Psychologie In korrupten Staaten wird mehr geschummelt

Wie das Land, so seine Bürger: Wo es im Großen korrupt zugeht, werden auch im Kleinen mehr Regeln gebrochen. Dies haben Wissenschaftler bei einem Spiel festgestellt.

  Schmiergeldübergabe (Symbolbild)
Corbis

Schmiergeldübergabe (Symbolbild)


In unehrlichen und korrupten Systemen neigen auch die Bürger zu Unehrlichkeit. Dort, wo die Schattenwirtschaft blüht oder Steuerbetrug als Kavaliersdelikt gilt, beugen die Menschen auch im Kleinen eher mal die Regeln, berichten die Wissenschaftler Simon Gächter und Jonathan Schulz im Fachblatt "Nature". Die Deutschen sind der Studie zufolge dagegen ganz vorn mit dabei beim Einhalten von Regeln.

Gächter und Schulz, beide unter anderem an der University of Nottingham tätig, hatten für 159 Länder zunächst einen "Vorkommen-von-Regelverletzungen"-Index erstellt. Dazu nutzten sie vorhandene Daten aus dem Jahr 2003 - etwa zum Ausmaß von Steuerbetrug und Korruption und zur Qualität der politischen Institutionen eines Landes. Ein hoher Indexwert bedeutet ein vergleichsweise hohes Maß an Betrug und Unehrlichkeit.

War es wirklich eine Fünf?

Zusätzlich machten sie mit insgesamt 2568 Menschen aus 23 Ländern ein Experiment: Die Teilnehmer sollten völlig unbeobachtet zweimal einen Würfel rollen lassen und den Forschern dann die jeweils erste gewürfelte Zahl mitteilen. Für ihren Wurf bekamen sie Geld, und zwar umso mehr, je höher die gewürfelte Zahl war. Lediglich eine Sechs brachte keinen Gewinn. Mit dem Experiment stellten die Forscher die Ehrlichkeit der Teilnehmer auf die Probe: Warum nicht einfach eine Fünf melden, auch wenn man eine Eins gewürfelt hat?

Anhand der Verteilungswahrscheinlichkeiten berechneten die Forscher, wie oft beim Ergebnis gelogen wurde. "Grundsätzlich waren die Leute aus allen untersuchten Ländern verblüffend ehrlich", erläutert Simon Gächter das Testergebnis. "Sie lügen nicht maximal, um ihren Gewinn zu vergrößern." Das entspreche einer gängigen Theorie, die besagt, dass Menschen ein positives Selbstbild von sich bewahren wollten und deshalb nicht einfach so lügen.

Unterschiedliche Regeltreue

Was allerdings quer durch alle Länder dennoch zu beobachten war, ist Folgendes: Die Teilnehmer nahmen es mit der Wahrheit nicht ganz genau. Sie nannten häufiger die höhere der beiden Würfelzahlen, auch wenn sie als zweites gefallen war. Statistisch lässt sich diese Form der Wahrheitsdehnung vom reinen Erfinden einer Zahl unterscheiden. "Die Teilnehmer betrogen nicht frei heraus, aber sie legten die Tatsachen etwas zu ihren Gunsten aus", sagt Gächter.

Und diese sogenannte gerechtfertigte Unehrlichkeit stand in eindeutigem Zusammenhang mit dem zuvor bestimmten Indexwert eines Landes, berichten die Wissenschaftler. "Je verbreiteter Steuerbetrug, Korruption oder andere Regelverletzungen in einem Land sind, desto eher beugen auch die Bürger die Regeln." Einen ähnlichen Zusammenhang hatten Forscher 2006 bei der Analyse von Parktickets für Diplomaten in New York entdeckt.

Die neue Studie zeigt allerdings nur eine Korrelation - keine Ursache-Wirkung-Beziehung. Die Beobachtung bedeutet auch nicht zwingend, dass Bewohner bestimmter Länder unehrlicher sind als andere. Womöglich passen sie ihr Verhalten auch nur den jeweiligen Gepflogenheiten an.

Schädliche Korruption

Besonders viele völlig aufrichtige Menschen - die eine Sechs nannten, obwohl sie dann kein Geld bekamen - stammten aus Ländern mit einem niedrigen Index und gut funktionierenden politischen Institutionen. Dazu gehörten etwa Deutschland, Österreich, Großbritannien oder Schweden.

Die Studie eröffne viele weitere interessante Fragen - etwa, wie sich der Kontakt der Bürger zu anderen Nationen, auf Reisen, über Geschäftskontakte oder bei Migrationsbewegungen, auf ihre innere Ehrlichkeit auswirke, schreibt Shaul Shalvi von der Universität Amsterdam in einem Kommentar zur Studie. Die Arbeit mache deutlich, dass die Kosten von Korruption nicht rein finanzieller Natur seien und den Menschen ökonomischen Reichtum und ökonomisches Wachstum vorenthalten. Vielmehr gefährde sie womöglich auch ihre Ehrlichkeit insgesamt.

Segensreiche Lügen

hda/dpa

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insgesamt 6 Beiträge
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viceman 10.03.2016
1. in diesem zusammenhang
verweise ich mal auf den artikel " darum darf vdl ihren doktor behalten" . nehme ich diesen als maßstab, oh oh...
rumal55 10.03.2016
2. Deutschland
.....hat das Strafrechtsübereinkommen über Korruption von 1999 ! des Europarats nicht.......ratifiziert......... Deutschland gilt in der Unterwelt als " Eldorado " für Geschäfte aller Art, was die Korruption fördert. Artikel in Neo Press vom 12.11.2015
albert schulz 10.03.2016
3. Seilschaften aller Art
„Je mehr Beamte, desto mehr Korruption“ lehrte mich einmal ein Freund, der in hohen Funk-tionen sein Leben lang die Welt bereist hatte. Ich meinte, dann müßte Deutschland Spitzen-leistungen auf dem Gebiet vorweisen können. Das verdroß den alten Genossen sichtlich. Ich hätte ihm natürlich erzählen können, daß die Korruption bei uns seit dem Mittelalter institu-tionalisiert ist mitsamt den ganzen Vorteilgewährungen, die vor allem in der Vergabe von Jobs, Aufgaben, Funktionen bestünden. Proportioniert.
karljosef 10.03.2016
4. Wie lange ist es her, dass wir uns über Berlusconi und Co. belachen konnten
Es muss lange her sein...
albert schulz 10.03.2016
5. andere Länder andere Sitten
Zitat von karljosefEs muss lange her sein...
Da gab es doch die Geschichte mit dem Balken im eigenen Auge. Die Mafia ist eine leibenswerte und harmlose Laienspielgruppe verglichen mit unseren Institutionen.
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