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Psychologie: "Ich bin grandios, alle anderen sind Flaschen"

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer über den Umgang mit Macht, gesunden Narzissmus und die Kunst der Menschenführung

SPIEGEL: Herr Schmidbauer, Sie arbeiten nicht nur als Psychoanalytiker, sondern auch in den Bereichen Supervision und Coaching. Welche Eigenschaften sollte eine gute Führungskraft mitbringen?

Chef und Mitarbeiter: Menschenführung will gelernt sein
Corbis

Chef und Mitarbeiter: Menschenführung will gelernt sein

Schmidbauer: Führungsaufgaben sind im Grunde Beziehungsaufgaben. Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder, dass sich Menschen mit einem gestörten Selbstgefühl schnell in Probleme verwickeln, ohne dass ihnen das bewusst ist.

SPIEGEL: Können Sie das erläutern?

Schmidbauer: Ich unterscheide zwischen einem gesunden, reifen und einem gestörten, kranken Narzissmus. Wir alle haben Machtgelüste und das Bedürfnis nach Selbstausdruck und Grandiosität. Die Frage ist nur, wie sehr wir uns dies eingestehen und wie wir den gesunden Narzissmus auf gute Weise stabilisieren.

SPIEGEL: Was treibt Vorgesetzte, die auf Schwächen und Fehler ihrer Mitarbeiter streng und hart reagieren?

Schmidbauer: Führen und erziehen, das sagte schon Sigmund Freud sinngemäß, sind die Professionen, bei denen man sicher sein kann, dass man nie alle gleichermaßen zufriedenstellt. Es gibt viele pseudostarke Chefs, deren Narzissmus nicht in der Balance ist. Sie geben vor, alles im Griff zu haben, versäumen aber, die richtigen Fragen zu stellen und ihr Team kreativ arbeiten zu lassen. Dadurch entstehen grobe Fehler.

SPIEGEL: Beispielsweise?

Schmidbauer: Das Selbstgefühl solcher Chefs schreit dauernd: "Ich bin grandios, alle anderen sind Flaschen." Sie feiern mit der Abwertung der Mitarbeiter dauernd die eigene Stärke, Misserfolge werden auf die Unfähigkeit anderer reduziert, Widersprüche niedergebügelt. Solche Chefs umgeben sich gern mit Schmeichlern, die ihnen auch angesichts von Fehlern dauernd huldigen.

SPIEGEL: Zu unserer Überraschung empfehlen Sie in Ihrem Buch "Persönlichkeit und Menschenführung", die Schriften von Macchiavelli zu lesen, die gemeinhin eher als Anleitung für skrupellose Machtmenschen gelten.

Schmidbauer: Ich mache ja viel Supervision bei Sozialberuflern. Die sind häufig sehr naiv, was Strukturen der Macht angeht, sie haben wenig oder kein Bewusstsein dafür, was Machtzuwachs eigentlich bedeutet. Sie übernehmen eine Führungsposition, sind dankbar für die Beförderung und geben sich den Mitarbeitern gegenüber großzügig. Insgeheim haben sie ein schlechtes Gewissen, weil sie plötzlich Macht haben. Also tun sie in kumpeliger Manier so, als hätte sich nichts geändert.

SPIEGEL: Und distanzieren sich auf diese Weise von ihrem Machtzuwachs?

Schmidbauer: Es gibt Chefs, die an ihrer Gutherzigkeit oder ihrem Helfersyndrom scheitern. Solche eher depressiven Persönlichkeiten gibt es durchaus auch in der Wirtschaft. Sie halten den Druck nicht aus, weil sie ihre Rolle nicht finden und von allen geliebt werden möchten. Die brauchten Hilfe, bevor sie körperlich zusammenbrechen. Es ist sinnvoll, sich klarzumachen: Wie gehe ich mit meiner Macht um?

SPIEGEL: Was sind dabei typische Fehler?

Schmidbauer: Ein Beispiel: Ein Arzt wird Klinikchef. Einer seiner Kollegen kommt zu ihm und klagt über sein Zimmer. Er will ein besseres, und der Chef verspricht ihm das auch. Dann kommt ein zweiter, der ebenfalls ein neues Zimmer fordert. Der Chef hat aber nur ein größeres zu vergeben. Er könnte die Zimmervergabe an Bedingungen knüpfen, tut es aber nicht und hat über kurz oder lang Krach mit beiden Kollegen. Er möchte als liebevoll und besorgt gelten, wird aber nur als unfähig erlebt.

SPIEGEL: Inwieweit spielen unser Unbewusstes und sein "Führungsanspruch" eine Rolle beim Chef-Sein?

Schmidbauer: Ich denke, dass uns viele unserer narzisstischen Bedürfnisse, also unsere Wünsche nach Anerkennung und Prestige, nicht bewusst sind. Und viele Führungskräfte tun sich schwer mit der Einsamkeit einer Chefsituation, die damit zu tun hat, dass man nicht mehr so nah an den Kollegen dran ist wie früher.

SPIEGEL: Sind wir alle von Narzissmus getrieben?

Schmidbauer: Ja, alle Menschen haben Anerkennungsbedürfnisse. Der Narzissmusbegriff ist nützlich, um die Belastbarkeit des Selbstgefühls zu beurteilen. Ist die narzisstische Struktur stabil, sagt der Vorgesetzte: Der Mitarbeiter hat einen Fehler gemacht, arbeitet jedoch sonst gut, ich konfrontiere ihn, vermittle ihm gleichzeitig aber meine Wertschätzung. Ein anderer Chef kann Kränkungen nicht angemessen verarbeiten. Sein Selbstgefühl bricht unter Belastung zusammen; Er zeigt destruktive Reaktionen, um das auszugleichen. Er reagiert beispielsweise auf den Fehler eines Mitarbeiters so, als wäre dieser ein totaler Versager. Er entwertet ihn vollständig und ist, bewusst oder unbewusst, davon überzeugt, dass er mit dieser Kritik im Recht ist. Ergebnis: Der Mitarbeiter fühlt sich schlecht behandelt und kündigt womöglich.

SPIEGEL: Oder flüchtet sich in eine innere Kündigung.

Schmidbauer: Ja. Ein solcher Chef schafft ein Klima der Angst oder der Resignation.

SPIEGEL: Also sollte sich jeder Chef in seiner eigenen Psyche etwas auskennen und sein Verhalten kritisch reflektieren?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
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1. emotionale Unreife
Boone 06.05.2009
Was immer es ist, was man als Chef in seiner Abteilung bei den Mitarbeitern sehen oder gar entwickeln möchte, man kann anderen nicht geben, was man selber nicht hat. Man kann anderen kein Selbstwertgefühl vermitteln, wenn man keines besitzt. Keine Großzügigkeit, wenn man ein Korinthenkacker ist. etc etc Leider sind die meisten in Führungspositionen befindlichen Menschen, so meine Erfahrung, vollkommen ungeeignet, weil ihr emotionaler Reifegrad sich auf dem Stand eines Teenagers befindet.
2. Never change a running System
der_durden 06.05.2009
Zitat von BooneWas immer es ist, was man als Chef in seiner Abteilung bei den Mitarbeitern sehen oder gar entwickeln möchte, man kann anderen nicht geben, was man selber nicht hat. Man kann anderen kein Selbstwertgefühl vermitteln, wenn man keines besitzt. Keine Großzügigkeit, wenn man ein Korinthenkacker ist. etc etc Leider sind die meisten in Führungspositionen befindlichen Menschen, so meine Erfahrung, vollkommen ungeeignet, weil ihr emotionaler Reifegrad sich auf dem Stand eines Teenagers befindet.
Ja, man könnte meinen, dass Karriere mit Führungsanspruch auf Kosten des EQ geht. Das ist eine Blüte unseres kapitalistischen Systems. Die Notwendigkeiten für Erfolg haben sich extrem auf Zahlen verlagert. Keiner traut sich hier auszubrechen, da man Angst hat, das momentane System zu verlieren... Frei nach dem Motto "Never change a running System"
3. Blender
RoLf132 06.05.2009
Blender und Schwächlinge suchen sich als Mitarbeiter Blender und Schwächlinge aus, weil sie von ihnen am wenigsten zu befürchten haben. Und so gebiert eine Blendergeneration die nächste.
4. Wieder gelungenes Interview...
eikfier 06.05.2009
Zitat von sysopDer Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer über den Umgang mit Macht, gesunden Narzissmus und die Kunst der Menschenführung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,622041,00.html
...und ehrliche Frage vorneweg: was könnte Print hier besser gemacht haben? Versiert-kompetenter Interviewter,Wolfgang Schmidbauer, und klug-kompetente journalistische Fragestellerin,Angela Gatterburg, die als Frau auch natürlich ganz nebenbei und wie selbstverständlich die (immer noch,leider!) besondere Rolle der weiblichen Cheffin herausfragt...hat mir wieder gefallen!
5. .
frubi 06.05.2009
"Ich bin grandios, alle anderen sind Flaschen" wer so denkt brauch gar nicht in meine Nähe zu kommen. Respekt ist das oberste gebot. Ist dieser nicht vorhanden ist eine Zusammenarbeit schon vorher zum scheitern verdammt. Ich selber bin in unserem Familienunternehmen mit 22 schon in einer kleineren Führungsposition. Nebenbei habe ich bis vor einem Jahr noch eine Sektion eines American-Football Jugendteams trainiert. In beiden Bereichen (Beruf u. Hobby) muss man eine gesunde Balance zwischen Authorität und Respekt finden. Das gelingt nicht immer und man muss auch mal unpopuläre Entscheidungen treffen aber wie man mit so einer Grundeinstellung (siehe oben) durchs Leben wandern kann geht nicht in meinen Kopf.
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