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Psychotherapie: Das zweifelhafte Geschäft mit der Trauer

Von Vinita Mehta

Katastrophen, Unfälle, Gewaltverbrechen: Wenn Menschen zu Zeugen des Grauens werden, sind Psychologen meist schnell zur Stelle, um mit der Behandlung zu beginnen. Insbesondere Langzeit-Trauertherapien haben sich zu einem lukrativen Geschäft entwickelt - doch ihr Sinn ist oft zweifelhaft.

Wenn ein Mensch durchdreht, zur Waffe greift und tötet, dauert es oft nur wenige Stunden, bis Psychologen aktiv werden. Manche wagen Ferndiagnosen über den Täter, ohne diesen jemals auch nur zu Gesicht bekommen zu haben. Der Münchner Psychologe Wolfgang Schmidbauer etwa hat dem Amokläufer von Winnenden in der "WAZ" eine narzisstische Störung attestiert. In der "Bild"-Zeitung sekundierte der Jugendpsychiater Michael Winterhoff. Der Psychologe und Trauma-Spezialist Christian Lüdke forderte die Schließung der betroffenen Schule, da man die Schüler nicht erneut dem Ort des Traumas aussetzen solle. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft forderte gar die Einstellung von nicht weniger als 1600 Schulpsychologen allein in Baden-Württemberg.

Trauernde nach dem Amoklauf in Winnenden: Ist eine langfristige Therapie sinnvoll?
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Trauernde nach dem Amoklauf in Winnenden: Ist eine langfristige Therapie sinnvoll?

Nur: Wann Psychologen bei der Bewältigung traumatischer Erlebnisse helfen können und wann sie womöglich gar Schaden anrichten, wird unter Fachleuten heftig diskutiert. Wenn es zu einem Massentrauma kommt - ausgelöst etwa durch einen Amoklauf, einen Terroranschlag oder einen schweren Unfall - sind sofort zahlreiche Krisenberater zur Stelle. In Zelten werden die Betroffenen versorgt, überall ist von den vermeintlich normalen Anzeichen von Schock und Trauer die Rede.

Das entspricht zunächst der verbreiteten Lehrmeinung unter Psychologen. Die lautet, dass es hilfreich ist, mit den Betroffenen möglichst schnell über ihre Erlebnisse zu sprechen, um die Entwicklung einer langfristigen Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBD, zu verhindern. Doch inzwischen deutet einiges darauf hin, dass die Soforthilfe weniger effektiv ist als vermutet und in dieser Hinsicht weit hinter konventioneller Psychotherapie zurückbleibt. Noch umstrittener ist die Langzeit-Behandlung, wenn es etwa um die Verarbeitung des Verlustes eines Angehörigen geht.

Traditionell sehen Psychotherapeuten Depressionen, soziale Zurückgezogenheit und eine Menge Tränen als Teile des normalen Trauerprozesses: Man müsse sich durch das Erlebte hindurcharbeiten, um am Ende geläutert aus dem Prozess hervorzugehen. Dies beinhaltet auch, über den Verlust zu sprechen, ihm eine Bedeutung zu geben und irgendwann mit dem Erlebten abzuschließen.

Keine Langzeit-Symptome bei der Hälfte der Trauernden

Doch in den vergangenen Jahren haben immer mehr Studien in Frage gestellt, inwieweit eine langfristige therapeutische Trauerarbeit überhaupt notwendig ist. Denn eine Posttraumatische Belastungsstörung werde nur bei fünf bis zehn Prozent der Trauernden diagnostiziert, schrieben etwa die US-Psychologen George Bonanno und Scott Lilienfeld kürzlich im Fachblatt "Professional Psychology: Research and Practice" - auch wenn die Wahrscheinlichkeit von Traumasymptomen in den ersten 25 Monaten nach dem Verlust steige, wenn er etwa mit einem Gewaltverbrechen verbunden war.

Auch erhöhte Trauersymptome wie starke, lang anhaltende Depressionen beobachte man nur bei etwa zehn Prozent der Betroffenen, so die Forscher. Das eigentlich Überraschende: Rund die Hälfte aller Verlustopfer zeige überhaupt keine lang anhaltenden Symptome, nicht einmal eine milde Depression.

Auch das "Loslassen" eines Verstorbenen wird oft als Teil eines gesunden Trauerprozesses genannt. Doch auch das haben Studien zuletzt in Frage gestellt: Viele derjenigen, die am besten mit einem Verlust fertig geworden sind, spürten oft auch lange nach dem Ableben eines Angehörigen eine emotionale Verbindung zu ihm.

Florierendes Geschäft für Therapeuten

Solche Erkenntnisse halten manchen Therapeuten freilich nicht davon ab, Trauernde jahrelang zu behandeln. Insbesondere in den USA floriert das Geschäft mit der lädierten Psyche. Der Harvard-Psychologe William Worden etwa hat 1982 ein Standardwerk über die Trauertherapie geschrieben, das inzwischen in der dritten Ausgabe verkauft wird. Darin empfiehlt er auch, die Behandlung auf acht bis zehn Sitzungen zu beschränken. Doch viele Therapeuten benutzen Wordens Theorien, um ihren Patienten zu erklären: Die Therapie dauert so lange, wie sie eben dauert. Inzwischen hat selbst Worden öffentlich kritisiert, dass sein Buch als Rechtfertigung für Endlos-Behandlungen verwendet wird, die für den Patienten teuer, für den Therapeuten dagegen äußerst lukrativ sind.

Bonanno geht noch einen Schritt weiter und stellt die Trauertherapie grundsätzlich in Frage. "Ich weiß nicht, ob sie überhaupt hilfreich sein kann", so der Forscher. "Zumindest nicht, ehe diese Berater erklären, was sie überhaupt zu tun versuchen." 2007 gab die US-Regierung eine Studie in Auftrag, die klären sollte, wie wirksam die Therapien für traumatisierte Kriegsveteranen sind. Ein Komitee der National Academy of Sciences analysierte insgesamt 90 Studien über pharmazeutische und psychotherapeutische Methoden gegen Posttraumatische Stressstörungen. Das Ergebnis: Niemand weiß genau, ob oder wie gut sie wirken. "Bei den meisten Behandlungen", so die Experten, "gibt nicht genug verlässliche Hinweise, um eine Aussage über die Effektivität zu treffen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 171 Beiträge
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1. it`s...
webman 12.03.2009
business.... nicht mehr und nicht weniger !
2. Na.
Styrre, 12.03.2009
Och, und da hab' ich bei der Überschrift schon gedacht, es geht um Politik und Medien, aber dann doch "Psychotherapie" gelesen.
3. wenig hilfreich, na und ?
augu 12.03.2009
in der Marktwirtschaft wird jede Möglichkeit des Geldverdienens genutzt und, wenn sie lohnend ist, laut angepriesen. Ob die angepriesene Dienstleistung notwendig und hilfreich ist, spielt keine Rolle. Langfristig gesehen verschwinden oder schrumpfen überflüssige Dienstleistungen wohl wieder, während der Lebensmittelverkäufer zu allen Zeiten Kunden hat. Psychologen können vielleicht kurzfristig Suizid verhindern, jemanden allein durch langfristige psychologische Behandlung oder Betreuung von Depressionen oder ähnlichen psychologischen Störungen zu befreien gelingt wohl kaum, andere Faktoren sind da viel entscheidender. Grössere Erfolge haben die Psychologen wohl, wenn sie ihr Wissen in der Werbung nutzen.
4. was solls
fpa, 12.03.2009
diese Art Wahrheiten will doch niemand hören
5. umkämpfter Arbeitsmarkt
odradek1 12.03.2009
Die Zahl der niedergelassenen Psychologen steigt. Bei stagnierender Bevölkerungszahl wird Vollbeschäftigung für diese Berufsgruppe nur möglich sein, wenn neue Geschäftsfelder erschlossen werden und möglichst großen Teilen der Bevölkerung Therapiebedürftigkeit attestiert wird. Auch andere Akademikergruppen sind gezwungen ihre Tätigkeitsfelder zu erweitern: Aufgrund der Juristenschwemme und schlechten Verdienstmöglichkeiten in klassischen Feldern der Rechtsberatung werden immer mehr Anwälte im Abmahnwesen tätig. Verübeln kann man es ihnen nicht.
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