliche Werte eine starke Triebfeder für Verhalten, egal was alle anderen sagen", so Blöbaum, während es sich in Japan "nicht schickt, sich in der Öffentlichkeit emotional gehen zu lassen". Andererseits lebe in Japan derzeit eine "relativ starke Protestbewegung auf", und dieser Anti-Atom-Protest könnte angesichts der üblichen japanischen Zurückhaltung "viel heftiger" wahrgenommen werden als ein Protest hierzulande, sagte Blöbaum.

Andauernde Bedrohungen fallen aus dem Bewusstsein

Dass der Atomunfall in Japan trotz der ungebannt großen Gefahr nicht mehr die größte öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist Blöbaum zufolge der Hinweis auf eine Bewältigungsstrategie der mit extrem bedrohlichen Ereignissen konfrontierten Menschen. "Das hat im Wesentlichen damit zu tun, dass die Leute das gar nicht schaffen, so ein extrem bedrohliches Ereignis so lange konstant im Bewusstsein zu behalten", sagt die Psychologin.

Zumal es auch keine "konkreten Handlungsempfehlungen" gebe, "was die Menschen machen sollen". Wenn es aber wegen der großen Entfernung nicht einmal möglich sei, zu helfen oder etwas zu tun, "dann kann man diese Bedrohung irgendwann nicht mehr aushalten".

Die Bewohner rund um die Sperrzone wissen derzeit nicht, welche gesundheitlichen Folgen das nukleare Desaster in Fukushima für sie haben könnte. Hinzu kommt die Befürchtung, dass sie aufgrund der Ausweitung der Evakuierungszone möglicherweise auch dazu aufgerufen werden, ihre Häuser in den nächsten Wochen zu verlassen.

Die meisten Menschen aus der 20-bis-30-Kilometer-Zone rund um das AKW waren kurz nach dem Unglück in Notunterkünfte gezogen. Inzwischen mehren sich aber die Berichte von Heimkehrern. Vor allem kommen sie zurück, weil sie das Leben ohne Privatsphäre einfach nicht mehr aushalten: Seit knapp fünf Wochen müssen nun schon viele in den Notunterkünften verharren - eine außergewöhnliche Stressbelastung. Der "Mainchi Daily News" zufolge leiden die Menschen in den Lagern zunehmend an Depressionen. Ältere Menschen mit chronischen Erkrankungen gehe es mitunter besonders schlecht, da die medizinische Versorgung vielerorts ungenügend sei.

Wie die Zeitung berichtet, beginnen aber auch die Kinder in den Notunterkünften vermehrt, sich auffällig zu verhalten. Kein Kindergarten, keine Schule, kein Spielen draußen - ihnen fehlt die Beschäftigung. Psychologen haben demnach darauf hingewiesen, dass viele Kinder Anzeichen von "mentaler Instabilität" aufwiesen. "Es gibt essgestörte Kinder oder solche, deren Augen nur noch ins Leere blicken", sagte ein Psychologe der Zeitung. "Aber ihre Eltern erkennen die Symptome nicht. Sie sind selbst viel zu erschöpft dafür."

cib/AFP

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insgesamt 57 Beiträge
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1. So traurig...
utada 14.04.2011
Es ist einfach unendlich traurig, dass zum erlittenen Schock und den körperlichen Leiden noch diese ganze krasse atomare Bedrohung kommt - da war es nur noch eine Frage der Zeit, wann die ersten psychischen Leiden hinzukommen... Ich hoffe so sehr, dass einerseits die Leute selbst sich gegenseitig trösten können und andererseits Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder UNICEF eine verstärkte psychosoziale Betreuung leisten können, die den Menschen wirklich hilft!
2. Klar doch
Tango, 14.04.2011
Zitat von sysopSie sind bedroht von Radioaktivtät, müssen Evakuierung und Lagerkoller bewältigen: Selbst wer in Japan die Katastrophe überlebte, leidet psychisch. Experten verzeichnen Essstörungen bei Kindern, Depressionen - und die Erdbebenkrankheit greift um sich. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,756961,00.html
Klar doch. Wer die Deutsche Angst nicht hat, kann ja nur krank oder manipuliert sein.
3. Fragwürdige Berichterstattung
annaber 14.04.2011
Wenn man den Artikel liest, stellt sich heraus, dass einzige Grundlage für die zu Anfang aufgestellten reisserischen Behauptungen ein inhaltlich nicht näher erläuterter Artikel einer Zeitung namens Mainchi Daily News ist. Werden Behauptungen, die Medien von einander abschreiben, durch das Abschreiben wahr? Demgegenüber lässt sich dem Artikel nichts dazu entnehmen, wer an welchem Sample in welchem Zeitraum was diagnostiziert haben will. Sieht so seriöse Berichterstattung aus? Man muss hier leider das wiederholen, was auf diesem Blog bereits vor Wochen zum gleichen Thema gesagt wurde: http://karinkoller.wordpress.com/2011/03/18/warum-ich-das-radio-an-die-wand-werfe/
4. Denkt denn niemand an die Kinder
peterbruells 14.04.2011
Zitat von annaberWenn man den Artikel liest, stellt sich heraus, dass einzige Grundlage für die zu Anfang aufgestellten reisserischen Behauptungen ein inhaltlich nicht näher erläuterter Artikel einer Zeitung namens Mainchi Daily News ist. Werden Behauptungen, die Medien von einander abschreiben, durch das Abschreiben wahr? Demgegenüber lässt sich dem Artikel nichts dazu entnehmen, wer an welchem Sample in welchem Zeitraum was diagnostiziert haben will. Sieht so seriöse Berichterstattung aus? Man muss hier leider das wiederholen, was auf diesem Blog bereits vor Wochen zum gleichen Thema gesagt wurde: http://karinkoller.wordpress.com/2011/03/18/warum-ich-das-radio-an-die-wand-werfe/
„Über die Erdbebenopfer berichtet niemand, jedenfalls nicht zu den guten Sendezeiten, jedenfalls nicht, bis ich das Radio in Frustration an die Wand werfe. Das rauchende AKW ist der Star, die Menschen sind nicht einmal Statisten.“ Seltsam - jetzt wird über die Menschen berichtet und nun ist das auch nicht recht?
5. nö
_apollon_ 14.04.2011
Was hat das mit reißerisch zu tun, Tango ? Dass ein Mensch nur so und soviel Leid ertragen kann, bevor er psychische Auffälligkeiten zeigt, ist eine Tatsache und bei allem kulturellem Optimismus der Japaner, trifft es leider auch sie schließlich. Bleibt zu hoffen, dass die japanische Regierung schnell etwas tut, um den Evakuierten neue Zukunftsperspektiven zu ermöglichen - angesichts der vielfachen Katastrophe leider viel leichter gesagt als getan.
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Fukushima: Dauereinsatz auf der Atomruine

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

Videoblog
Ryuichi Miyakawa ist 22, nennt sich Richi, wohnt in Tokio und dokumentiert mit seiner Kamera den japanischen Alltag nach der Katastrophe. An der Nihon Universität studiert er Kunst und Schauspiel. Irgendwann will er vielleicht mal beim Fernsehen arbeiten. Richis Videoblog: "Konnichi wa, Tokio" - ab jetzt regelmäßig auf SPIEGEL ONLINE.


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