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Psychologie: Warum ist uns manchmal langweilig?

Sie kommt plötzlich über uns, und sie macht uns das Leben schwer - die Langeweile. Glücksforscher Alfred Bellebaum erklärt in einem Interview, warum sich Tiere eher nicht langweilen und weshalb Muße eigentlich eine gute Sache ist.

Frage: Herr Professor Bellebaum, was genau ist Langeweile?

Alfred Bellebaum: Es gibt zweierlei Arten: Die banale Langeweile besagt, dass einem die Zeit zu lang wird. Sie ist einfach eine negativ empfundene Zeitspanne. Dann gibt es noch eine andere Langeweile, von der auch der Philosoph Martin Heidegger spricht. Er nennt das die Abgründe des Daseins.

Frage: Die Langeweile einer als sinnlos empfundenen Existenz?

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Bellebaum: Die existenzielle Langeweile wirft Sinnfragen auf. Aber Sie dürfen diese Art der Langeweile nicht einfach nur in die Nähe der krankhaften Depression rücken. Dann könnten manche Geistesgrößen des Abendlandes als ein Fall für die Psychiatrie erscheinen. Blaise Pascal wäre dann halb verrückt, Sören Kierkegaard erst recht. Georg Büchner war ein solcher Grübler, und Arthur Schopenhauer hat ja auch dauernd gejammert.

Frage: Können Tiere sich auch langweilen?

Bellebaum: Regenwürmer sicherlich nicht. Über höher entwickelte Lebewesen wie die Menschenaffen weiß man wenig. Aber ich vermute, dass sie sich langweilen können.

Frage: Dies hat wohl schon der französische Philosoph Voltaire vermutet, als er sagte: Wenn sich Affen langweilen würden, wären sie Menschen.

Bellebaum: Ja, aber es hat wohl nur Sinn, von Langeweile bei Tieren zu sprechen, wenn sie eine bestimmte Zeitspanne bewusstseins- oder gefühlsmäßig als belastend empfinden.

Frage: Dann ist Langeweile ein Problem des Bewusstseins?

Bellebaum: Sicherlich. Doch wann und wie intensiv Menschen sich langweilen, ist eine Frage der jeweiligen Kultur, in der wir leben.

Frage: Warum fürchten wir uns in unserer Kultur so sehr vor der Langeweile?

Bellebaum: Das hat mit überlieferten Vorstellungen zu tun. Der Heilige Benedikt postulierte das "ora et labora", bete und arbeite. In einer bestimmten protestantischen Ethik war es ein strenges Gebot, dass wir keine Zeit vergeuden. Wo dieses Arbeitsethos wirksam ist, erleben wir eine als leer und unausgefüllt empfundene Zeit mit Verdruss. Arbeitslose kennen das.

Frage: Darin scheint sich das Abendland vom Morgenland zu unterscheiden.

Bellebaum: Ja, im islamischen Kulturkreis herrscht ein anderes Zeitgefühl. Wenn ein Araber stundenlang vor sich hindöst, muss er sich nicht langweilen, weil er es nicht als belastend empfindet.

Frage: Unsereiner aber leidet unter Untätigkeit?

Bellebaum: Wir sind so erzogen, fortwährend etwas zu tun, um etwas wert zu sein, um gegebenenfalls gottgefällig zu leben. Aus der Anthropologie wissen wir ja, dass der Mensch ein handlungsbedürftiges Wesen ist. Wenn er nichts zu tun hat, kann sich leicht innere Unruhe einstellen. Oft geht es uns nur um eine Tätigkeit als solche. Nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel.

Frage: Was uns jedoch nicht unbedingt vor der Langeweile bewahrt, weil wir zugleich die Abwesenheit eines Lebenssinns spüren?

Bellebaum: Hier geht es zunächst weniger um Lebenssinn, als um die Entgrenzung von Bedürfnissen. Es ging uns noch nie so gut wie heute. Dennoch sind viele Menschen unglücklich. Mit der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse können nämlich immer weitere Wünsche entstehen. Der gläubige Mensch ist besser dran - er weiß, worauf es ankommt.

Frage: Gibt es einen Ausweg aus der Langeweile?

Bellebaum: Es wird immer wieder der schöne alte Begriff Muße erwähnt. In der Antike konnten nur jene Menschen müßig sein, die nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiten mussten. Muße ist nicht faulenzen, sondern schöpferische Gestaltung freier Zeit.

Frage: Erholen wir uns am besten dadurch, indem wir schöpferisch tätig sind?

Bellebaum: Allerdings. Muße im profanisierten Sinne ist für Menschen auf jedweder Bildungsstufe möglich. Der Intellektuelle, der Künstler kann dies beim Denken, Lesen, Schreiben, Malen oder Musizieren tun. Aber auch der Kleingärtner oder der Bastler im Hobbykeller kann Muße erfahren.

Das Gespräch führte Holger Fuss

Technology Review , Heise Zeitschriften Verlag, Hannover

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