Psychologie: Was Menschen zu Tätern macht

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Waren Hunderttausende Deutsche im Dritten Reich Psychopathen und Sadisten? Nein, sagen Psychologen nahezu einhellig: Das Täter-Potential steckt in fast jedem - was Experimente belegen.

Um ganz normale Amerikaner zum Foltern zu bringen, war nur ein schlichter Satz nötig. "Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen", sagte der Herr im weißen Kittel, und die Versuchspersonen drückten noch einmal auf den Knopf. Wollte der Proband erneut abbrechen, sagte der Versuchsleiter: "Es ist unbedingt notwendig, dass Sie weitermachen." Und die Mehrheit machte weiter. Auch wenn der durch jeden Knopfdruck vemeintlich mit Elektroschocks traktierte "Schüler" im Nebenraum schon schrie, scheinbar vor Schmerzen.

Gefangener, Soldat im Gefängnis von Abu Ghureib (2003): Druck von oben und eine Stresssituation
REUTERS/ SBS

Gefangener, Soldat im Gefängnis von Abu Ghureib (2003): Druck von oben und eine Stresssituation

Das Experiment, das der US-Sozialpsychologe Stanley Milgram 1961 durchführte, stellte alles auf den Kopf, was die Menschheit sich bis dahin als Erklärung für den Holocaust zurechtgelegt hatte. Psychopathische, sadistische, von Hass zerfressene Menschen mussten das doch gewesen sein, die in Hitlers Auftrag quälten und mordeten - so lautete die Annahme. Bis heute dauert die Diskussion darüber an, bis heute zerbrechen sich Historiker den Kopf darüber und suchen in Archiven nach Anhaltspunkten für die Motivation der Täter. Jüngst hat Jonathan Littells umstrittener Roman " Die Wohlgesinnten" die alte Debatte wieder aufflammen lassen - obwohl Psychologen überzeugt sind, die Mechanismen längst ziemlich genau verstanden zu haben.

Als Milgram Anfang der sechziger Jahre mit seinen Experimenten begann, wurde in Jerusalem gerade Adolf Eichmann der Prozess gemacht. Ganz explizit wollte der Sozialpsychologe mit dem Versuch die Frage beantworten, was Männer wie Eichmann, die Architekten des Holocaust, zu Massenmördern gemacht hatte. "Könnte es sein, dass sie nur Befehle ausführten?", fragte Milgram - und seine Studien gelten bis heute als Beleg, dass man mit Befehlen von einer nicht hinterfragten Autorität Menschen zumindest sehr weit bringen kann.

"Unkontrollierbare Lachkrämpfe"

Zwar notierten Milgram und seine Mitarbeiter "ein extremes Ausmaß nervlicher Anspannung" bei manchen ihrer Probanden, verzeichneten "heftiges Schwitzen, Zittern und Stottern", bei manchen Versuchspersonen auch "nervöses Lachen" bis hin zu "unkontrollierbaren Lachkrämpfen". Aber 26 von 40 Probanden drückten trotzdem immer weiter auf die Knöpfe, bis die vermeintlichen Opfer angeblich eine Spannung von 450 Volt abbekamen. In Wahrheit musste im Nebenraum niemand leiden, das Folter-Experiment war nur höchst realistisches Theater.

Unter Psychologen herrscht heute weitgehende Einigkeit darüber, wie ganz normale Leute in totalitären Staaten oder unter Kriegsbedingungen zu brutalen Tätern werden. Weder eine antisoziale Persönlichkeitsstörung noch persönlicher Sadismus sind dafür notwendig - Druck von oben und eine Stresssituation können aus der Mehrheit der Menschen erbarmungslose Peiniger machen. Die Singularität des Holocaust allerdings können Wissenschaftler mit solchen Studien nicht erklären - sie machen zwar deutlich, wie einfach es sein kann, Menschen zur Ausführung von Greueltaten zu bewegen, nicht aber, wie eine auf Völkermord ausgerichtete Ideologie überhaupt entstehen und sich durchsetzen kann.

Im Universitäts-Experiment Abu Ghureib vorweggenommen

Ein berühmtes Beispiel dafür, welch verhängnisvolle Ergebnisse gruppendynamische Prozesse hervorbringen können, ist das "Stanford Prison Experiment" des US-Psychologen Philip Zimbardo. In seinem Versuch musste der Forscher 1971 auf schmerzliche Weise erfahren, was eine Situation, in der Macht und Unterwerfung willkürlich verteilt werden, aus ganz normalen Menschen machen kann. In der Studie waren 24 Freiwillige entweder zu Gefängniswärtern oder zu Gefangenen erklärt worden. Die Gefangenen wurden von Anfang an gedemütigt, mussten Krankenhaus-Nachthemden und Ketten an den Füßen tragen, wurden nur noch mit Nummern statt mit ihren Namen angesprochen.

Da es für die "Wärter" keine expliziten Regeln gab, entwickelten sie eigene Unterdrückungsmethoden, um die "Gefangenen" gefügig zu machen. So wurden zur Bestrafung Liegestütze angeordnet, den Eingesperrten wurden Decken und Matratzen weggenommen, es gab eine lichtlose Einzelhaft-Zelle.

Im Laufe des Experiments wurden die Unterdrückungsmaßnahmen immer extremer: Als sich die "Wärter" nachts unbeobachtet fühlten, zwangen sie die "Gefangenen", sich auszuziehen und miteinander sexuelle Akte zu simulieren - was fatal an das erinnert, was US-Soldaten Jahrzehnte später im irakischen Gefängnis Abu Ghureib Häftlingen antaten. Zimbardo musste sein auf zwei Wochen angelegtes Experiment nach sechs Tagen abbrechen, weil die Situation vollständig außer Kontrolle geraten war. 30 Jahre später wurde der Fall zur Vorlage des Kinofilms "Das Experiment" mit Moritz Bleibtreu.

Den Folterskandal von Abu Ghureib bezeichnete Zimbardo vor einiger Zeit in einem offenen Brief als logische Folge des Krieges. Wesentliche Faktoren seien Anonymität und Verlust der Individualität, Entmenschlichung, Geheimhaltung, Diffusion von Verantwortung, soziale Vorbilder, starke Machtgefälle, Frustration, Rachegefühle, Autoritätshörigkeit und mangelnde Überwachung, die ein Gefühl des "laissez-faire" erzeuge.

Zu einem ganz ähnlichen Resultat kam die US-Sozialpsychologin Susan Fiske von der Princeton University nach Auswertung von insgesamt 25.000 psychologischen Studien, die acht Millionen Fälle dokumentieren. "Ganz normale Menschen", schrieb das Forscherteam im Jahr 2004 im Fachblatt "Science", könnten jederzeit zu Folterknechten werden - weil die strenge Hierarchie und die Duldung durch Vorgesetzte in der Psyche der Täter Kontrollmechanismen ausschalteten.

Untergebene täten nicht nur, was ihnen befohlen werde - sie würden auch auf verhängnisvolle Weise kreativ. Um das umzusetzen, was sie für den Willen ihrer Vorgesetzten hielten, dächten sie sich unter Umständen neue Methoden aus.

Im Mai 2004 schrieb Philip Zimbardo in seinem Brief an die Mitglieder der Society of Personality and Social Psychology: "Die situationsbezogene Analyse sagt uns, dass das Fass des Krieges mit Essig gefüllt ist, der gute Gurken in saure Gurken verwandelt, und das immer tun wird. Er verwandelt die Mehrzahl guter Menschen, Männer wie Frauen, in Menschen, die Böses tun."

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