Psychologisches Profil: Selbstmord-Attentäter fallen nicht aus der Reihe

Ein US-Soziologe hat ein Profil des typischen Selbstmord-Attentäters erstellt. Die Terroristen sind, so das Ergebnis der Analyse, weder verhaltensauffällig noch gesellschaftlich benachteiligt.

Aktivist der radikal-islamistischen Hamas: Jung, ledig, gebildet
REUTERS

Aktivist der radikal-islamistischen Hamas: Jung, ledig, gebildet

Jung, ledig, gebildet: Selbstmord-Attentäter sind nach den Erkenntnissen eines US-Soziologen keine Psychopathen, sondern völlig unauffällige Männer. Auf der Suche nach den Gründen für die weltweite Bedrohung durch Terroranschläge hat Scott Atran, der am staatlichen Forschungsinstitut CNRS in Paris und der University of Michigan in Ann Arbor arbeitet, das Profil des mordenden Selbstmörders erstellt.

Demnach sind die Männer, die sich als lebende Bombe für politisch motivierte Anschläge auf Zivilisten zur Verfügung stellen, weder bildungsmäßig noch finanziell benachteiligt. Sie seien gläubig, aber nicht fanatisch religiös, schreibt Atran im Fachblatt "Science". Auch sonst scheinen die Attentäter nicht weiter aus der Masse herauszustechen: Sie haben, so der Forscher, wie alle anderen in ihrem Umfeld Väter, Freunde und Jobs.

Nach Atrans Interpretation sind Selbstmord-Attentäter jedoch selbst Opfer. Sie würden von Organisationen oder einzelnen "charismatischen Trainern" ausgesucht, ausgebildet und schließlich als Werkzeuge des Terrors eingesetzt. Dazu wird nach Erkenntnissen des Forscher psychische Manipulation und Drill in kleinen Zellen von drei bis sechs Mitgliedern angewandt. Am Ende steht Atran zufolge meist eine Art Vertragsabschluss - etwa ein auf Video festgehaltenes Bekenntnis. Solche Vorbereitungen kosteten nicht mehr als 150 Dollar, schreibt der Soziologe unter Hinweis auf die Aussage eines höherrangigen Palästinensers. Der teuerste Posten seien die Fahrtkosten des Attentäters in eine israelische Stadt.

Atran widerspricht der weit verbreiteten Meinung, dass die Bekämpfung von Hunger und Bildungsnot in den arabischen Ländern, aus denen die Terroristen überwiegend kommen, dem Problem Einhalt gebieten könnte. Wichtiger sei, die aus religiöser, ideologischer und politischer Propaganda erwachsende Dämonisierung der Gegenseite zu stoppen und sie nicht zu einer Spirale des Hasses werden zu lassen, schreibt der Wissenschaftler in "Science".

Massive Vergeltungsmaßnahmen - im Nahostkonflikt etwa durch das israelische Militär - erreichten genau das Gegenteil, so Atran. Sie erhöhten in der Bevölkerung das Gefühl, unterdrückt zu werden, und förderten nur die Bereitschaft, sich als Märtyrer für künftige Anschläge verfügbar zu machen. Auch die Isolierung religiöser und ethnischer Gruppen oder ein vorsorglicher Militärschlag gegen Länder, die Terrororganisationen unterstützen könnten, "helfen wahrscheinlich nicht", meint der Soziologe.

Vielmehr sollten die psychologischen und kulturellen Faktoren ergründet werden, die es Terrororganisationen ermöglichten, Tausende oder sogar Millionen ganz normaler Menschen in ihr Netz einzufangen. Das koste Zeit und möglicherweise mehr Geduld als manche Regierungen in dieser Krisenzeit aufzubringen bereit seien. Auf Dauer aber, so Atrans Fazit, könne es sich "unsere Gesellschaft nicht leisten, die Konsequenzen ihres eigenen Handelns und die Gründe hinter den Aktionen der anderen Seite zu ignorieren".

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