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Psychologie der Finanzkrise: Die verrückte Mär vom irren Markt

Chaos an Finanzmärkten bricht immer dann aus, wenn emotionale Psychologie statt rationaler Ökonomie regiert - sagen Ökonomen. Der Psychologe Fritz Strack hält das für eine bequeme Ausflucht: Als ob die menschliche Psyche keinen Regeln folgte!

Wenn Wirtschaftswissenschaftler nicht mehr weiter wissen, nehmen sie oft Zuflucht zu der Ludwig Erhard zugeschriebenen Einsicht, dass 50 Prozent der Ökonomie Psychologie seien. Damit wollen sie darauf aufmerksam machen, dass menschliches Verhalten eben oft emotional bestimmt ist und nicht von den Theorien der rationalen Wirtschaftswissenschaften erklärt werden kann.

Börsenmakler (in Brasilien): Die "Psychologie" wird nicht selten als bequeme Ausrede benutzt, wenn Finanzmärkte ins Trudeln geraten
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Börsenmakler (in Brasilien): Die "Psychologie" wird nicht selten als bequeme Ausrede benutzt, wenn Finanzmärkte ins Trudeln geraten

Die gegenwärtige Finanzkrise ist ein ausgezeichnetes Beispiel. Die Ökonomie steht ratlos vor einer Entwicklung, die sie nicht vorhersagen konnte, und flüchtet in die Emotionalität. Plötzlich ist es nicht mehr das "normale" Gewinnstreben, welches das Handeln der Akteure bestimmt, sondern deren übermäßige Gier. Diese Sichtweise hat Vorteile. So können die Wirtschaftswissenschaften ihre Zuständigkeit zurückweisen und das Verhalten in die Nähe einer Todsünde rücken und pathologisieren. Dann sind die Seelsorger gefragt und nicht mehr die Ökonomen.

So gelegen diese Einschätzung auch kommen mag, die willkürliche Ausgrenzung eines Verhaltens trägt wenig zu dessen tieferem Verständnis bei, zumal man vom Ergebnis einer Handlung keineswegs auf den zugrunde liegenden Prozess schließen kann. Auch rationale Überlegungen können zu Fehlentscheidungen führen, und eine Schwäche der Vernunft ist nicht zwangsläufig ein Beleg für emotionales Handeln.

Warum Glücksspiele so beliebt sind

Ein Beispiel ist die Einschätzung des Risikos. Aus ökonomischer und psychologischer Sicht ist der Nutzen einer Entscheidung nicht nur am Wert des Ergebnisses zu messen, sondern auch an der Wahrscheinlichkeit seines Eintretens. Der Nutzen wird deshalb als das Produkt aus Wert und Erwartung definiert, so dass der sichere Gewinn von hundert Euro als genauso nützlich gilt wie der Gewinn von tausend Euro mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent.

Zum Autor
Fritz Strack, 61, ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität Würzburg. Er gilt als international renommierter Forscher auf den Gebieten soziale Kognition, Emotion und Verhalten. Von 2007 - 2010 war er Mitglied der Senatskommission zur Prüfung wissenschaftlichen Fehlverhaltens an der Uni Würzburg.

Während Entscheidungsträger sich einfach am Wert eines Ergebnisses - der ja in Geldeinheiten leicht erfassbar ist - orientieren können, ist die Wahrscheinlichkeit des Eintretens, das Risiko, viel schwerer greifbar. Dies ist ein Grund, warum Glücksspiele so populär sind. Es macht für uns kaum einen Unterschied, ob die Gewinnchance bei einem Zehntel oder einem Hundertstel Prozent liegt, obwohl sich der Nutzen um ein Zehnfaches unterscheidet. Deshalb nehmen wir für einen potentiell hohen Gewinn viel mehr Verlust in Kauf, als es auf der Grundlage der Wahrscheinlichkeit seines Eintretens gerechtfertigt wäre. Und aus demselben Grund sind wir bereit, für einen Zinspunkt mehr die Bank zu wechseln, selbst wenn dies eine Vervielfachung der Verlustwahrscheinlichkeit bedeutet.

Um überhaupt eine Risikoeinschätzung vornehmen zu können, werden meist Heuristiken (einfache Faustregeln) angewandt, wie zum Beispiel ein vermeintlicher Trend bei der Wertentwicklung in der Vergangenheit oder die Einschätzung von Experten. Diese menschliche Schwäche öffnet natürlich Tür und Tor für gezielte Einflussnahmen und Manipulationen. Dies gilt umso mehr, wenn das Risiko verschleiert wird - wie bei den Finanzderivaten, die wesentlich zur jetzigen Krise beigetragen haben. Und wenn die Experten (hier: die Rating-Agenturen) mit den Anbietern unter einer Decke stecken, ist der Kunde völlig verloren.

Dazu kommen Anreizsysteme, die es Verkäufern und Käufern ersparen, das Risiko realistisch einzuschätzen. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die Entscheidung dem Handelnden selbst keinen Schaden zufügt. Kurzfristige Belohnungssysteme, die lediglich von der Höhe des Gewinns bestimmt werden, ohne bei Misserfolg einen Verlust spürbar zu machen, verhindern eine ausreichende Berücksichtigung des Risikos. Deshalb sind Prämien, die sich auf einen längeren Zeitraum erstrecken, viel besser geeignet, auch Verluste und somit das Risiko in die Entscheidung einfließen zu lassen.

Grundlegendes menschliches Defizit ausgenutzt

Aus psychologischer Perspektive ist die derzeitige Finanzkrise deshalb auf ein grundlegendes menschliches Defizit zurückzuführen: die Schwierigkeit, Wahrscheinlichkeiten richtig einzuschätzen und diese bei Entscheidungen angemessen zu berücksichtigen. Und diese Schwäche wurde in ihrer Wirkung durch fehlende Transparenz und risikoloses Gewinnstreben potenziert.

Wenn der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank seinem Unternehmen eine Rendite von 25 Prozent vorgibt, so hat dies nichts mit einer üblichen Wertschöpfung zu tun. Ein solches Ziel ist nur erreichbar, wenn es der Bank gelingt, im großen Geschäft der Risiken erfolgreich mitzumischen. Dass dies in eine Selbsttäuschung mündete, ist die Ironie des Schicksals.

Aber es war nicht die Gier, die Herrn Ackermann, seine Kollegen und Mitarbeiter oder gar die Kleinsparer auf diesen Weg geführt hat. Es war das gemeine Gewinnstreben, das in der Konkurrenz mit anderen Investmentbanken katastrophale "Benchmarks" gesetzt hat und ihren Kunden die Illusion der höheren Rendite ohne entsprechendes Risiko verkauft hat.

Sicher, die betroffenen Finanzakteure haben versagt. Trotzdem ist es wenig nützlich, ihrem Verhalten einen Sonderstatus zu verleihen. Es ist sinnlos, bei den Betroffenen Reue oder therapeutische Einsicht zu erwarten. Bewusste Täuschung muss bestraft und Fahrlässigkeit sanktioniert werden. Vor allem aber ist es erforderlich, Regeln für wirtschaftliches Handeln vorzugeben, die Defizite der menschlichen Urteilsbildung in Betracht ziehen und die Beteiligten vor der Ausbeutung ihrer Schwächen schützen. Dies gilt für den riskanten Einsatz von Geld nicht nur am Spieltisch, sondern auch am Bankschalter.

Dazu sind nicht nur Erkenntnisse der Ökonomie, sondern aller Wissenschaften von Bedeutung, die menschliches Urteilen und Handeln zum Gegenstand haben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. titel
Darjaan 23.10.2008
Wenn unsere Finanzmärkte Aufgrund von psychologischen Einflüssen zusammenbrechen, muss man das System hinterfragen. Es würde auch niemand in Flugzeuge steigen die abstürzen weil einige Passagiere Flugangst haben.
2. Irrationalität in den Wirtschaftswissenschaften
Janu, 23.10.2008
Im Prinzip kann das 'Versagen der Märkte' auf drei mögliche Ursachen zurückgeführt werden: 1. Inkompetenz der Akteure 2. Kriminelle oder unethische Verhaltensmuster der Akteure 3. Ein Versagen der Modelle der Wirtschaftswissenschaften Bislang werden hauptsächlich die ersten beiden Faktoren als mögliche Ursachen für die Krise diskutiert, doch es spricht vieles dafür, dass der dritte Punkt der Bedeutendste der drei Genannten ist. Dafür spricht vor Allem, dass die Krise von Vielen, jedoch kaum von den 'Wirtschafts-Experten' vorausgesehen wurde. Wahrscheinlich: nicht vorausgesehen werden konnte, weil die Wirtschaftswissenschaften auf falschen Modellen beruhen. Insbesondere das stark verwendete Modell des 'homo oeconomicus' ist ein Parade-Beispiel für eine (aus Sicht wissenschaftlicher Psychologie) irrationale (weil wissenschaftlich und empirisch unzureichend überprüfte) Konstruktion, die in den Wirtschaftswissenschaften jedoch, weil vielfach verwendete mathematische Modelle darauf beruhen, seit Jahrzehnten als rationale Konstruktion und als eine der Grundvoraussetzungen der Wirtschaftswissenschaften missverstanden wird. Es ist tatsächlich aus Sicht anderer Wissenschaften so: nicht die Krise ist irrational, sondern einige der wichtigsten Methoden der Wirtschaftswissenschaften sind irrational, und andere viele Andere sind schlicht lückenhaft. Lässt man diesen Gedanken zu, bedeutet das, dass die Ausbildung in dem Bereich möglichst schnell überprüft und umgestellt werden muss. Schon allein weil wir uns Millionen falsch ausgebildeter Wirtschafts-Experten nicht mehr länger leisten können. Ansätze wie die Verhaltens-Ökonomie, die bislang nur ein Schattendasein führen, stellen einen Ausweg aus der Irrationalität zur Entwicklung einer echten Wissenschaftlichkeit dar, und darauf kann und sollte weitaus mehr zurückgegriffen werden.
3. Wirtschaft ist keine Mathematik!!!
Marthrax 23.10.2008
Sehr schöner Aufruf! Die Wirtschaftswissenschaften sehen sich gerne in einer Reihe mit der Mathematik oder den Naturwissenschaften, dabei ist "wirtschaften" doch ein sozialer Prozess der sich zwischen Menschen abspielt, mit all ihren Stärken und Schwächen! Ich hoffe, dass wenn schon nicht die Banker, dann zumindest mehr Politiker und zivilgesellschaftliche Akteure aufhören die Wirtschaft wie ein in sich geschlossenes, rationales System zu betrachten. Nichts was Menschen anpacken kann zu 100% ratinal sein, auch nicht wenn es Wirtschaftwissenschaftler von irgendwelchen Business Schools sind! Die psychologischen und sozialen Komponenten müssen einen viel größeren Raum innerhalb der Wirtschaftswisschenschaften einnehmen! Auch neuere neurowissenschaftliche Erkenntnisse verdeutlichen, dass vor allem die Rational Choice Theorien auf den Müllhaufen der Geschichte gehören! Der Mensch ist nunmal nicht so frei und rational wie ihn das Bildungsbürgertum gerne hätte! Umso wichtiger ist es die Menschen erst besser zu verstehen bevor man an Systemen herum nörgelt oder ebendiese verteidigt!
4. Psycho???
hermannfb 23.10.2008
Ich frage mich bereits seit Längerem, ob man diesem Börsen auf und ab überhaupt mit realen Mitteln beikommen kann! Wo spiegelt Börse denn noch einen realen Wirtschaftswert ab? Und die Finanzmärkte ? Wo sind denn da noch reale Dinge zu sehen? Ist nicht der gesamte Markt in der Hand von Spekulanten, die heute zu 90 % ?? das Wirtschaftsgeschehen an Börsen und Waren( Termin ) märkten bestimmen? Runter die Börsen, kaufen und bereits nach kürzester Zeit zur Risikominderung Gewinne mitnehmen und wieder verkaufen, das scheint angesagt zu sein! Ölpreis ?? Fern jeder Realität ! Goldpreis sackt ins Bodenlose? ( unter 700 $ ? ) Ist das nicht ALLES Spekulation ? HFB
5. Erfreulich sachliche Analyse
niemayer, 23.10.2008
Als Naturwissenschaftler lese ich selten Meinungsäußerungen von Psychologen, die ich ernstnehmen kann. Daher freut es mich besonders, in diesem Artikel eine so erfreulich sachliche Ausnahme zu finden, der ich voll zustimmen kann. Es wird dringend Zeit, dass Rahmenbedingungen für Märkte geschaffen werden, die hochriskantes Glücksspiel mit dem Geld anderer Leute nicht länger belohnen.
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