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Pyramiden-Bau: Gigant von Giseh

Von Ralf Berhorst

Fast 4000 Jahre lang war sie das höchste Gebäude der Welt: Die Große Pyramide von Giseh ragt 146 Meter in den Himmel von Ägypten. Zehntausende Arbeiter schafften Millionen tonnenschwere Steinquader für ein Bauwerk heran, das perfekt ist – bis auf einen verborgenen Makel.

Nie zuvor und nirgendwo sonst haben Menschen je ein Monument errichtet wie die nun für den Pharao Cheops geplante Pyramide: Kein Bauwerk wird so hoch in den Himmel ragen wie dieses Grabmal nach seiner Fertigstellung, für keines werden so viele tonnenschwere Steine an einen Ort herangeschafft werden, keines wird über Jahrzehnte so immense Schätze eines Großreiches fressen, so viel menschliche Kraft, so viel Schweiß und vielleicht auch Tränen. Wohl kaum ein Monument ist je zuvor so präzise geplant, seine Errichtung so gnadenlos streng überwacht worden.

Kein Bauwerk ist so perfekt wie die Pyramide. Und doch verbirgt sich tief in ihrem Inneren ein unauslöschlicher Makel.

Seit dem Jahr 2604 v. Chr. schuften Tausende Arbeiter auf dem steinigen Plateau von Giseh, zerren mit bloßer Muskelkraft mächtige Steinquader in die Höhe, die so schwer sind, dass sie in einem einzigen unachtsamen Augenblick Arme, Beine, menschliche Leiber zerquetschen können.

Doch wie viele von ihnen wissen, dass die Pyramide nicht nur in die Höhe wächst - sondern auch in die Tiefe?

Denn während die Arbeiter täglich Material heranschaffen, auf dass ein künstlicher Berg über den Felsen von Giseh emporstrebe, graben sich ein paar Steinhauer mitten im Lärm und Durcheinander der Baustelle zugleich in ebenjenen Felsen hinein.

Einen Stollen haben sie angelegt, so eng, dass dort nur zwei Mann gebückt nebeneinander Platz finden. Mit Kupfermeißeln brechen sie den Fels auf - Werkzeugen, deren Metall so weich ist, dass es stündlich herausgereicht und im Freien auf Öfen neu gehärtet werden muss.

30 Meter tief haben diese Männer bereits einen abfallenden Gang in den Felsen gehämmert, haben dann einen waagerechten Stollen vorangetrieben. Nun ringen sie dem Felsen, Schlag für Schlag, die Grabkammer des Pharao ab.

Denn Cheops soll dereinst nicht etwa in seiner Pyramide liegen - sondern darunter. Eine Kammer für die Mumie des Herrschers versuchen die Arbeiter aus dem Felsen zu zwingen, fast 120 Quadratmeter groß. Doch die Grabkammer ist zu einer tödlichen Falle geworden: Kein Sonnenstrahl dringt bis dort hinunter; Fackeln und blakende Öllampen spenden flackerndes Licht - und verbrennen dabei kostbare Atemluft.

Zudem schwebt Steinstaub in der stehenden Luft und legt sich immer lastender auf die Lungen der Arbeiter. In ihrer Verzweiflung haben sie einen zweiten, kaum mannsbreiten Schacht vom Stollen bis zur Oberfläche gegraben, doch auch durch diesen Schacht bekommen sie nicht genügend Frischluft.

Irgendwann, niemand kennt mehr das genaue Datum, muss der letzte Arbeiter hustend, keuchend, mit brennenden Augen aufgegeben haben. Als er sich hinausschleppt, lässt er halb herausgehauenes Felsgestein und Staub zurück - und eine Grabkammer, die niemand je vollenden wird. Und während oben Quader um Quader aufgeschichtet wird, wissen wohl nur wenige, dass diese Arbeit eigentlich sinnlos geworden ist: dass hier ein Grabmal errichtet wird, das in dieser Form keinen Toten aufnehmen kann.

Zu den Eingeweihten, die um das Fiasko wissen, gehört Hemiunu, der Neffe des Pharao. Er ist der Leiter der königlichen Verwaltung, der oberste Schreiber und Richter - sowie der "Vorsteher aller königlichen Bauarbeiten".

In dieser Funktion leitet der massige Mann mit der Adlernase den Pyramidenbau (vielleicht, doch das ist nicht sicher, schon von Anfang an). Hat er seine erstickenden Arbeiter wieder und immer wieder in den Felsen getrieben, bis er die Sinnlosigkeit ihres Tuns endlich einsah? Oder ist er nicht sonderlich überrascht, weil er schon seit Monaten ahnt, dass ihnen im Felsen die Luft ausgeht? Weil er sich schon lange vor jenem Augenblick fürchtet, da es nicht mehr weitergeht? Wie auch immer: Hemiunu muss die Pläne am Monument des Pharao ändern.

Seit mindestens 3100 v. Chr. lassen sich Ägyptens Könige in unterirdischen Grabkammern im Wüstensand bestatten. Anfangs überwölbt oft ein Sandhügel die Gräber, eingefasst von einer Ziegelmauer. Der Sandhaufen ist ein Abbild des Urhügels: im ägyptischen Mythos jener Ort, an dem sich am Anfang aller Zeiten das Land aus der Wasserflut erhob und die Welt entstand. Ein Sandhügel ist deshalb ein Symbol der Auferstehung und des ewigen Lebens.

Später lassen manche Herrscher ihre unterirdischen Gräber mit einer Mastaba überbauen, einem kastenförmigen Gebäude aus Lehmziegeln. Auch hier bestimmt eine religiöse Idee die Form: Das Monument soll der Seele des Verstorbenen als Haus dienen. Schließlich durchdringen sich beide Mythen: Um 2700 v. Chr. gibt Pharao Djoser als erster Herrscher den Befehl, mehrere kastenförmige Gebäude übereinander zu türmen: zu einer in sechs Stufen ansteigenden und weithin sichtbaren Pyramide.

Das Bauwerk ragt 60 Meter in den Himmel empor - und in die Ewigkeit: Denn nach seinem Tod soll der König ins Jenseits aufsteigen. So wie der Sonnengott, nachdem er abends am Horizont versunken ist, jeden Morgen aufs Neue geboren wird und zum Firmament emporstrebt.

Snofru, der Vater des Cheops, ist der erste Herrscher, der eine gestufte Pyramide mit Steinen zu einer echten Pyramide mit glatten Außenflächen verkleiden lässt. Vielleicht, weil sie so als ein Abbild der Strahlen erscheint, die die Sonne zur Erde wirft. Vielleicht aber auch, weil sie den gewachsenen Machtanspruch der Pharaonen vollendet verkörpert.

Drei gewaltige Pyramiden entstehen in Snofrus Auftrag. Die erste, in Meidum, wird noch als Stufenbau geplant und erst später zur echten, geometrisch exakten Pyramide erweitert. Die zweite, in Dahschur, lässt der Pharao auf weichem Tonschiefer errichten. Sie senkt sich schon bald an einigen Stellen ab, sodass Risse im Kammersystem entstehen. Um das Gewicht der Pyramide nicht so stark ansteigen zu lassen, verringern die Architekten den Neigungswinkel - nun beschreibt der Bau auf fast halber Höhe einen Knick. Die dritte, ebenfalls in Dahschur, wird zwar wie geplant als echte Pyramide vollendet, doch sind ihre Seiten aus Vorsicht relativ flach geneigt.

Als Snofru um 2604 v. Chr. stirbt, haben ägyptische Architekten bereits seit fast 100 Jahren Erfahrungen in der Konstruktion dieser Grabbauten gesammelt, haben immer neue Techniken erprobt. Nun fordert Cheops von ihnen die perfekte Pyramide; nicht im Schatten der Grabstätten seines Vaters bei Dahschur, sondern 20 Kilometer weiter nördlich, nahe dem heutigen Giseh. Dort ragt ein mächtiges Kalksteinplateau aus dem Wüstensand - zugleich stabiler Baugrund und unerschöpflicher Steinbruch.

Hemiunu soll das Grabmal des neuen Gottkönigs errichten. Eine Pyramide, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, gigantisch in den Dimensionen, vollkommen in der Form. Ein Zeichen für die Allmacht des Cheops als Herrscher der Beiden Länder, als König Ober- und Unterägyptens, als Garant für die Ordnung der Welt und das Wohl seiner Untertanen, im Leben und weit darüber hinaus.

Niemand kann heute sagen, ob es in den königlichen Archiven Papyri mit Entwürfen der bereits vollendeten Pyramiden gibt. Ohnehin ist das Bauwerk, dessen Errichtung Cheops befiehlt, einzigartig: Es wird an seinen Grundseiten jeweils rund 230 Meter messen, und die vier Seiten werden sich so neigen, dass sie in gut 146 Meter Höhe in einer Spitze zusammenlaufen - knapp 40 Meter höher, als Snofru gebaut hat. Und höher als jedes andere Bauwerk auf der Erde.

Wahrscheinlich lässt Hemiunu zuerst für jede Bauphase Pläne auf Papyrus zeichnen, vielleicht sogar Holzmodelle anfertigen - doch nichts davon hat die Zeiten überdauert. Seine Konstrukteure errechnen, dass sie Steinblöcke mit einem Gesamtvolumen von 2,4 Millionen Kubikmetern und einem Gewicht von etwa sechs Millionen Tonnen aufeinandertürmen müssen. Gewiss wird Hemiunu einen Zeitplan erstellen lassen, ist doch die Zeit sein großer Gegner: Jahrzehntelang wird er bauen müssen.

Irgendwann um 2604 v. Chr. betreten Hemiunus Vermesser in sternenklarer Nacht das Plateau von Giseh: Endlos weit und dunkel erstreckt sich die steinige Wüstenlandschaft an drei Seiten; nur im Osten liegt fruchtbares Land und, einige wenige Kilometer entfernt, das silbern glänzende Band des Nil.

Die Vermesser blicken zum Firmament empor, suchen einen jener Sterne, die niemals am Horizont versinken. Dann verfolgen sie über Stunden dessen Laufbahn und ermitteln dabei dessen westlichsten und östlichsten Punkt. Genau in der Mitte liegt Norden. Dorthin soll eine der vier Pyramidenseiten weisen.

Exakt in Nord-Süd-Richtung schlagen Arbeiter nun Löcher in den Fels, rammen Holzpfosten hinein und spannen dazwischen ein Seil. Diese Linie wird den Konstrukteuren bei allen weiteren Vermessungen zur Kontrolle dienen.

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Giseh: Der Bau der Großen Pyramide
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