Psychologisches Phänomen Wenn das Hirn sich auf einen Trip macht

Was passiert, wenn man Menschen aller äußeren Sinneseindrücke beraubt? Die Nervenzellen langweilen sich, und das Gehirn gaukelt Bilder und Geräusche vor. Der Neuropsychologe Erich Kasten beschreibt, wie völlig gesunde Menschen plötzlich Tiere aus der Urzeit sehen - oder Eichhörnchen mit Schuhen.

Künstliche Isolation: Tester hielten die Experimente höchstens wenige Tage lang durch
Corbis

Künstliche Isolation: Tester hielten die Experimente höchstens wenige Tage lang durch


"Im Jahr 2006 begann ich plötzlich hellzusehen", schilderte mir vor Kurzem eine Patientin. Nach einer Fehlgeburt habe sie einen Nervenzusammenbruch erlitten. Anschließend sei sie im Krankenhaus von seltsamen Visionen heimgesucht worden. "Zuerst konnte ich in meine Zukunft blicken. Dann tauchten sehr lebhafte, bislang offenbar verschüttete Details aus meiner Vergangenheit auf. Ich konnte mich plötzlich erinnern, dass ich in Frankreich auf einem Schloss zur Welt gekommen und als Baby von einem Arzt nach Deutschland entführt worden war. Das alles erschien mir viel zu deutlich, als dass es bloß ein Hirngespinst sein konnte. Wie entstehen solche gestochen scharfen Bilder im Kopf?"

Die Antwort auf diese Frage ist schwierig. Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler, die neurobiologischen Ursachen solcher Trugwahrnehmungen zu ergründen. Doch warum manche Menschen Dinge sehen, hören oder fühlen, die nicht der äußeren Realität entsprechen, ist noch immer eines der großen Rätsel der Psychiatrie. Immerhin gibt es einige verblüffend einfache Experimente, die zeigen: Halluzinationen treten nicht nur bei psychischen Erkrankungen auf. Jeder Mensch kann sie erleben - wenn man sein Gehirn lange genug von äußeren Einflüssen abschirmt!

Anfang der 1970er Jahre hatte ich das am eigenen Leib erfahren. Damals verbreitete sich die transzendentale Meditation wie ein Virus in der Generation der Hippies und "Gammler". Bei dieser Technik gilt es, in einer stillen Umgebung die Augen zu schließen und gedanklich immer wieder ein und dasselbe Mantra zu wiederholen. Derart von der Außenwelt abgeschottet, hatte ich in tiefster Versenkung Eindrücke, die mit den Trugbildern der anfangs erwähnten Patientin vergleichbar waren. Ich erinnerte mich so klar wie nie zuvor an Szenen aus meiner Kindheit oder sah wunderschöne Bilder, in denen ich über fantasierte Wälder, Berge und Schluchten flog.

Drastische Forschungsmethoden

Schon Anfang der 1950er Jahre hatte der kanadische Psychologe Donald Hebb begonnen, die Effekte der "sensorischen Deprivation" systematisch zu untersuchen - mit drastischen Methoden. Zusammen mit seinem Schüler Walter Bexton suchte Hebb an der McGill University in Montreal Teilnehmer für einen ungewöhnlichen Versuch: Sie boten Studenten die für damalige Verhältnisse exzellente Entlohnung von 20 Dollar dafür, dass sie tagelang gar nichts machen sollten. Die Versuchspersonen lagen auf einem Bett in einem schalldichten Raum und trugen isolierende Rollen über ihren Händen und Armen. Kissen auf den Ohren schirmten sie von jeder akustischen Wahrnehmung ab, und sie trugen eine Brille, durch die sie so gut wie nichts mehr sehen konnten.

Zunächst erschien die Teilnahme an diesem Experiment den Versuchspersonen leicht verdientes Geld zu sein. Doch daraus wurde nichts. Schon bald stellten die Probanden fest, dass sie sich in der Isolation nicht konzentrieren konnten. Ihre Gedanken schweiften ständig ab, unwillkürliche Erinnerungen drangen in ihr Bewusstsein. Nach ein paar Stunden begannen viele, in der absolut stillen Umgebung Stimmen oder Musik zu hören, manche sahen Farben und Formen, tapetenartige Muster oder ganze Szenen. So erblickte ein Teilnehmer urzeitliche Tiere in einem Dschungel, ein anderer sah Eichhörnchen mit Schneeschuhen durch den Raum stapfen. Die meisten Studenten gaben nach ein paar Tagen auf - kein einziger hielt den Versuch länger als eine Woche durch.

Monotonie vernebelt das Denken

Hebb schlussfolgerte, dass die Nervenzellen in den sensorischen Regionen des Gehirns ständige Stimulation brauchen - sonst würden sie offenbar anfangen, sich "mit sich selbst" zu beschäftigen und irreale Sinneseindrücke zu produzieren. Ohne es zu ahnen, begründete der kanadische Psychologe damit eine völlig neue Forschungsrichtung: die Isolationsexperimente.

Eine Reihe von Wissenschaftlern sperrte fortan Teilnehmer in schalldichte, später auch in völlig finstere Räume, um die Effekte auf das Gehirn zu untersuchen. Meistens hielt es keiner der Teilnehmer länger als drei Tage in einer solchen Kammer aus. Die Monotonie veränderte nicht nur ihre Wahrnehmung und rief lebhafte Halluzinationen hervor, sie beeinträchtigte auch das Denken. Nach einer Weile fühlten sich die Teilnehmer fremd in ihrem Körper. Es fiel ihnen zunehmend schwer, einfache Rechenaufgaben oder Logikrätsel zu lösen. Seelisch bis dahin völlig gesunde Probanden zeigten durch den Entzug sämtlicher Umweltreize starke psychische Veränderungen, die in einigen Fällen an die Symptome einer Schizophrenie erinnerten.

1956 erfand der Mediziner John Lilly den Sensory Deprivation Tank, einen großen schallisolierten Behälter, der mit körperwarmem Öl oder Salzwasser gefüllt ist. Wer in der Finsternis schwimmt, erlebt totale Isolation in einem nahezu schwerelosen Zustand. Studienteilnehmer verloren in diesem Tank schnell jede Orientierung und wussten schließlich nicht mehr, wo der eigene Körper endete und die Umwelt begann. Auch sie litten unter Halluzinationen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 107 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
biwak 06.11.2011
1. Lesenswerter Artikel!
"Was passiert, wenn man Menschen aller äußeren Sinneseindrücke beraubt? Die Nervenzellen langweilen sich, und das*Gehirn gaukelt Bilder und Geräusche vor." Zitat Dieses Phänomen wird durch die Vorgänge in der deutschen Politik leider bestätigt. Ein Parlament ohne Eindrücke von außen fängt an ein bisschen seltsam zu werden.
Im_Wahn_gefangen 06.11.2011
2. Das kann ich so nicht im Raum stehen lassen...
[...die Betroffenen können nicht zwischen fantastischer Erscheinung und Realität unterscheiden.] Da ich selber an Schizophrenie (schwere Psychose) gelitten habe, konnte ich trozdem zwischen Realität und Fiktion unterscheiden! Ich hatte verschiedene Formen von Halluzinationen. Okay, ich gebe zu es gibt Unterformen. Es gibt einige Menschen die wirklich nicht mehr in der Realität leben und es auch nicht wissen. Leider teilweise hoffnunglose Fälle...
niepmann 06.11.2011
3. Neurobiologie
Zitat von sysopWas passiert, wenn man Menschen aller äußeren Sinneseindrücke beraubt? Die Nervenzellen langweilen sich, und das*Gehirn gaukelt Bilder und Geräusche vor. Der Neuropsychologe Erich Kasten beschreibt, wie völlig gesunde Menschen plötzlich Tiere aus der Urzeit*sehen - oder Eichhörnchen mit Schuhen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,795483,00.html
Soviel ich weiss, beschäftigt man sich in der Neurobiologie auch mit der Suche nach körpereigenen Halluzinogenen. Mittlerweile weiss man ein wenig über ß-Carboline, die Halluzinationen erzeugen. Das Thema ist derart sperrig, dass ich mich mit BILD-Niveau begnügen muss.
Boone 06.11.2011
4. Gedanken sind flüchtig
Wie ich den Artikel verstehe, versucht man ein nicht-gedankliches-Phänomen (in einer tiefen Meditation sind schließelich kaum noch Gedanken aktiv) gedanklich zu erklären. Dabei ist doch eben durch diese Experimente offensichtlich, dass unsere gedankliche Welt lediglich eine sehr oberflächliche ist und die tiefen unseres Bewusstseins überhaupt keine Gedanken benötigen. Wie sollen Gedanken dann zu einer Antwort auf dieses Phänomen beitragen, wenn sie doch nur eine Funktion eines größeren nicht-gedanklichen Geschehens sind? Die morderne Wissenschaft neigt wohl zu Zirkelschlüssen.
roterschwadron 06.11.2011
5. Danke für den Tip
Zitat von Im_Wahn_gefangen[...die Betroffenen können nicht zwischen fantastischer Erscheinung und Realität unterscheiden.] Da ich selber an Schizophrenie (schwere Psychose) gelitten habe, konnte ich trozdem zwischen Realität und Fiktion unterscheiden! Ich hatte verschiedene Formen von Halluzinationen. Okay, ich gebe zu es gibt Unterformen. Es gibt einige Menschen die wirklich nicht mehr in der Realität leben und es auch nicht wissen. Leider teilweise hoffnunglose Fälle...
Die Unterscheidung ist ganz einfach: die Wahnidee macht immer wieder eine neue SchachteLIDentität auf, wenn sie sich mitteilt. Die Unterform des Verrückten ist dann im Wahn gefangen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.