Psychologie Warum Erfolg viele Väter hat, aber nie jemand die Schuld

Das kennt wohl jeder aus dem Job: Ist etwas super gelaufen, finden sich immer Leute, die sich auf die Schulter klopfen. Geht aber etwas schief, sind Verantwortliche rar. Wieso eigentlich? Zwei Forscher haben einen grundlegenden Mechanismus entdeckt, der das mit erklärt.

Wer hat's verbockt?: Da fühlt sich niemand gern angesprochen
Corbis

Wer hat's verbockt?: Da fühlt sich niemand gern angesprochen


Wenn Menschen ihre eigenen Handlungen bewerten, scheint eine gewisse Schieflage Normalität zu sein. Ist das Ergebnis einer Handlung positiv, fühlen sie sich stärker verantwortlich, als wenn etwas schiefgelaufen ist - das berichten zwei Wissenschaftler im Fachmagazin "Current Biology".

Michiko Yoshie und Patrick Haggard vom University College in London beschäftigten sich mit einem bekannten psychologischen Konzept, dem sogenannten Sense of Agency, also der Wahrnehmung des eigenen Handels. Wie sich diese Wahrnehmung verändert, wenn eine Aktion eine positive oder negative Reaktion hervorruft, testeten sie mit einem einfachen Experiment.

Ihre Studienteilnehmer beobachteten eine laufende Uhr auf dem Bildschirm und konnten, wann immer sie wollten, eine Taste drücken. Genau 250 Millisekunden später ertönte ein Geräusch; der Abstand zwischen Tastendruck und Ton war immer gleich.

Das wussten die aber Probanden nicht. Sie sollten nämlich einschätzen, wo der Uhrzeiger stand, als sie drückten und wo er war, als das Geräusch ertönte. Der Kniff des Versuchs: Die Geräusche waren entweder neutral (ein Ton), positiv (Lachen oder Jubel) oder negativ (Ausrufe bei Angst oder Ekel).

Keine Entschuldigung

Tatsächlich gaben die Probanden an, dass mehr Zeit zwischen Knopfdruck und Geräusch lag, wenn ein negativer Ausruf folgte. Hatte der Tastenanschlag dagegen einen positiven Ausruf hervorgebracht, erschien ihnen die Zeitspanne kürzer. Die empfundene Verzögerung lag bei den neutralen Töne - wie erwartet - in der Mitte.

Anders gesagt: Wenn ein fröhliches Lachen ertönte, verknüpften die Probanden ihre Handlung ohne Zögern mit dieser Reaktion. Dagegen mit etwas Unangenehmen konfrontiert, einem Aufschrei, entkoppelten sie ihr Handeln von dessen Folge.

"Das legt nahe, dass sich Menschen wirklich weniger für negative als für positive Folgen ihres Handels verantwortlich fühlen", sagt Haggard. "Es ist nicht nur eine nachträgliche Rechtfertigung, wie gut wir doch gehandelt haben: Das tatsächliche Erlebnis verändert sich, sogar in so grundlegenden Aspekten wie der Zeitwahrnehmung."

Dies deckt sich mit früheren Studien, die alle in die Richtung deuten, dass Menschen mehr Verantwortung für positive Ereignisse übernehmen als für negative. Psychologen vermuten, dass dies dazu beiträgt, das Selbstbewusstsein zu stärken. Der schiefe Blick aufs eigene Handeln könne demnach dabei helfen, auch im Angesicht von Fehlschlägen weiterzumachen.

Haggard weist jedoch auch darauf hin, dass das keineswegs als Entschuldigung dienen sollte: "Wir müssen die Verantwortung für das übernehmen, was wir tatsächlich tun - und nicht nur dafür, wie wir die Dinge vielleicht wahrnehmen."

wbr



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insgesamt 4 Beiträge
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?denken! 04.10.2013
1. Mehrwert?
Jeder. der irgendwo arbeitet hätte dieses "Studienergebnis" vorhersagen können. Gibt es denn wirklich nichts wichtigeres zu erforschen? Vielleicht sollten die Forschungsgelder für solche Studien lieber für medizinische Forschung verwendet werden, oder auch gerne für Sozialarbeiter, die mit ihrer Arbeit wirklich wichtiges leisten.
NewHuman 04.10.2013
2. Eine alternative Interpretation des Experiments
Aus meiner Sicht zeigt das Experiment lediglich, welche Folgen soziale Bewertungen auf die affektive Bewertung eigener Handlungen haben. Mit Übernahme von Verantwortung für eigene Handlungen hat das erstmal wenig zu tun. In diesem Experiment kam es ja auf „richtige“ oder „falsche“ Handlungen der Probanden gar nicht an (es war immer ein Knopfdruck zu einer frei gewählten Zeit) - es wurde einzig und allein die soziale Bewertung (Jubel = Akzeptanz, Aufschrei = Zurückweisung) per Zufall variiert. Aus hunderten anderer Studien weiß man, dass Menschen ein implizites, affektives Bedürfnis haben, sozial akzeptiert zu werden (Hin-zu-Motivation) und soziale Zurückweisung zu vermeiden (Weg-von-Motivation). Wird die Handlung eines Menschen sozial honoriert, entsteht ein positiver Affekt und die zeitlich vorangegangene Handlung wird automatisch affektiv positiv markiert; d. h. sie wird (rückwirkend und für die Zukunft) gebahnt, erleichtert. Wird eine Handlung aber sozial zurückgewiesen, sorgt die Markierung mit einem negativen Affekt für eine Erschwerung der Handlung. Genau diese affektive Handlungserleichterung oder -erschwerung spiegelt sich meines Erachtens in der rückwirkenden Beurteilung der vergangenen Zeit zwischen Handlung und sozialem Feedback wider.
E-Bike Fan 04.10.2013
3. Diese Studie ist Zeit und Geldverschwendung!
Das erste Kommentar ist richtig, bin der gleichen Meinung!!!
von-pudans 06.10.2013
4. Das Problem mit dem Denken
Zitat von ?denken!Jeder. der irgendwo arbeitet hätte dieses "Studienergebnis" vorhersagen können. Gibt es denn wirklich nichts wichtigeres zu erforschen? Vielleicht sollten die Forschungsgelder für solche Studien lieber für medizinische Forschung verwendet werden, oder auch gerne für Sozialarbeiter, die mit ihrer Arbeit wirklich wichtiges leisten.
ist, dass vielen Leuten zu raten ist, damit anzufangen bevor man sich öffentlich mit Stammtischparolen blamiert. Wer entscheidet denn, was forschenswert ist und was nicht? Sie? Da würde mir Angst und Bange. Es wird soviel Geld auf dieser Welt für unglaubliche Dinge verschwendet und dann muss man sich immer wieder im Bereich der Forschung mit diesem dümmlichen Geldargument auseinandersetzen. Forschung vs Sozialarbeit, unglaublich. Da gäbe es doch ganz andere Aufreger. Militärhaushalte vs verhungernde Kinder als ein sehr pathetisches Beispiel. Nichts für ungut.
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