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Psychologie: Wenn Geld als Belohnung versagt

Wenn Lohn, Gehalt und Prämien nicht alles sind - was dann? Sind Anerkennung, Selbstwert und Selbstachtung etwa wichtiger? Der Cottbuser Philosoph Klaus Kornwachs entwirft in einem Essay eine Gesellschaft ohne den Gedanken einer finanziellen Belohnung.

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Zahltag: Ist Geld das Ziel aller Wünsche?

Die Volksseele kocht: Da wird eine Mitarbeiterin wegen eines Mundraubs von Bouletten rechtswirksam gekündigt, während der Bankmanager erfolgreich seinen Bonus aus genau dem Jahr einklagt, als er die Bank in den Sand gesetzt hat. Dies erscheint himmelschreiend ungerecht und zeigt, dass eine Diskussion über einen gerechten Lohn notwendig ist. Jedoch ist Gerechtigkeit in den meisten Fällen viel schwerer auszumachen als in diesem plakativ konstruierten Szenario, zumal die Einkommen aus Unternehmen und Vermögen dem Arbeitnehmerentgelt seit langem davonlaufen.

Wofür wird man denn entlohnt, für die Bemühung oder für das Ergebnis einer Arbeit? Wofür, wenn Löhne, wie Statistiker herausgefunden haben, zuweilen von der Körpergröße abhängen? Die Arbeitsverhältnisse beginnen sich überwiegend in Richtung Werkvertrag zu bewegen: Das Ergebnis, nicht die Bemühung zählt. Oberflächlich gesehen spielt ein gewisser Ausgleichsgedanke eine Rolle, wenn man Lohn als Tausch für das Produkt aus Arbeitszeit und Arbeitsintensität ansieht.

Dann kann wohl etwas mit den Managergehältern nicht stimmen - oder die Idee der Äquivalenz von Arbeitsleistung und Lohn gilt nur bei niedrigen Löhnen. Denn eine einfache Rechnung zeigt, dass dann bei den gängigen Vergütungen und Berücksichtigung einer längeren Arbeitszeit die Arbeitsintensität eines Managers um das fast 200-fache höher liegen müsste als die eines normalen Arbeitnehmers. Hier haben wir es wohl eher mit einer Apanage für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe als mit Entlohnung zu tun.

Nun kann man sich ja ernsthaft fragen, wofür man morgens aufsteht und weshalb man nicht einfach liegen bleibt. Es hat sich schon herumgesprochen: Den homo oeconomicus als Idealvorstellung gibt es nicht. Die auf rein monetäre Aspekte reduzierte ökonomische Rationalität ist, zumindest auf der Ebene des individuellen Handelns, eine hartnäckige Illusion. Wo bleibt das nur auf Geld fixierte Wirtschaftssubjekt, wenn Geld nicht mehr wichtig ist? Wo liegen die Grenzen des eigenen Vorteils? Ab wann kann sich dieses Wirtschaftssubjekt morgens im Spiegel nicht mehr anschauen? Kann man Moralität mit wirtschaftlichen Vorteilen verrechnen? Wie steht es um Altruismus, ohne den eine Gesellschaft nicht stabil bleiben kann? Es ist eine alltägliche gesellschaftliche und ökonomische Erfahrung: Ohne Vorleistung an Vertrauen und Kooperation geht nichts. Wie steht es mit den Affekten und Gefühlen, die unser Handeln ebenso mitbestimmen wie angeblich rationale Entscheidungsprozesse?

Es geht also nicht nur um Geld und Lohn, sondern um Anreiz- und Belohnungssysteme, die in den unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft im Laufe der Zeit entwickelt worden sind und die im großen Ganzen nicht so richtig zu funktionieren scheinen. Ein Belohnungssystem bringt die Antworten auf die Frage: "Wer wird durch wen mit was wofür belohnt?" in eine Beziehung zueinander. Diese Beziehungen scheinen verschoben: Man denke an die Konflikte zwischen den unterschiedlichen Welten der öffentlichen Verwaltung und des Unternehmertums, an unser aller Streben nach Anerkennung, das oftmals durch die Gier nach Aufmerksamkeit ersetzt wird, oder an die Ausrichtung der Wissenschaft auf ein Business mit Umsatzbeteiligung.

Hier kommen sich unterschiedliche Belohnungssysteme, die in ihren jeweiligen eigenen Bereichen vielleicht ganz gut funktionieren, gegenseitig ins Gehege. Wenn Politik die Wissenschaft zu usurpieren versucht, diese ihre zum Teil dann falsch verstandenen Maßstäbe in die Medien transportiert, Bildung zur Ausbildung herunterökonomisiert wird, Wissenschaft von Klasse auf Masse getrimmt wird, und die Wirtschaft nur noch von rechtlichen Vorgaben und die Technikentwicklung allein von der Laune finanzieller Investoren abhängig werden - dann haben wir das Gefühl, dass da etwas falsch läuft.

Boni sind Geschwindigkeitsanzeiger der Krise

Belohnungen sind etwas anderes als Lohn, sie gehen über die Pflicht und Schuldigkeit der Entlohnung hinaus. Es geht, im Gegensatz zum Lohn, nicht um einen Tausch für eine Leistung oder mit Arbeit verbrachte Zeit, sondern um etwas, worauf man eigentlich keinen Anspruch hat. Belohnung wird gewährt oder verweigert, und ihre Funktion ist nicht die Kompensation für Mühen, Aufwendungen oder Leistungen. Ihre Gewährung wie ihr Ausbleiben und noch stärker ihre Erwartung fördern bestimmte - zuweilen riskante - Verhaltensweisen. Deshalb sind Boni auch nicht mit Arbeitslohn zu verwechseln.

Die Diskussion um die Boni in der Finanzwirtschaft hat zwar schlagartig die seltsamen und undurchsichtigen Usancen dieser Branche zum öffentlichen Thema gemacht. Die Boni sind aber nicht die Ursache der Krise, sondern lediglich ihr Geschwindigkeitsanzeiger. Die Gehälter und Boni der Manager und Banker eignen sich zwar zum wohlfeilen neidischen Diskurs, aber sie stellen als monetäre Seite unserer Belohnungssysteme lediglich die sichtbare Materie der wirtschaftlichen Welt dar.

Die nichtmonetären Belohnungen, wie die Erfüllung von Affekten, Selbstachtung oder Anerkennung, wären dann gleichsam wie die dunkle, nicht sichtbare Materie, eine noch nicht fassbare Größe im "Kosmos" der Wirtschaft. So wie man in der Physik mit dieser dunklen Materie noch nicht rechnen kann, haben die Wirtschaftswissenschaftler analog dazu mit der "dunklen Materie" der nichtmonetären Belohnungen bisher ebenfalls nicht gerechnet. Diese Art von Belohnung hat offensichtlich eine massive, steuernde Wirkung, die beobachtbar sein müsste.

Wer belohnen kann, hat massiven Einfluss auf den Empfänger der Belohnung. Wenn aber Lohn, Gehalt und Prämien nicht alles sind - was dann? Ein kleiner Ausflug in die Psychologie der Belohnung lehrt, dass das Ich und seine Weisen der Belohnung anders strukturiert sind als die Idee des geldlichen Ausgleichs - Anerkennung, Selbstwert und Selbstachtung schlagen Geldangebote um Längen. Solche Belohnungen sind affektbeladen - das wusste schon Spinoza in seiner Ethik und benannte bereits 48 solcher Affekte.

Rache, Genuss und Schönheit

Sind die Anreize falsch, läuft das Verhalten der Menschen in falsche Richtungen. Belohnungen wie Macht, Unabhängigkeit, Erkenntnis, Anerkennung, Ehre, Status usw. erhalten wir durch andere. Wir belohnen uns aber auch selbst: Dazu gehören Rache und viele andere Arten von Selbstgefühlen bis hin zum Genuss von Schönheit. Man stellt fest, dass sich beide Belohnungsarten im konkreten Fall meistens überlagern. Mit der Erfüllung unserer Affekte belohnen wir uns selbst, Kooperation, Altruismus, Vertrauensvorschuss erweisen sich dabei nicht nur als gesellschaftlich stabilisierende Verhaltensweisen, sondern die so Handelnden belohnen sich dafür mit einem guten Selbstwert- und Sinngefühl.

Nun leben wir nicht abstrakt, sondern in gesellschaftlich ausdifferenzierten Teilbereichen. Subsysteme wie Wirtschaft Politik, Recht, Wissenschaft, oder Technik haben jeweils ihre eigenen Belohnungssysteme entwickelt. Dies ist in empfindlicher Weise davon abhängig, welche Ziele ein solches Subsystem gesellschaftlich verfolgt und welche Werte und Maßstäbe für das Handeln und Bewerten beim Umgang miteinander darin vorherrschen. Man kann dies sehr allgemein einen Code nennen, den eine Gruppe hat. Zwei solche Subsysteme seien herausgegriffen.

In der Wirtschaft könnte man knapp gefasst den in ihr herrschenden Code mit der Vorstellung von einem ökonomischen Gleichgewicht und der Maximierung der Verfügbarkeit knapper Leistungen und Güter durch die Leitidee der Rationalität des Menschen umreißen. Dieser Code führte in der gegenwärtigen Finanzkrise dazu, dass das System nicht erst die Herstellung und Stärkung von Gewinnbedingungen wirtschaftlichen Handelns belohnt, sondern bereits die halbwegs glaubwürdige Erzeugung von Gewinnerwartungen. Die Falschjustierung in diesem Subsystem liegt sowohl bei den Kriterien, für deren Erfüllung man belohnt wird, als auch in der Belohnung selbst. Problematisch wird dies dann, wenn es zum alleinigen Ziel von Individuen oder Gruppen wird, möglichst viele Belohnungen zu kassieren. Denn das bedeutet, dass schleichend aus gewohnten Belohnungen Entlohnungen ohne Bindung an den Belohnungssachverhalt werden.

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Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz

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