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Psychologie: Klicks gegen die Angst

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Die Behandlung von psychischen Krankheiten wandelt sich dramatisch: Computer übernehmen die Arbeit von Psychologen und Ärzten. Online-Therapien bieten Vorteile für Patienten und Therapeuten - sind aber umstritten.

Therapeutische Hilfe: Der Computer stellt Fragen, der Mensch antwortet per Mausklick Zur Großansicht
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Therapeutische Hilfe: Der Computer stellt Fragen, der Mensch antwortet per Mausklick

Er war zum Wunderheiler gegangen, hatte spiritistische Sitzungen besucht, in Kirchen gebetet und auf der Couch eines Psychotherapeuten gelegen. Als die Depression trotzdem nicht verschwand, suchte Udo Rölleke im Internet nach einem Mittel - und fand eine Website, die Besserung versprach. In nur drei Monaten, ohne Therapeut, mit einem automatischen Behandlungsprogramm. "Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie eine Therapie am Bildschirm funktionieren sollte. Aber ich brauchte so dringend Hilfe, dass ich mich darauf eingelassen habe", erinnert er sich.

Ein Computer als Psychologe? Was zunächst so abwegig klingt, wie Roboter als Altenpfleger einzusetzen, könnte bald Normalität sein - zumindest wenn es einfachere Seelenleiden wie Angstzustände oder Depressionen zu behandeln gilt. Das hat gute Gründe. Zum einen klagen zwar immer mehr Menschen über psychische Probleme, die Zahl der Therapieplätze aber wird immer knapper. Könnten sich Computer um die leichteren Fälle kümmern, hätten Therapeuten künftig vielleicht mehr Zeit für die schweren. Zum anderen können Therapieangebote im Netz auch Menschen helfen, die weit entfernt von der nächsten geeigneten Praxis wohnen. Wie etwa Udo Rölleke, der als Exildeutscher seit 25 Jahren in Brasilien lebt, aber dort keinen Therapeuten fand, der ihm weiterhalf. Und schließlich könnten Therapieprogramme vielleicht sogar helfen, die Ausgaben der Krankenkassen für Therapien zu senken.

Allerdings gibt es eine hohe Hürde: Bisher gilt die Beziehung zwischen Hilfesuchenden und Therapeuten in allen Schulen der Psychotherapie als Voraussetzung für eine Heilung. Der Therapeut soll den Patienten emotional unterstützen, ihn motivieren und als Sparringspartner dienen, der mit ihm für Konflikte im Alltag trainiert. Die neuen Programme zur Onlinebehandlung wären ein Paradigmenwechsel. Die Zunft steht vor der grundsätzlichen Frage: Wie viel Therapeut braucht eine Therapie tatsächlich?

"Es hieß, der Computer werde mit mir sprechen", erzählt Udo Rölleke. Jahrelang hatte der 57-Jährige seine Familie mit zwei Jobs ernährt, tagsüber Autozubehör verkauft und anschließend in seinem thailändischen Restaurant gekocht. Irgendwann brach er zusammen, wurde geschüttelt von Weinkrämpfen, kam nicht mehr aus dem Bett. Ein Psychiater verschrieb ihm Tabletten, doch wirklich besser wurde es erst mit "Deprexis" - so heißt das Selbsthilfeprogramm, auf das Rölleke gestoßen war.

Der Computer stellt Fragen, der Mensch antwortet per Mausklick

Das Programm ist das erste seiner Art in Deutschland. Es ist speziell auf Depressionen zugeschnitten, beruht auf Methoden der Verhaltenstherapie und besitzt genug künstliche Intelligenz, um auf die Patienten reagieren zu können: Der Computer stellt Fragen, der Mensch antwortet per Mausklick. Zwischendurch gibt die Website immer wieder neue Anregungen, wie man eine Strategie gegen seine Krankheit entwickeln und im Alltag umsetzen könnte. "Ich habe gleich in dem ersten Dialog Vertrauen zu dem Programm gefasst. Mir wurde erklärt, was ich tun kann, damit es mir wieder besser geht, und ich hatte gleich das Gefühl: Wow, ja, das kann ich", sagt Rölleke.

Ist Röllekes Erfolg ein Einzelfall oder die Regel? Bisher gibt es erst eine einzige, begrenzt aussagekräftige Studie zu Deprexis, das von einem Hamburger Medizindienstleister betrieben wird. Ähnliche Selbsthilfeprogramme in anderen Sprachen haben sich in Studien schon bewährt. In Großbritannien zum Beispiel empfiehlt das staatliche National Institute of Clinical Evidence in seinen Leitlinien die vollautomatische Onlinetherapie aufgrund von guten Erfahrungen in einigen Studien. Und die Krankenversicherungen zahlen sogar dafür, sofern der Arzt eine leichte bis mittelschwere Depression oder eine Angststörung feststellt. Auch in Schweden und den Niederlanden sind Onlinetherapien inzwischen fester Bestandteil der Versorgung.

Bis es hierzulande so weit ist, sind allerdings noch viele Fragen zu klären. Denn leider lassen sich Ergebnisse von Studien aus dem Ausland, die mit anderen Programmen und in anderen Sprachen durchgeführt wurden, nicht übertragen. Zudem gibt es eine rechtliche Barriere: Ärzte und Psychotherapeuten unterliegen derzeit einem "Fernbehandlungsverbot", sie dürfen eine Therapie nicht ausschließlich über das Internet durchführen. Nur eine Beratung ist online erlaubt.

Die Onlinebehandlung stößt bei tieferen Problemen an Grenzen

"Ich glaube ohnehin, dass eine reine Onlinebehandlung in vielen Fällen nicht funktioniert", sagt Sascha Hunner, Arzt und Psychotherapeut an der Panorama-Fachklinik in Scheidegg im Allgäu. Er behandelt Menschen mit Depressionen, mit Angst- und Zwangsstörungen oder auch Burn-out, die zur Behandlung in die Klinik kommen. Hunner ist überzeugt, dass die Onlinebehandlung zumindest bei Problemen mit tief liegenden Ursachen an Grenzen stößt. Eine Therapie sei in solchen Fällen ein schwieriger Lernprozess, der verantwortungsvoll begleitet werden müsse - von einem Therapeuten, der anwesend ist. "Ich muss den Patienten einschätzen können, und dazu muss ich ihn kennen", sagt Hunner.

Doch obwohl er die klassische Therapie von Angesicht zu Angesicht für unersetzbar hält, nutzt auch er das Internet: Nach der Entlassung aus der Klinik können seine Patienten im Rahmen eines Modellprojekts drei Monate lang wöchentlich an einem betreuten Internet-Chat teilnehmen, sich untereinander über die Probleme in ihrem Alltag austauschen oder darüber, ob es ihnen gelingt, umzusetzen, was sie in der Klinik gelernt haben. "Chat-Brücke" heißt das Projekt, das 2001 in Scheidegg startete. Es soll den Übergang in die Normalität erleichtern - und tatsächlich zeigt der Vergleich, dass die chattenden Patienten weniger Rückfälle erleiden als eine Vergleichsgruppe ohne weiteren Kontakt zur Klinik.

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Achtung: Suchtgefahr!
bundespiepmatz 24.10.2010
Sind es nicht Psychologen, die alle Tage wieder von "Internet-Sucht" sprechen, besonders in den Medien? Publicity heilt das Bankkonto dieser Scharlatane. Hatte eine britische Studie nicht vor ca. 8 Jahren ergeben, dass Psychologen eine große Gefahr für Traumatisierte sind, weil sie nicht zuhören wollen und die Betroffenen spontan mit fadenscheinigen Diagnosen überhäufen? Und nun noch die angebliche Super-Methode übers Web? Das stinkt mir aber sehr nach einer gewissen, krimnellen Sekte, die sich "Kirche" nennt. Geld machen? Nein, viel Geld machen und noch mehr Geld machen. Das scheint eigentlich Idee dahinter zu sein. Und wieder einmal ein Beweis mehr, dass Psychologie keine Wissenschaft sein kann.
2. Ich bin versucht...
Oberfinanzdirektion 24.10.2010
Sehr vertrauenswürdiger Werbeartikel auf SPON. Ich bin versucht es auszuprobieren, denn laut der Psycho-Website: ---Zitat--- Ihre Testergebnisse bekommen Sie per Email zugesandt. ---Zitatende--- wird mir das Ergebnis in einem gebrannten Badewannenüberzug geliefert, und das sogar noch kostenlos! :-)
3. Klingt sinnvoll.
roquefort 24.10.2010
Vor allem die Möglichkeit, mit einem moderierten Chat das in der Therapie gelernte zu festigen und sich gegenseitig zu stützen. Als Werkzeug sicher brauchbar für viele. Klar kann damit nicht allen geholfen werden. Aber als Unterstützung würde ich es mir schon wünschen. -- roquefort.
4. Wirkweisen
Iggy Rock, 24.10.2010
Zitat von bundespiepmatzSind es nicht Psychologen, die alle Tage wieder von "Internet-Sucht" sprechen, besonders in den Medien? Publicity heilt das Bankkonto dieser Scharlatane. Hatte eine britische Studie nicht vor ca. 8 Jahren ergeben, dass Psychologen eine große Gefahr für Traumatisierte sind, weil sie nicht zuhören wollen und die Betroffenen spontan mit fadenscheinigen Diagnosen überhäufen? Und nun noch die angebliche Super-Methode übers Web? Das stinkt mir aber sehr nach einer gewissen, krimnellen Sekte, die sich "Kirche" nennt. Geld machen? Nein, viel Geld machen und noch mehr Geld machen. Das scheint eigentlich Idee dahinter zu sein. Und wieder einmal ein Beweis mehr, dass Psychologie keine Wissenschaft sein kann.
Sie unterschätzen die Wirkweise von Psychotherapien, letztlich ist das Ziel eine Umstrukturierung des Gehirns eines Erkankten, teilweise ist das über Medikamente möglich, in anderen Hirnregionen jedoch nur über eine Gesprächstherapie. Das Ganze ist in seiner Wirksamkeit durch die Schulmedizin belegbar. Egal ob Sekten oder Kirchen, der Glaube beeinflusst ebenso die Denkweise eines Menschen und kann dadurch zu verblüffenden Resultaten führen, vor allem was die psychische Gesundheit betrifft. Placebos, wahrscheinlich Teile der Homöopathie, funktionieren auf die gleiche Weise. Die Frage wäre nun, kann auch die schriftliche Beratung ausreichen um jene Umstrukturierungsprozesse bei Erkrankten hervorzurufen? Bei einigen Betroffenen hilft es scheinbar, was ich gar nicht für abwegig halte. Die Thematik Sucht ist ein anderes Feld, ich wage zu behaupten, wir alle sind inzwischen deutlich abhängiger vom Internet als wir es sein sollten, die wenigsten können noch darauf verzichten und der Alltag der Meisten hat sich dadurch radikal gewandelt. Ob es ein behandlungsbedürftiges Problem darstellt, kann aber noch immer jeder selbst erkennen, ob für solche Leute eine Onlinetherapie sinnvoll ist, wage ich allerdings zu bezweifeln.
5. zukunftsweisend, ob wir wollen oder nicht
Lagenorhynchus 24.10.2010
Zitat von sysopDie Behandlung von psychischen Krankheiten wandelt sich dramatisch: Computer übernehmen die Arbeit von Psychologen und Ärzten. Onlinetherapien bieten Vorteile für Patienten und Therapeuten - sind aber umstritten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,723385,00.html
Der Artikel weist auf einen sehr interessanten Baustein in der künftigen Behandlung leichterer psychischer Erkrankungen hin. Wie viele Patienten hätten beim Warten auf einen Therapieplatz so ein System schon ein mal antesten können? Und vor allem: bei einer Zunahme von leichteren psychischen Erkrankungen bei stagnierenden Ausgaben in der Zukunft werden wir solche Ansätze auch schon als Notnagel brauchen. Auf meinem Schreibtisch liegt gerade eine Studie, die die Entwicklung des Gesundheitswesens jenseits von 2015 unter Einbeziehung der demographischen Entwicklung abschätzt: Au weia. Wir werden computergestützte Systeme dieser Art brauchen: Wer hilft, hat recht. Wer günstig hilft, allemal.
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Therapien ausschließlich via Internet sind in Deutschland nicht erlaubt. Psychologen und Psychiater dürfen dort lediglich beraten, also Lebenshilfe und Tipps geben, aber keine Probleme mit Krankheitswert therapieren. Beratungen eignen sich deshalb vor allem für leichtere Probleme wie Beziehungsstress oder Mobbing. Im Rahmen von Forschungsprojekten an Universitäten gibt es "therapeutengestützte Selbsthilfe", dabei begleiten Therapeuten Patienten bei der Arbeit an einem Onlineprogramm.
Online-Selbsthilfe www.deprexis.de
www.deprexis.de
Onlineselbsthilfeprogramm bei Depressionen, basierend auf wissenschaftlich bewährten Methoden. Die Standardversion funktioniert ohne Therapeutenkontakt, Psychologen haben jedoch die Möglichkeit, das Programm in ihre Therapie einzubauen und die Ergebnisse ihrer Patienten mitzuverfolgen. An der Universität Bern läuft derzeit ein Forschungsprojekt, die Teilnahme ist kostenlos möglich: www.online-therapy.ch/deprexis/info.php
Beratungsangebote
Wer im Internet nach Hilfe bei psychischen Problemen sucht, sollte auf die Berufsbezeichnung des Therapeuten achten ("Ärztlicher Psychotherapeut" oder "Psychologischer Psychotherapeut") und darauf, dass dieser einer bewährten Psychotherapiemethode folgt. Informationen gibt es beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP): www.bdpverband.org/psychologie/psytherapie.shtml. Der BDP hat auch ein Gütezeichen entwickelt, bisher nehmen aber nur wenige Therapeuten teil: www.bdp-verband.de/service/onlineberater.html. Eine Paartherapie und Eheberatung im Rahmen eines Projekts der Universität Göttingen findet man unter www.theratalk.de
Therapeutengestützte Selbsthilfe
www.lebenstagebuch.de
Onlineschreibtherapie bei traumatischen Erinnerungen für Menschen ab 65 Jahren im Rahmen eines Forschungsprojektes. Therapeuten sind beteiligt.

www.online-therapy.ch/sa/de/home.php
Onlinebehandlung bei Sozialer Angst im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universität Bern. Therapeuten sind beteiligt.

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