Psycho-Studie Deutsche wollen wieder mehr kuscheln

Die Deutschen suchen soziale Nähe, nachdem sie jahrzehntelang nur von ihren "Ich-Energien" gelebt haben. Liebesfähig, fürsorglich und gefühlsintensiv seien die Menschen der Jahrhundertwende, steht in einer neuen Studie des Sigmund-Freud-Instituts.


Neue Lust auf Nähe: Die Deutschen wollen kuscheln wie Helena Bonham Carter und Linus Roache in dieser Henry-James-Verfilmung
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Neue Lust auf Nähe: Die Deutschen wollen kuscheln wie Helena Bonham Carter und Linus Roache in dieser Henry-James-Verfilmung

Frankfurt - Die Wissenschaftler registrieren eine überraschende Trendwende im Selbstbewusstsein der Deutschen: Nach dem Ego-Kult der achtziger Jahre stehen heute Nähe, soziale Offenheit und Geselligkeit wieder hoch im Kurs. Auch traditionelle Tugenden wie Ordnung, Verlässlichkeit und Anstrengung werden laut Studie wieder bejaht.

Das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen sei deutlich gestiegen, sagte der Leipziger Wissenschaftler Elmar Brähler. Damit zeichne sich in Ostdeutschland eine eigenständige Entwicklung ab: Die Menschen seien widerstandsfähiger gegenüber Druck von außen geworden. Der Wunsch nach Nähe - obwohl inzwischen ein gesamtdeutsches Phänomen - zeige sich im Osten noch ausgeprägter als im Westen.

Überraschende Veränderungen im psychologischen Selbstporträt der Deutschen stellte der Direktor des Sigmund-Freud-Instituts, Horst-Eberhard Richter, fest: Zum ersten Mal seit der ersten Umfrage im Jahr 1968 habe sich der Individualismustrend umgekehrt. Ende der siebziger Jahre hätten sich die Menschen noch parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung auf ihre "Ich-Energien" zurückgezogen und private Nähe zu Gunsten von größerer Distanz aufgegeben.

Im Vergleich zu den Ergebnissen von 1994 wird nach Ansicht der Professoren nicht mehr in erster Linie Selbstverwirklichung angestrebt, sondern engeres Zusammenleben und soziale Offenheit: Langfristige Bindungen würden zunehmend bejaht. Bislang hatten Sozialwissenschaftler wie der Amerikaner Richard Sennett ("Der flexible Mensch") angesichts des wachsenden wirtschaftlichen Drucks eine zunehmende Flexibilisierung und Fragmentierung der Gesellschaft vorausgesagt. Nach der Ellbogengesellschaft strebten die Menschen nun nach mehr Verlässlichkeit, meinten Richter und Brähler.

Wahrheitsliebe gehört laut Umfrage zu den populären sozialen Tugenden der Deutschen. Die Entrüstung der Bevölkerung über die aktuellen Spendenskandale interpretierten die Forscher daher vor allem als Wunsch nach Verlässlichkeit. An der massiven Empörung zeige sich die moralische Sensibilisierung der Bevölkerung.

Das Sigmund-Freud-Institut ist ein Forschungsinstitut für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. Es wurde Anfang der sechziger Jahre von Alexander Mitscherlich gegründet und wird heute als Stiftung des öffentlichen Rechts des Landes Hessen geführt.

Bei der jüngsten Untersuchung - einem so genannten Gießen-Test - wurden unter anderem soziale Beziehungen untersucht. Dafür befragte das Institut im Dezember 1999 jeweils 1000 Deutsche in Ost und West. Auch politische Einstellungen gingen in die Umfrage ein. Demnach sahen die Befragten laut Umfrage ihre Zukunft im Dezember 1999 eher pessimistisch: 74 Prozent der Ostdeutschen und 68 Prozent der Westdeutschen erwarteten, dass das Leben für die nächste Generation schwieriger wird.



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