Psychologie Warum uns traurige Musik guttut

Traurig sein will niemand, und trotzdem setzen sich Menschen immer wieder absichtlich trauriger Musik aus. Was paradox klingt, ist durchaus sinnvoll: Trübe Klänge helfen, negative Gefühle zu regulieren, zeigt eine Studie.

Traurige Musik: Sie hilft, Gefühle einzuordnen
Corbis

Traurige Musik: Sie hilft, Gefühle einzuordnen


"Mach nicht so ein trauriges Gesicht", raten wir unserem Kollegen, oder "lächle mal wieder". Wer über lange Zeit traurig und niedergeschlagen ist, braucht mitunter sogar psychologischen Rat. Traurig sein ist etwas Negatives, etwas, das man nicht will. Warum also hören Menschen freiwillig traurige Musik und geben dafür sogar viel Geld aus, etwa um ein Konzert zu besuchen?

Liila Taruffi und Stefan Koelsch von der Freien Universität Berlin wollten genauer wissen, was hinter dem Phänomen steckt und haben 772 Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen online zu ihren Musikvorlieben befragt. Die Männer und Frauen sollten in 76 Fragen und in musikfreier Umgebung Auskunft geben, wie gern sie welche Musik im Allgemeinen hören, welche Songs sie in welcher Stimmung bevorzugen und wie sie sich jeweils dabei fühlen.

Trauer einpendeln

"Die Studie zeigt, dass einige Menschen sogar davon profitieren, traurige Musik zu hören", schreiben die Forscher im Fachmagazin "Plos One". Demnach greifen Menschen vor allem bei Kummer zu den trüben Klängen. Überraschenderweise war Trauer laut Studie jedoch nicht das entscheidende Gefühl, das die Musik hervorruft, sondern Nostalgie - eine Mischung aus Freude und Trauer. Passend dazu gaben die Studienteilnehmer an, dass vor allem Erinnerungen sie in traurige Stimmung versetzten.

Menschen aus östlichen Kulturen empfanden noch häufiger Ruhe und Frieden, wenn sie traurige Musik hörten. Außerdem verbanden die Studienteilnehmer Zärtlichkeit und Übersinnliches mit traurigen Klängen.

"Traurige Musik ruft eine große Bandbreite komplexer Gefühle hervor, die in Teilen auch positiv sein können", erklären Koelsch und Taruffi. Bei der Wirkung der Musik auf jeden Einzelnen gehe es vor allem um Mitgefühl. Es habe sich gezeigt, dass Menschen mit hohem Einfühlungsvermögen und geringer emotionaler Stabilität besonders von trauriger Musik profitieren. Laut Umfrage helfen die zarten Klänge ihnen in besonders großem Maße, negative Gefühle zu regulieren, einzuordnen und Trost zu finden.

"Das sind auch insgesamt die wesentliche Motivation für Menschen, traurige Musik zu hören", schreiben Koelsch und Taruffi. Die Untersuchung könnte demnach für die Entwicklung neuer Musiktherapien interessant sein. "Eine Therapie mit trauriger Musik könnte darauf abzielen, das Wohlbefinden von gesunden Menschen zu stärken", schreiben die Forscher, "aber auch bei der Behandlung von psychisch Kranken eingesetzt werden".

jme



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