Psychologie "Genießen Sie Ihre Halluzinationen"

Halluzinationen sind kein Grund zur Panik - behauptet zumindest der Psychologe Erich Kasten. Er sammelt seit zehn Jahren Berichte über Wahnvorstellungen. Im Interview erklärt er, warum die meisten Menschen irgendwann Trugbilder sehen - und weshalb die in der Regel völlig harmlos sind.


Frage: Sie behaupten, jeder könne Halluzinationen haben. Was löst sie aus?

Kasten: Manchmal reicht es, wenn jemand sehr oft allein ist. Viele ältere Menschen mit wenig Kontakt zu anderen hören Stimmen, obwohl sie psychisch vollkommen gesund sind. Das kommt besonders häufig vor, wenn sie auch schlecht hören. Und wenn jemand sozial isoliert ist, hat er mit großer Wahrscheinlichkeit nach einer Weile Halluzinationen.

Schreiender Patient: "Ich glaube, dass es nicht viel bringt, zwischen normalen und krankhaften Halluzinationen zu unterscheiden"
Corbis

Schreiender Patient: "Ich glaube, dass es nicht viel bringt, zwischen normalen und krankhaften Halluzinationen zu unterscheiden"

Frage: Woher wissen Sie das?

Kasten: Das haben Experimente gezeigt, in denen Versuchspersonen tagelang in völlig stillen und dunklen Kammern lebten. Die standen irgendwann auf und dachten, jemand hätte das Licht angemacht. Sie bildeten sich ein, sie könnten zum ersten Mal den Raum sehen – hier das Bett, da die Tür. Dann liefen sie aber irgendwo gegen, weil eben nichts davon real war.

Frage: Wie unterscheiden sich solche Erlebnisse von krankhaften Halluzinationen?

Kasten: Gar nicht. Sowohl die soziale Isolation als auch eine Schizophrenie können dazu führen, dass jemand Stimmen hört oder Bilder sieht. Ich glaube, dass es nicht viel bringt, zwischen normalen und krankhaften Halluzinationen zu unterscheiden.

Frage: Haben psychisch gesunde Menschen oft Halluzinationen?

Kasten: Ja, sehr häufig, und nicht nur in finsteren Kammern. Nur ein Bruchteil der Betroffenen ist psychotisch oder schizophren. Trugwahrnehmungen sind doch Alltagsphänomene: Nicht nur einsame ältere Menschen kennen sie, sondern auch Kinder – viele haben imaginäre Spielkameraden und sehen diese regelrecht. Auch Träume sind eine Form von Halluzinationen, wir erleben sie alle jede Nacht.

Frage: Was haben Träume mit Trugwahrnehmungen gemeinsam?

Kasten: Sie wirken absolut real, genau wie Halluzinationen. Ich habe vergangene Nacht geträumt, ich hätte heute Morgen meinen Termin verpasst. Das war so lebensecht. Vor Schreck bin ich aufgewacht und habe erst dann gemerkt: Ach nein, es ist erst Nacht, ich hab ja noch Zeit.

Frage: Was erleben die Menschen, die auch im wachen Zustand mit solchen Scheinwelten konfrontiert sind?

Kasten: Viele, die in meine Praxis kommen oder mir E-Mails schreiben, machen Furchtbares durch. Eine Patientin sah ihre Mutter in einer Badewanne voller Blut, im Kleiderschrank hingen Menschen, und draußen bekamen die Bäume Arme.

Frage: Was hatte die Patientin?

Kasten: Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Wenn die Leute so schlimme Erlebnisse haben, hängt das tatsächlich oft mit psychischen Störungen zusammen. Aber viele sprechen auch positiv über ihre Halluzinationen. Ich weiß von einer Frau, die sich während einer Kur sexuell stark zu einem verheirateten Mann hingezogen fühlte. Eine Beziehung ergab sich nicht, aber als die Frau wieder zu Hause war, sah sie diesen Mann immer wieder in ihrem Schlafzimmer und hörte ihn erotische Dinge zu ihr sagen. Manchmal hatte sie sogar das Gefühl, er würde sie berühren.

Frage: Was raten Sie den Betroffenen?

Kasten: Leute, die stark unter ihren Halluzinationen leiden, sollten sich medizinisch und psychotherapeutisch behandeln lassen. Sie können aber auch lernen, mit den Trugbildern zu leben und sie einfach zu akzeptieren. Ich habe zum Beispiel seit fünf Jahren per E-Mail Kontakt zu jungen Patienten, die das schaffen. Wenn das eine Mädchen nach Hause kommt und eine schwarze Figur auf dem Sofa sitzen sieht, sagt sie: "Ach, hi, bist du auch da?" Manchen Betroffenen empfehle ich sogar, zu versuchen, ihre Halluzinationen als besondere Fähigkeit zu genießen.

Frage: Das sagen Sie Ihren Patienten?

Kasten: Ja, denn das Wichtigste ist, den Leuten die Angst zu nehmen – die meisten fragen zuerst, ob sie jetzt verrückt sind. Das nehme ich ernst, denn wer jedes Mal furchtbare Panik bekommt, wenn er halluziniert, wird wahrscheinlich schon allein deshalb psychisch krank. Sagt man den Betroffenen aber, dass Halluzinationen meist harmlos sind und fast jeder schon welche hatte, regen sich die meisten wieder ab. Sie nehmen die Trugbilder weniger wichtig, sodass sie weniger bösartig wirken und gerade deshalb oft wieder verschwinden.

Frage: Unabhängig von der Ursache?

Kasten: Nicht ganz. Bei einer Schizophrenie oder bei Hirnschäden kann es schwieriger sein, die Trugbilder loszuwerden.

Frage: Wie lösen Hirnschäden Halluzinationen aus?

Kasten: Bilder aus dem Gedächtnis, die normalerweise zurückgehalten werden, gelangen ins Bewusstsein. Grundsätzlich entstehen Halluzinationen, wenn Hirnareale, in denen Sinneswahrnehmungen verarbeitet werden, zu aktiv oder zu wenig gehemmt sind. Manche Drogen führen zum Beispiel zu einer Überaktivität, einige Hirnschäden dagegen zu einer mangelnden Hemmung.

Frage: Also haben viele Menschen den Kopf voller Trugbilder, halten diese aber zurück?

Kasten: Nicht nur viele, sondern alle. Solange unser Gehirn viele neue Informationen aufnimmt oder wir angestrengt nachdenken, werden diese Bilder unterdrückt. Die Hemmung kann aber wegfallen – durch Bewusstseinsstörungen, Drogen oder Alkohol. Oder durch mangelnden Input, so wie bei den Versuchspersonen, die sich in der dunklen Kammer ohne Reize von außen aufhielten.

Frage: Was passiert dann?

Kasten: Spontanimpulse von Nervenzellen breiten sich aus, und dann können die verrücktesten Bilder zum Vorschein kommen. Das können Sie selbst ausprobieren, wenn Sie sich im wachen und konzentrierten Zustand auf das Sofa legen und die Augen schließen.

Das Interview führte Susanne Schäfer.

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