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Psychologisches Experiment: Babys und Hunde irren auf gleiche Weise

Von Melanie Schmidt

Das älteste Haustier steht dem Menschen näher als gedacht. Der Hund befolgt nicht nur seine Befehle, er begeht auch dieselben Denkfehler wie Babys. Beim Verstecken von Gummibällen stellten ungarische Forscher zudem fest, dass Wölfe aufmerksamer sind.

Babys und Hunde: Auf Menschen fixiert Fotos
Family Dog Project

Ein Versteckspiel mit kleinen Kindern ruft häufig Verwunderung bei Erwachsenen hervor: Lässt man die Lieblingspuppe unter einem Kissen verschwinden, wird ein Kleinkind nicht danach suchen. Denn was es nicht sieht, ist nicht existent. Mit einigen Wiederholungen kann man ihm jedoch beibringen, dass Kissen und Puppe zusammengehören. Einziges Problem: Beide Gegenstände bilden ab diesem Zeitpunkt in der Wahrnehmung des Kindes eine untrennbare Einheit. Ob man das Spielzeug vor seinen Augen unter die Couch legt, es an die Lampe hängt oder auf den Kopf setzt - der junge Spielgefährte wird es immer unter dem Kissen vermuten.

Was Jean Piaget, Vater der Entwicklungspsychologie, mit der unterschiedlichen Wahrnehmung von Kindern und Erwachsenen erklärte, interpretiert ein ungarisches Forscherteam ganz anders. "Der Fehler ist nicht vom Gedächtnis abhängig, sondern von der Kommunikation mit Menschen", sagt Adam Miklosi im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Gemeinsam mit Josef Topal und zwei weiteren Kollegen von der Eotvos Universität Budapest hat er das altbekannte Versteckspiel mit Hunden, Wölfen und zehn Monate alten Babys durchgeführt. Einen klaren Kopf hätten dabei nur Wölfe behalten, berichten die Forscher im Fachblatt "Science". Kinder und Hunde glaubten hingegen nicht, was sie mit eigenen Augen sahen.

Ursache für den Denkfehler sei eine hohe Sozialkompetenz bei Kindern und Hunden, schreiben die Wissenschaftler. Wird ein Gegenstand von einer Person immer am selben Ort versteckt, verstünden Babys und Hunde den Vorgang als eine Regel, welche sie für weitere Erfahrungen verallgemeinerten. Dass Wölfe den Fehler nicht begehen, liege weniger an ihrer Cleverness. Grund seien vielmehr geringfügig ausgebildete Sozialstrategien.

Wie der Mensch, so der Hund

Topal und sein Team haben mehrere Versuchsreihen mit Hunden und Babys unter Laborbedingungen durchgeführt. Zuerst rief ein Versuchsleiter die Tiere beim Namen. "Schau her Filib", sagte er zu einem der Hunde. Dabei hielt der Leiter Augenkontakt mit dem Tier und betonte durch Gesten, dass er einen Gummiball hinter dem linken von zwei Schildern versteckte. Dieser Prozess wurde mehrere Male wiederholt. Und immer lief Filib zu dem linken Schild, um den Ball hervorzuholen. Das tat er jedoch auch in der zweiten Testphase, in welcher der Versuchsleiter den Gummiball gut sichtbar für das Tier hinter dem rechten Versteck verschwinden ließ.

In ähnlicher Weise reagierten Kleinkinder. Nur die nicht im Labor, sondern im Freien getesteten Wölfe liefen fast immer zu dem richtigen Versteck. Genau mit diesem Verhalten begründen die Forscher auch ihre Hypothese: Nach der Domestizierung hätten sich Hunde in der Evolution vom Wolf getrennt und parallel zum Menschen soziale Fähigkeiten entwickelt.

Um zu überprüfen, inwieweit Kommunikationssignale für den Denkfehler eine Rolle spielen, wiederholten Topal und seine Kollegen die Versuche mit einer Änderung: Kein Testleiter war zu sehen. Der Ball wurde allein mit einer Schnur bewegt. Tatsächlich passierten Kindern und Hunden unter dieser Bedingung kaum Fehler. Die ungarischen Wissenschaftler betrachten dieses Ergebnis als Hinweis dafür, dass Lernregeln über kommunikative Signale vermittelt werden.

Kein Tier sozial wie wir

Dass Hunde und Babys trotzdem unterschiedliche Sozialstrategien nutzen, zeigte ein drittes Experiment. Ein Übungsteilnehmer legte den Ball zunächst mehrfach hinter das linke Schild (Lernphase), eine andere Person versteckte ihn dann hinter dem rechten Schild. Hunde begingen unter dieser Bedingung kaum noch Fehler, Babys hingegen schon. Für Säuglinge sei es gleichgültig, wer ihnen Anweisungen gibt. Babys generalisierten ihre Suchstrategien im Experiment zu universellen Gesetzen.

"Der Mensch lebt in einer Kultur, in der alle die gleichen Regeln einhalten", sagt Miklosi. "Zum Beispiel gibt man bei der Begrüßung die Hand. Wenn ein Kind das sieht, kann es annehmen, dass alle anderen Menschen in seiner sozialen Gruppe es genauso machen." Im Unterschied dazu passten sich Hunde stärker der konkreten Situation an. Sie wollten unabhängig vom Herrchen soziale Interaktionen zu ihrem Vorteil nutzen.

Die Befunde der ungarischen Forscher erweitern das Verständnis von der Kindesentwicklung, können Piagets Thesen jedoch nicht zu Fall bringen. Denn neben den in der "Science"-Studie beschriebenen kommunikativen Signalen sind es auch kognitive Veränderungen, welche kindliche Denkmuster prägen. Wie Kognition und Sozialverhalten einander beeinflussen, lässt sich vielleicht beim nächsten Versteckspiel ermitteln.

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