Verantwortung für andere Was macht einen Menschen zum Anführer?

Ob bei der Arbeit oder im Verein - längst nicht jeder eignet sich als Anführer. Manche Menschen ziehen die Aufgabe dagegen förmlich an. Forscher haben untersucht, was sie vom Rest unterscheidet.

Getty Images/iStockphoto

Von Lena Puttfarcken


Manchmal ist es unvermeidlich, dass ein Mensch Entscheidungen trifft, die Einfluss auf das Leben anderer haben. Das kann im Job sein, aber auch in der eigenen Familie. Lehrer entscheiden für ihre Schüler, Eltern für ihre Kinder, Chefs für ihre Mitarbeiter. Aber wenn man die Wahl hat, ob man selbst über andere bestimmt oder nicht - welche Charaktere übernehmen dann die Verantwortung und welche nicht?

Die meisten Menschen entscheiden ungern für eine ganze Gruppe, berichten Forscher der Universität Zürich und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich im Fachblatt Science. Dabei bestimmt die Neigung, Verantwortung zu übernehmen, auch über die Position im Verein oder im Beruf.

So haben Menschen, die bereit sind, für andere zu entscheiden, laut der Studie häufiger auch höhere Ränge inne - etwa bei den Pfadfindern oder im Militär. Auch in Tests zu ihrer Führungskompetenz schnitten sie besser ab, schreiben die Wissenschaftler. Aber was unterscheidet diese Persönlichkeiten im Detail von anderen?

Die Forscher stellten 40 Testpersonen vor die Wahl: Sie konnten selbst entscheiden oder die Entscheidung an eine Gruppe abgeben. Bei jeder Entscheidung konnten sie Geld gewinnen oder verlieren - zunächst ging es nur um das eigene Geld, dann auch um das Geld der gesamten Gruppe.

Hirnscans für neurologische Grundlagen

Die Untersuchung zeigte, dass die Testpersonen vor allem dann selbst entschieden, wenn die beste Lösung eindeutig zu erkennen war. Dabei spielte es keine Rolle, ob sie über ihr eigenes Geld oder das Geld der Gruppe bestimmten. War etwa klar, dass eine Option Gewinn brachte und die Alternative nicht, entscheiden die meisten selbstständig für das Geld.

Sichtbar wurden die Anführer-Charaktere erst, wenn die beste Entscheidung nicht auf Anhieb zu erkennen war. Dann verhielten sich Anführer anders als die anderen:

  • Menschen, die in Tests keine besondere Führungskompetenz gezeigt hatten, entschieden in unsicheren Situationen zwar selbst, wenn es nur um ihr eigenes Geld ging. Stand auch das Geld der Gruppe auf dem Spiel, gaben sie die Entscheidung aber lieber ab.
  • Für Führungspersönlichkeiten dagegen machte es keinen Unterschied, ob sie nur für sich oder die ganze Gruppe entschieden. Zwar bezogen autoritäre Anführer die Gruppe spät ein, egalitäre schon früher. Aber ihre Entscheidung wurde nicht davon beeinflusst, ob sie nur die Verantwortung für ihr eigenes Geld oder für alle trugen.

Ob jemand bereit ist, Verantwortung für eine Gruppe zu übernehmen, hänge somit vor allem damit zusammen, wie viel Sicherheit er braucht, um eine Entscheidung zu treffen, schlussfolgern die Forscher. Menschen, die Verantwortung scheuen, benötigen mehr Sicherheit, wenn sie auch für andere entscheiden sollen und nicht für sich selbst.

Um die neurologischen Grundlagen dieser Prozesse besser zu verstehen, machten die Forscher auch Aufnahmen der Hirne von weiteren 44 Versuchspersonen im Magnetresonanztomographen. Die Aufnahmen zeigten, welche Hirnregionen bei den Entscheidungen aktiv wurden. Die Forscher hoffen, dass die Untersuchungen helfen anhand der Aktivitätsmuster einzuschätzen, wie führungskompetent jemand ist.

Andere Motivationen für Führung

Die These der Studienautoren ist dabei, dass vor allem der Wille und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, darüber entscheidet, ob jemand eine Führungsposition übernimmt. Peter Muck, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, sieht das etwas anders.

"Nicht jeder ist sich bewusst, dass er als Führungskraft Verantwortung für andere übernimmt", so der Wissenschaftler. Die Führung zu übernehmen, zum Beispiel im Job, könne also auch aus anderen Motiven geschehen: wegen der eigenen Karriere, Macht, oder für mehr Gehalt. Oder um Ideen umzusetzen, Veränderungen anzustoßen und eigene Visionen im Unternehmen einzubringen.

Neben einem Verantwortungsgefühl sollten gute Führungskräfte auch noch andere Merkmale haben. Muck zufolge zählt dazu eine eher extrovertierte Persönlichkeit, Offenheit für neue Erfahrungen und Veränderungen sowie ein hohes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, ohne zugleich narzisstisch zu sein.

Wer die Verantwortung für seine Mitarbeiter übernimmt und einen Führungsstil anstrebt, der über das klassische "Geld gegen Leistung" hinausgeht, kann am Ende auch mehr erreichen. Neuere Führungskonzepte können dafür sorgen, dass die Mitarbeiter auch selbst Verantwortung übernehmen, sich freiwillig engagieren und bereit sind, für ihr Unternehmen einzustehen, so Muck. "Das klappt nicht, wenn jemand nur führt, um an der Macht zu sein oder um andere zu kontrollieren und zu manipulieren."

Video: Demagogen - Von Führern und Verführern

NZZ Format


insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
BettyB. 06.08.2018
1. Nun ja,...
Das mit dem Willen zur Übernahme von Verantwortung stimmt wohl, allein die Eignung hat in vielen Fällen damit nichts zu tun, denn zu meinen, sich sicher zu sein, zeichnet oftmals Menschen aus, die zwar von sich überzeugt sind, aber objektiv betrachtet "keine Ahnung" haben.
gottfriedflade 06.08.2018
2. Meine Meinung
dazu ist viel einfacher: die Faulen streben nach Führung, um nicht so viel arbeiten zu müssen! Und das ist Ihnen schon von Jugend an klar
Freier.Buerger 06.08.2018
3. zu faul zu arbeiten vs. zu faul zu denken
Zitat von gottfriedfladedazu ist viel einfacher: die Faulen streben nach Führung, um nicht so viel arbeiten zu müssen! Und das ist Ihnen schon von Jugend an klar
Da haben Sie vielleicht nicht ganz unrecht. Ich kann nur sagen, es hilft: lieber eine Stunde denken und 5 min arbeiten als 5 min denken und eine Stunde arbeiten...
kasperl99 06.08.2018
4. Kann ich nicht unterschreiben
Zitat von gottfriedfladedazu ist viel einfacher: die Faulen streben nach Führung, um nicht so viel arbeiten zu müssen! Und das ist Ihnen schon von Jugend an klar
Also ich habe eine Führungsposition übernommen, aber weniger Arbeit habe ich dadurch nicht. Eher mehr Arbeit als vorher. Das Thema Führung darf man nicht unterschätzen, insbesondere die Personalverantwortung. Das bringt Themen und Probleme mit sich, die man als normaler Arbeitnehmer so gar nicht auf dem Schirm hat und die mir auch schon schlaflose Nächte beschert haben. Es kann tatsächlich sein das eine Führungskraft es schafft sich um Arbeit zu drücken, aber das wird nicht der Regelfall sein. Diese Leute sind dann nämlich irgendwann schnell weg vom Fenster.
multi_io 06.08.2018
5.
Zitat von Freier.BuergerDa haben Sie vielleicht nicht ganz unrecht. Ich kann nur sagen, es hilft: lieber eine Stunde denken und 5 min arbeiten als 5 min denken und eine Stunde arbeiten...
Sind beides 65 Minuten Gesamtzeit. Wenn auch in beiden Fällen das gleich Ergebnis raus kommt, dann sollte es wurscht sein...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.