Psychologie Ein Loblied auf die Lüge

Menschen lügen. Tagein, tagaus. Zum Glück, denn Lügen halten die Gemeinschaft zusammen, meinen Forscher. Ohne Flunkerei und Täuschung könnten Gesellschaften nicht funktionieren.

Vater und Tochter: "Sagst du auch die Wahrheit?"
Corbis

Vater und Tochter: "Sagst du auch die Wahrheit?"


"Das Kleid steht dir fantastisch", jubelt der Ehemann seiner Frau zu und rollt beim Abwenden mit den Augen. "Du singst sehr schön", sagt die Lehrerin zum Schüler, obwohl ihr die Ohren vor Schmerz klingeln. "Gefällt mir", klickt die junge Frau im sozialen Netzwerk unter dem Foto einer Freundin, das sie in Wahrheit ziemlich hässlich findet. Jeden Tag rutschen uns mehrfach Lügen heraus. Total verwerflich, meinen Sie? Überlebenswichtig, sagen Forscher.

Lügen sind ein Fundament unserer Gesellschaft; Lügner halten die Menschheit zusammen - so das Fazit einer aktuellen Studie eines Wissenschaftlerteams aus Mexiko, Finnland und Großbritannien, die im "Journal of the Royal Society Interface" erschienen ist.

Warum Menschen lügen - diese Frage beschäftigt Psychologen schon lange. Täuschen und Flunkern ist in allen Gesellschaften verpönt, dennoch muss es irgendeinen Vorteil haben, sonst wäre es wohl längst verschwunden.

Chronische Lügner im Abseits

Den Nutzen des Schwindelns haben Mathematiker, Ökonomen und Psychologen nun mit einem Computermodell untersucht. Dieses simulierte das Miteinander von hundert Menschen, die mit unterschiedlichen moralischen Werten, Meinungen und Verhaltensweisen eine Gemeinde repräsentieren. Lügen war ausdrücklich erlaubt, hatte aber auch Folgen für den Betroffenen, weil es die Bindung zum Belogenen schwächte.

Ergebnis der Simulation: Die Gemeinschaft aus hundert Personen separiert sich in mehrere kleinere Gruppen, in denen Menschen einer Meinung sind. Die Meinungen der Gruppen unterscheiden sich voneinander. Doch obwohl Schwindeleien vom Modell bestraft werden, gibt es in der Gemeinschaft stets Personen, die mehr flunkern als andere. Während chronische Lügner selten sind und eher ins soziale Abseits geraten, dienen verhaltene Lügner den Simulationen zufolge sogar als Brücke zwischen verschiedenen Personengruppen. Statt nur zu einer eng verschworenen Gruppe der Gemeinschaft zu gehören, halten diese Menschen lockeren Kontakt zu Personen aus verschiedenen Gruppen.

Ihr Trick dabei: hier ein geschwindeltes Kompliment, dort eine verdrehte Wahrheit zu eigenen Gunsten. Die bedachten Lügenbolde fügen sich so besser in Freundes- oder Bekanntenkreise ein. Sie haben ihre Fühler überall und verbinden ganze Gemeinden wie Klebstoff.

Freundlicher Klopfer auf die Schulter

"Wir unterscheiden allerdings zwischen selbstsüchtigen und Notlügen. Die einen dienen nur dem Lügner, die anderen sind eher eine Art gut gemeinte Notlüge", sagt der Psychologe Robin Dunbar, der an der Studie mitgewirkt hat. Letztere seien für beide Seiten harmlos. "Für den Belogenen sind sie sogar oft wie ein freundlicher Klopfer auf die Schulter", so Dunbar. Setze man sie nicht zu häufig ein, seien sie folglich sogar von Vorteil für das Miteinander.

Aber sind Lügen tatsächlich das Schmieröl sozialer Gemeinschaften? Die Erkenntnisse von Dunbar und Kollegen basieren leider allein auf einem mathematischen Modell, nicht auf lebensechten Daten. Und doch scheinen sie realistisch zu sein: Lügen ist moralisch verwerflich, aber für das soziale Miteinander unerlässlich. Das deuten auch andere Studien an.

Eine psychologische Untersuchung aus Großbritannien etwa legt nahe, dass bestimmte Lügen sowohl zusammenschweißen, als auch Kommunikation reibungsloser gestalten. Die Forscher von der Nottingham Trent University analysierten 2011 das Verhalten junger Studenten auf Facebook.

Unangenehm - aber kaum zu vermeiden

Sie stellten fest, dass es drei Nutzergruppen gibt: Die Selbstdarsteller, die vorwiegend öffentlich Nachrichten über ihren Alltag posten; die Hochinteraktiven, die sowohl privat als auch öffentlich kommunizieren, und drittens die Mitteilenden, die vorwiegend private Nachrichten austauschen.

Das Interessante: Während die ersten beiden vor allem flunkern, um sich selbst in ein besseres Licht zu stellen, nehmen es die privat Agierenden mit der Wahrheit nicht so genau, um die Beziehungen aufrechtzuerhalten. Lügen ist ihnen unangenehm, aber wenn sie unehrlich sind, dann um ihre Mitgliedschaft in der Gruppe zu sichern oder diese zusammenzuhalten.

In kollektivistischen Kulturen wie China, wo der Gruppenzusammenhalt eine größere Bedeutung hat als das Wohl des Einzelnen, sind diese Tendenzen noch deutlicher ausgeprägt. So baten Forscher Ende der Neunzigerjahre sowohl Hongkong-Chinesen als auch US-Amerikaner, Aussagen in einem Dialog zu bewerten. Die Menschen darin antworteten entweder ehrlich, ausweichend, offensichtlich oder scheinbar falsch oder ließen eine Information weg.

Tatsächlich empfanden die Probanden aus Fernost weniger Antworten als täuschend als die US-Amerikaner. Nur falsche und irrelevante Nachrichten machten sie argwöhnisch. Ließ der Sprecher offensichtlich etwas aus und verfälschte damit die Wahrheit, nahmen sie es ihm nicht so krumm wie die westlich geprägten Probanden.

Unangenehmes Verschweigen

Die Forscher gehen davon aus, dass die direkte, offene Art den bescheidenen, höflichen Asiaten widerstrebt. Sie scheinen lieber mal eine unangenehme Wahrheit wegzulassen, um das Miteinander nicht zu belasten. Sozialverträgliche Lügen sind hier als sozialer Kitt offenbar noch bedeutsamer.

Einige Forscher sehen im Lügen sogar eine evolutionär bedingte Überlebensstrategie. Insekten wie Primaten würden Täuschungsmethoden wie Camouflage oder Nachahmung anwenden, um einen Überlebensvorteil gegenüber Feinden, Beute oder auch Gleichartigen zu haben, behaupten die nordamerikanischen Psychologinnen Victoria Talwar und Angela Crossman.

Bei Menschen scheint das nicht so anders zu sein: Wenn jemand geschickt täuschen kann, ohne auf Werte und Moral zu achten, sei das womöglich eine evolutionär bedingte Reaktion auf komplexe, soziale Situationen. Lügen sei eine Anpassungsstrategie, die dem Einzelnen helfe, effektiver mit seiner Umwelt zu interagieren.

Daher verwundert es kaum noch, dass wir schon früh im Kindesalter lernen zu lügen. Schon mit etwa drei Jahren können Kinder flunkern. Natürlich schwindeln Kinder vorerst aus niederen Gründen, etwa um sich selbst vor Ärger zu schützen. Vom Kuchen haben sie nicht genascht, von wem die kleinen Fingerabdrücke sind, wissen sie nicht. Solche Schummeleien schaden niemandem. Wenn sie älter werden, flunkern Kinder immer öfter, aber auch aus immer löblicheren Gründen.

Schwindeln als Trost

Zum Beispiel, um anderen Gutes zu tun, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt. Psychologen von der Harvard University inszenierten für 80 Kinder zwischen fünf und elf Jahren eine Situation, die Fingerspitzengefühl bedurfte - auch in Form einer Lüge. Eine Frau zeigte den Kindern ihre offensichtlich kläglichen Versuche, ein Haus, Tiere oder Blumen zu malen.

Mal sagte sie dabei, dass sie traurig sei, so schlecht zu malen; ein andermal, dass es ihr egal sei, ob sie gut oder schlecht male. War die Frau unglücklich über ihr Unvermögen, reagierten die Kinder viel öfter darauf mit einer gut gemeinten Lüge wie "Ich finde dein Bild schön".

Soziale Verträglichkeit geht vor Wahrheit - bei Jungen wie Alten.

Psychologie-Quiz



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