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Psychologen-Streit: Forscher empören sich über Hellseherei-Studie

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Vorhersagen, was in der Zukunft passiert - das ist Stoff für Science-Fiction-Filme. Oder tatsächlich machbar? Ein wissenschaftliches Journal veröffentlicht nun eine Studie, die angeblich belegt, dass Menschen dazu in der Lage sind. Die Fachwelt ist schockiert. Und widerspricht.

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Corbis

Präkognition: Forscher will Vorhersehung nachgewiesen haben

Ein ganzer Forschungszweig, der besonders in den siebziger Jahren florierte, beschäftigt sich damit, sogenannte PSI-Phänomene wie Vorhersehung, Hellsicht oder Telepathie beim Menschen nachzuweisen. Denn was wäre schließlich praktischer? Die Zahl der Autounfälle würde beispielsweise drastisch sinken - weil die Fahrer rechtzeitig gegensteuern, bremsen, ausweichen können. Elfmeterschießen würden vom sportlichen Zweikampf zum Hellseher-Duell mutieren.

Recht bekannt sind Experimente, bei denen ein Proband angeben soll, welches Symbol ein anderer gerade auf einer Karte betrachtet. Große Durchbrüche wurden damit nicht erzielt. Vom allgemeinen Wissenschaftsbetrieb werden die Parapsychologen kaum ernst genommen - normalerweise.

Denn jetzt hat ein PSI-Forscher einen Coup gelandet. Daryl Bem, emeritierter Professor der Cornell University, beschäftigt sich nicht nur mit dem Paranormalen, er ist vor allem wegen seiner psychologischen Forschungsarbeit durchaus renommiert. Vielleicht lässt sich so erklären, dass das "Journal of Personality and Social Psychology", eine angesehene Fachzeitschrift, in diesem Jahr eine Arbeit von Bem veröffentlicht, die mit einem vermeintlichen Beleg für die sogenannte Präkognition aufwartet.

Menschen können demnach zukünftige Ereignisse bewusst oder unbewusst wahrnehmen und darauf reagieren: Es ist ein Forschungsergebnis, das - wenn es stimmte - unser Weltbild verändern müsste. (Eine vorläufige Version der Studie findet sich hier.) Obwohl noch nicht offiziell gedruckt, sorgt die Arbeit schon jetzt für Aufregung. Das wirft nicht zuletzt die Frage auf, ob es vertretbar ist, den Aufsatz einer solch steilen These zu drucken, nur weil die Daten interessant sind. Oder handelt es sich bei der Veröffentlichung schlicht um "eine Peinlichkeit für den gesamten Forschungszweig", wie Ray Hyman, ein Parapsychologie-Kritiker, gegenüber der "New York Times" beklagte?

Neun Experimente, tausend Teilnehmer

Daryl Bem ist jedenfalls nicht vorzuwerfen, dass die gelieferte Datenmenge nicht umfangreich sei. Die gesamte Zahl seiner Versuchsteilnehmer liegt bei mehr als tausend. Gleich neun verschiedene Experimente schildert er, acht davon haben seiner Aussage nach statistisch signifikante Ergebnisse erbracht. Das heißt: Die gemessenen Unterschiede beruhen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf bloßem Zufall.

In einem Versuch setzte er 100 Teilnehmer vor einen Monitor. Sie sollten sagen, hinter welchem von zwei abgebildeten Vorhängen ein Bild erscheinen würde. Das Foto wurde von einer Software platziert, nachdem sie sich entschieden hatten. Der Kniff dabei: Lagen sie richtig, bekamen die Teilnehmer nach dem Lüften des Vorhangs ein pornografisches Bild zu sehen. Menschen können sexuelle Reize vorausahnen und aktiv ansteuern - das wollte der Psychologe damit belegen. Die Fähigkeit würde aus seiner Sicht einen evolutionären Vorteil darstellen.

Zum Vergleich wurden den Teilnehmern auch neutrale, negative, positive oder romantische Motive präsentiert. Die Trefferquote lag bei den erotischen Bildern bei 53,1 Prozent, in allen anderen Foto-Kategorien zwischen 49,4 und 51,3 Prozent. Der Unterschied ist zwar nicht groß, laut Bem aber statistisch relevant.

In einem weiteren Experiment präsentierten die Forscher den Teilnehmern 48 Wörter. Anschließend gaben die Probanden alle diejenigen wieder, die sie sich gemerkt hatten. Erst danach übten sie 24 Wörter ein. Die Wissenschaftler werteten aus, ob die Teilnehmer mehr von diesen 24 geübten Wörtern angegeben hatten. Die verdrehte Reihenfolge - erst abfragen, dann dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, sollte wieder die Vorhersage-Fähigkeit belegen. Bem präsentiert auch hier ein positives Ergebnis, wobei der Effekt wieder klein ist.

Klein, aber bedeutsam - zumindest, wenn die Experimente tatsächlich ein Beweis dafür wären, dass Menschen auf Informationen aus der Zukunft zurückgreifen können. Dann hätten die Parapsychologen also immer Recht gehabt. Selbst wenn sie keine vernünftige Erklärung liefern können, wie die Daten aus der Zukunft die Gegenwart erreichen und wie der Mensch sie dann aufnimmt. Manchmal wird zwar auf die Quantenphysik verwiesen, die das irgendwie ermöglichen soll, aber eine schlüssige Erklärung bleibt bislang aus.

Kritik in derselben Ausgabe des Fachblatts

Aber man darf Bems Schlussfolgerung anzweifeln. Das tun auch vier niederländische Forscher, die in derselben Ausgabe des Fachblatts schreiben. (Eine vorläufige Version ihrer Erwiderung findet sich hier; einige Details ihrer Kritik im Kasten oben links.) Die Wissenschaftler der Universität Amsterdam unterzogen sämtliche Daten einer erneuten Analyse und meinen: Eindeutige Beweise für die Vorhersehung liefern die Tests nicht.

Die Niederländer kritisieren aber nicht nur Bem und seine Untersuchungen. Psychologen sollten dringend daran arbeiten, ihre Daten besser auszuwerten, fordern sie. Die genutzten Methoden und Statistik-Techniken seien "zu schwach, zu dehnbar und ließen zu viele Möglichkeiten, sich selbst und andere Forscher zu verwirren", urteilen sie. Es ließe sich auch gemeiner ausdrücken: Die Psychologen laufen Gefahr, alles und nichts zu belegen, weil sie ihre Mathematik-Hausaufgaben nicht erledigt haben.

Eric-Jan Wagenmakers, einer der Autoren, bemängelt auch, dass manche Fachzeitschriften Ergebnisse vor allem dann veröffentlichen, wenn sie gängigen Erwartungen widersprächen - entsprechende Aufmerksamkeit ist ihnen somit gewiss. In der Hinsicht ist die Präkognitionsstudie natürlich absolut spitze.

Immerhin: Bems Versuche sind extra so angelegt, dass sie von anderen Forschern wiederholt werden können. Das entspricht der besten wissenschaftlichen Praxis. Wenn sich in Laboren weltweit gleiches ereignen würde, dann spräche das für die These. Wenn es aber keine Belege gibt, dann muss sie verworfen werden. Einige Forscher wie zum Beispiel Jeff Galak von der Carnegie Mellon University berichten bereits, dass sie Bems Ergebnisse nicht reproduzieren konnten.

Ob doch noch andere Wissenschaftler herausfinden werden, dass Menschen in die Zukunft sehen können? Vielleicht mag ja jemand wagen, das vorherzusagen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 864 Beiträge
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1. Dafür bedarf es keiner Studie
Anima, 09.01.2011
Unsere Politiker sind die wahren PSI-Helden. Sie können regelmäßig in die Zukunft blicken und erzählen uns von gewonnenen Wahlen, schönen Leuchturmprojekten und dem glücklichen Leben unter ihrer Führung. Das tolle ist noch, sie verändern auch die Vergangenheit: aus desolater Arbeit wird im Rückblick grandiose Staatsführung.
2. wo der Glaube geht kommt der Aberglaube
AntiTaliban 09.01.2011
so sagte der Tübinger Theologe Martin Hengel vor über 20 Jahren einmal in seiner Vorlesung. Gegen die Kirchen und den Papst wird ständig polemisiert - sicher nicht ganz unverdient -, aber der übersinnliche Klimbim wird weitgehend unkritisch hingenommen. Der "Mainstream" schimpft auf die Kirche und macht auf Hokuspokus: Horoskope, New Age, fernöstliche Religiosität, Hellseherei, Homöopathie usw. Ich fürchte, dass da so mancher aus dem Regen in die Traufe geraten ist.
3. Physik wieder Erfahrungswissen
laosichuan 09.01.2011
Zitat von sysopVorhersagen, was in der Zukunft passiert - das ist Stoff für Science-Fiction-Filme. Oder tatsächlich machbar? Ein wissenschaftliches Journal veröffentlicht nun eine Studie, die angeblich belegt, dass Menschen dazu in der Lage sind. Die Fachwelt ist schockiert. Und widerspricht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,738163,00.html
Wenn es Präkognition geben sollte, müßte sich Information entgegen der Zeitachse bewegen, also von der Zukunft ins Jetzt, das ist ein Effekt der nach allem verfügbaren physikalischen Wissen auszuschließen ist. Auch im Alltag scheint Präkognition keine Rolle zu spielen. Wer kann schon vorhersehen, wie morgen die Börsendaten sind. Aber: es gibt viele Berichte, daß in Extremsituationen, kurz vor Unfällen, vor dem Tod ihrer Angehörigen, Menschen die Zukunft voraussehen konnten. Zu viele Berichte jedenfalls, um sie zu ignorieren. Suggestion, die Unzuverlässigkeit des menschlichen Gedächtnisses (im Nachhinein erworbenes Wissen führt zu der Annahme eine Präkognition gehabt zu haben) mag vieles erklären. Aber alles? Forschung bleibt spannend.
4. wtf
janeinistrichtig 09.01.2011
"Ereignisse bewusst oder unbewusst wahrnehmen" "Menschen können sexuelle Reize vorausahnen und aktiv ansteuern" Ich werde heute abend Sex haben. Ich sehe es voraus.
5. Alles Quatsch mit Soße oder auch nicht...
bigdaddy2 09.01.2011
Zitat von sysopVorhersagen, was in der Zukunft passiert - das ist Stoff für Science-Fiction-Filme. Oder tatsächlich machbar? Ein wissenschaftliches Journal veröffentlicht nun eine Studie, die angeblich belegt, dass Menschen dazu in der Lage sind. Die Fachwelt ist schockiert. Und widerspricht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,738163,00.html
Nach dem Kalender der Mayas soll ja 2012 die Welt untergehen. Dann wird sich zeigen ob Vorhersagen möglich sind oder nicht. Ich für meinen Teil glaube ja nicht an den Quatsch. Sollte jedoch wider erwarten die Welt untergehen, dann wird diese Erkenntnis die Menschheit knallhart treffen.
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Drei Einwände gegen Bems Studie
Beim Angeln beißt immer irgendein Fisch an.
Bem trennt nicht sauber zwischen Experimenten, in denen er nach neuen Zusammenhängen sucht oder eine klare Hypothese testet, werfen ihm die niederländischen Wissenschaftler vor. Ein Beispiel ist der Test, in denen die Teilnehmer die Position von erotischen, neutralen, positiven, negativen und romantischen Bildern vorausahnen sollten. In der Studie destilliert der Psychologe daraus die These, dass Menschen sexuelle Reize erahnen, weil nur bei den Pornofotos die Trefferquote etwas höher war. Aber was wäre gewesen, wenn die Probanden die positiven Bilder häufiger getroffen hätten? Oder die negativen seltener? Dann hätte Bem vielleicht eine neue Erklärung kreiert und es immer noch als Beweis für die Präkognition präsentiert. Forscher sollten genauer trennen, wann sie eine bereits aufgestellte These innerhalb eines klar definierten Experimentes testen und wann sie sich einfach auf einen Fischzug begeben, bei dem sie allerlei Untergruppen bilden, noch drei, vier andere Versuchsabwandlungen testen, bis sich irgendetwas Interessantes ergibt.
Die statistische Auswertung ist nicht optimal
Die von Bem genutzte Statistik überschätzt die Glaubwürdigkeit der Daten gegen die sogenannte Nullhypothese. Die Nullhypothese lautet in diesem Fall: Es gibt keine Vorhersehung. Aus Sicht der Forscher müsste man jedoch auch die Glaubwürdigkeit der Daten im Blick auf die alternative Hypothese (Vorhersehung existiert) prüfen. Nur weil die Daten mit Blick auf die Nullhypothese unwahrscheinlich sind, heißt das nicht, dass die Alternative stimmt. Sie meinen, dass es sinnvoll wäre, mehr als eine statistische Analyse anzuwenden und zu veröffentlichen. Wenn sich diese widersprechen, dann sollten Forscher darauf auch hinweisen. Wirklich überzeugende Daten würden, unabhängig von der Statistik, auch ähnliche Schlüsse zulassen.
Außergewöhnliche Thesen brauchen außergewöhnliche Beweise
Wenn ein Forscher ein extrem unwahrscheinliches Phänomen nachweisen will, braucht er dafür auch sehr starke Daten. Die präsentiert Bem aus ihrer Sicht eben nicht.


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