Psychologie: Der gefährliche Ärger über vertane Chancen
Wer sich über eine verpasste Gelegenheit ärgert, macht es beim nächsten Mal vielleicht besser. Aber das gilt offenbar nur in jungen Jahren, wie eine Studie von Hirnforschern jetzt nahelegt. Ältere Menschen sind in der Regel gelassener - solange sie nicht unter Depressionen leiden.
Es klingt so einfach: Man muss sich nur weniger über verpasste Chancen ärgern, und schon altert man zufrieden. Das zumindest besagt eine neue Studie, die deutsche Forscher im Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlicht haben. Wer gern vergebenen Möglichkeiten nachtrauert, weiß zwar, wie schwer es ist, dem Ratschlag der Wissenschaftler zu folgen. Aber ihre Studie zeigt wenigstens, wie das mit der Zufriedenheit funktionieren könnte.
Stefanie Brassen und ihre Kollegen vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ließen junge Menschen von etwa 25 Jahren und ältere von etwa 65 Jahren im Magnetresonanz-Tomografen ein Glücksspiel spielen. Sie mussten am Computer eine Reihe von acht Kisten öffnen, die entweder Gold enthielten oder einen Cartoon mit einem Teufel - dann war alles Gold futsch, das sie bisher gewonnen hatten.
Nach jeder Box konnten sie entscheiden, ob sie weitermachen oder aber aufhören und ihren Gewinn einstreichen. Taten sie letzteres, wurde ihnen sofort gesagt, wie viel mehr sie hätten gewinnen können, wenn sie mehr riskiert hätten.
Depressive geben sich selbst die Schuld
Bei den jungen Teilnehmern löste das in der Regel Bedauern und Ärger aus - und spornte sie an, in weiteren Spieldurchläufen ein größeres Risiko einzugehen. Interessanterweise reagierten Probanden mit Altersdepression auf die gleiche Art. "Obwohl die verpassten Chancen nur fiktive Verluste bedeuteten, stellten sie sich im Belohnungssystem des Gehirns ähnlich realen Verlusten dar", erklären Brassen und Kollegen.
Ganz anders verhielten sich ältere Menschen, die glücklich sind: Sie veränderten ihre Spielstrategie im Laufe des Experiments nicht. Nicht nur, dass sie dadurch insgesamt ebenso viel Geld verdienten wie ihre Mitspieler - das Belohnungszentrum in den Gehirnen der gesunden Älteren signalisierte auch trotz fiktiven Verlusts einen Gewinn. Nur bei einem wirklichen Verlust registrierten die Forscher eine Abschwächung der Aktivität im neuronalen Belohnungssystem, dem ventralen Striatum.
Bei dieser Probandengruppe waren auch die Areale des Gehirns, die Gefühle verstandesmäßig kontrollieren, stärker aktiv. Die Forscher vermuten daher, dass die Probanden ihr Bedauern über entgangene Chancen möglicherweise besser regulieren können: Sie erinnerten sich selbst daran, dass Verlieren und Gewinnen von Faktoren abhänge, die sie nicht beeinflussen könnten. "Menschen mit Altersdepression hingegen geben sich selbst die Schuld für das Ergebnis."
Der Schlüssel zu zufriedenem Altern
Die Forscher vermuten hinter ihren Erkenntnissen einen durchaus nützlichen Mechanismus. "In jungen Jahren können Versuche, bedauerliche Situationen zu bezwingen, dabei helfen, das zukünftige Verhalten zu optimieren", schreibt das Team um Brassen. Im Alter gibt es jedoch weniger Chancen zur Veränderung - damit sinkt auch der Nutzen, über Verpasstes nachzugrübeln.
"Ein gelassener Umgang mit Chancen, die man im Laufe seines Lebens verpasst hat, spielt eine entscheidende Rolle für die Lebenszufriedenheit im Alter", sagte Studienleiterin Brassen. Und er schütze möglicherweise auch vor Altersdepressionen. Zukünftige Studien müssten nun prüfen, ob eine solche Anpassung auch durch den Einsatz verhaltenstherapeutischer Maßnahmen frühzeitig gefördert werden könne. "Auch wenn wir alt sind", sagt Brassen, "können wir uns noch verändern."
mbe/dapd/dpa
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