Studien-Flut Forscher veröffentlichen zu viel

Wer soll das alles lesen? Wissenschaftler produzieren von Jahr zu Jahr mehr Studien. Eine Analyse zeigt nun: Mit dem Lesen und Zitieren kommen sie kaum noch hinterher.

Flut von Studien: Mensch kann nur eine begrenzte Informationsmenge verarbeiten
Corbis

Flut von Studien: Mensch kann nur eine begrenzte Informationsmenge verarbeiten


Unser Wissen scheint zu explodieren: Die Zahl wissenschaftlicher Aufsätze steigt pro Jahr um etwa acht Prozent. Rund zwei Millionen Artikel dürften im Jahr 2015 erscheinen. Es dauert nicht einmal zehn Jahre, bis sich der Ausstoß der Forscher verdoppelt hat. Aber bedeutet das auch, dass wir Menschen immer mehr lesen und immer mehr wissen?

Die Frage, ob die Wissenschaftler ihre eigenen Studien überhaupt noch verarbeiten können, haben nun Forscher der finnischen Aalto University untersucht - in einer Studie natürlich. Pietro della Briotta Parolo und seine Kollegen konzentrierten sich dabei auf die Frage, über welchen Zeitraum Fachartikel von Kollegen in eigenen Aufsätzen zitiert werden.

Zitierungen gelten als wichtigste Währung in der Wissenschaft: Je häufiger auf einen Fachbeitrag verwiesen wird, als umso wichtiger gilt es - und umso größer ist auch das Renommee der zitierten Autoren.

Die Analyse ergab, dass Artikel heutzutage viel schneller von der Bildfläche verschwinden als noch in den Siebzigerjahren. Damals wurden wichtige Artikel noch Jahre nach dem Erscheinen immer wieder zitiert - heute tauchen sie schon nach wenigen Jahren kaum noch auf. Die Wissenschaftler produzieren heute also viel mehr - aber sie vergessen quasi auch viel schneller, was in den Jahren zuvor erschienen ist.

Millionen Artikel untersucht

"Der immer schnellere Abfall der Zitierungskurven hat uns kaum überrascht", sagt Briotta Parolo. Man kenne das ja auch aus dem eigenen Fachgebiet. Ein ähnliches Phänomen sei auch aus der Popmusik bekannt und schon wissenschaftlich analysiert worden.

Fast 23 Millionen wissenschaftliche Aufsätze aus vier Fachgebieten haben die Forscher analysiert: Klinische Medizin, Molekularbiologie, Chemie und Physik. Die Daten stammen von Thomson Reuters Web of Science. "Das ist die wahrscheinlich umfangreichste Datenbank wissenschaftlicher Aufsätze, die es gibt", sagt Briotta Parolo.

Alle wichtigen Wissenschaftsmagazine seien darin enthalten, darunter "Science", "Nature" und "Lancet". Die Daten reichen Jahrzehnte zurück - statistisch nutzbar waren nach Angaben des Forschers jedoch erst Zahlen ab den Siebzigerjahren.

Bei allen Aufsätzen beobachteten die Forscher eine ähnliche Entwicklung: Kurz nach dem Erscheinen erreicht die Zitierquote ein Maximum, meist noch im ersten Jahr. Danach fällt die Kurve exponentiell ab.

Wobei der Abfall in den vergangenen Jahren immer steiler geworden ist, wie die Forscher in einem vorab auf der Plattform arxiv.org publizierten Artikel berichten. Er ist bislang noch nicht in einem Fachmagazin erschienen und daher auch nicht von Kollegen überprüft, es gab also keinen Peer Review.

"Technologien entwickeln sich immer schneller", sagt Briotta Parolo. Dies könne erklären, warum heutzutage ein paar Jahre alte Fachartikel kaum noch zitiert werden. Sie seien dann einfach inhaltlich überholt.

Der in Finnland forschende Italiener hat aber auch noch eine andere Erklärung: "Es gibt eine Grenze für die Informationsmenge, die wir verarbeiten können." Ein Wissenschaftler könne pro Jahr nur eine bestimmte Menge an Paper im Blick behalten. Daher sei es auch logisch, dass die Aufmerksamkeit für neue Aufsätze immer schneller verblasse.

hda

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