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Pseudowissenschaft Quantenmedizin: Einstein für Esoteriker

Von Tobias Hürter und Max Rauner

Haarausfall? Sportverletzung? Da kann die Quantenmedizin bestimmt helfen! Homöopathen und Esoteriker bedienen sich immer öfter bei Albert Einstein und Max Planck - Physiker raufen sich die Haare.

Therapiegerät von Gimex: Behandlung von Sportverletzungen und Haarausfall Zur Großansicht

Therapiegerät von Gimex: Behandlung von Sportverletzungen und Haarausfall

Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Arzt, weil Ihnen häufig schwindlig ist. Dort sollen Sie die Hand auf ein Gerät legen, das aussieht wie eine Waage, und der Arzt erklärt ungefähr folgendes: Mit diesem Gerät bestimmen wir Ihre Laborwerte, es erhält seine Informationen über die Messung von Quanteneffekten. Dafür wird ein Strom einzelner Photonen im Winkel von 45 Grad auf einen halbdurchlässigen Spiegel gelenkt. So können wir feststellen, ob eine Herzschwäche vorliegt.

Für Laien mag das gar nicht so dumm klingen, was das Gerät namens "TimeWaver" verspricht. In dieser Sprache reden auch Physiker oft, wenn auch nicht im Zusammenhang mit dem Herz-Kreislauf-System. Tatsächlich nutzen einige Ärzte und selbst ernannte "Quantenmediziner" das wundersame Gerät. Man könne damit sogar Depressionen und Schmerzen behandeln, erklärt der Hersteller, der Quantenphysik sei Dank.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt

Eine andere Firma bietet ein "Quantentherapiegerät" zur Behandlung von Sportverletzungen und Haarausfall an. Würde das alles wirklich funktionieren, müssten die Erfinder eigentlich den Medizin- und den Physiknobelpreis im Doppelpack bekommen.

Es funktioniert aber nicht. Jedenfalls nicht, wenn man die Maßstäbe der Wissenschaft anlegt. Andererseits ist auch nicht alles gelogen, was Quantenheiler auf ihren Webseiten über Quantenphysik schreiben. Nur was ist es dann, wenn nicht Wahrheit oder Lüge? Es ist Bullshit. Hier wird mit pseudowissenschaftlichem Geschwafel der Eindruck von fundierter Forschung erweckt. Und damit steht Quantenmedizin stellvertretend für eine Reihe von Methoden und Techniken, die eines gemein haben: Sie werden mit dem autoritätsstiftenden Vokabular der modernen Physik beworben, um potentielle Kunden an der Nase herumzuführen. Das Phänomen hat eine eigene Blödsinnskategorie verdient: Quantenbullshit.

Albert Einstein (1936): "Spukhafte Fernwirkung" Zur Großansicht
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Albert Einstein (1936): "Spukhafte Fernwirkung"

Eine typische Behauptung der Quantenbullshitter ist, dass das menschliche Bewusstsein dank Quantenphysik mit anderen Gegenständen, dem Bewusstsein anderer Lebewesen oder gleich dem ganzen Universum in Verbindung stehe. Gerne wird auch das "morphogenetische Feld" des britischen Privatgelehrten Rupert Sheldrake als Beleg für die vermeintlichen Wirkungen angeführt. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Der Weltbestseller "The Secret" etwa basiert auf der These, Wünsche würden sich dank Quantenphysik materialisieren, und auch Homöopathen berufen sich schon mal auf die Quantenphysik.

Die neue Einheit von Spiritualität und Wissenschaft

Tatsächlich eignet sich die einst von Max Planck begründete Quantenphysik hervorragend als Nährboden für Bullshit. Ihr zufolge können Atome oder Lichtteilchen über weite Entfernung miteinander in Verbindung stehen. "Spukhafte Fernwirkung" sagte Albert Einstein dazu. Er mochte sich damit nicht anfreunden, aber seine eigene Relativitätstheorie, die die Äquivalenz von Masse und Energie bewies, klingt ähnlich mysteriös.

Quanten- und Relativitätstheorie, schreibt der niederländische Esoterikforscher Wouter Hanegraaff in seinem Buch "Western Esotericism", "schienen nicht nur mit dem Glauben an spirituelle Realitäten im Einklang zu stehen, sondern taugten womöglich sogar als Basis der neuen Einheit von Spiritualität und Wissenschaft". Kein Wunder, dass sie von Esoterikern bis heute begeistert aufgenommen werden. Für Quantenbullshitter sind moderne Physik und Esoterik ein Traumpaar. "Quantenmystizismus" nennt Hanegraaff, der der Esoterik tolerant gegenübersteht, diese Verbindung.

Physik-Neid und Strategien der Selbst-Immunisierung

Nüchtern betrachtet gibt die Physik allerdings wenig dafür her. Zwar zeigen Experimente, dass die spukhafte Fernwirkung existiert - aber nur unter streng kontrollierten Laborbedingungen. Kleinste Temperaturschwankungen, Erschütterungen oder Zusammenstöße mit Luftmolekülen lassen die fragilen Quantenverbindungen zerbrechen. Es gibt bisher keine Belege für Rupert Sheldrakes Behauptung, dass Lebewesen über weite Entfernungen oder Generationen hinweg in Verbindung stehen, und es ist auch kein quantenphysikalischer Mechanismus bekannt, der als Erklärung geeignet wäre.

Max Planck (1947): Der deutsche Forscher hat die Quantenphysik begründet, auf die sich nun Homöopathen und Esoteriker berufen Zur Großansicht
Corbis

Max Planck (1947): Der deutsche Forscher hat die Quantenphysik begründet, auf die sich nun Homöopathen und Esoteriker berufen

Der Physiker Anton Zeilinger, auf dessen Experimente sich Quantenbullshitter gerne berufen, hat für deren Thesen nichts übrig. Es tue ihm leid, sagte er einmal: "Ich kann nichts dagegen tun." Was wirklich hinter dem Quantenbullshit steckt, haben die Münchner Religionswissenschaftlerin Anne Koch und ihr Kollege Stefan Binder von der Universität Utrecht untersucht. Sie analysierten physikalische Konzepte aus der Alternativmedizin - und stießen auf "Physik-Neid" und Strategien der "Selbst-Immunisierung": Die Theorien seien so konstruiert, "dass sie weder falsifiziert noch empirisch belegt werden können."

Von Tobias Hürter und Max Rauner ist vor kurzem das Sachbuch "Schluss mit dem Bullshit" erschienen.

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insgesamt 76 Beiträge
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1. Vorsicht
blowup 17.02.2015
Also Sheldrake, der ja mehrere Bücher über morphogenetische Felder geschrieben hat, mit den Quantenquacksalbern, die nur Geld machen wollen, in einen Topf zu schmeißen, ist schon gewagt. Tatsache ist natürlich, dass der (gesicherte) Wissensstand der offiziellen Physik noch gar nicht in Biologie/Medizin angekommen ist. Die operieren munter mit dem Physikwissen von vor über 70 Jahren. Da bleibt naturgemäß viel Platz für Scharlatane.
2. Guter Artikel
Walther Kempinski 17.02.2015
Guter Artikel. Leider ist das www mit Esoterik geradezu überzogen. Wenn man in manchen Bereichen der Medizin die Wahrheit sucht, stößt man zunächst auf 200 esoterische Seiten. Schwierig sich da nicht an der Nase herumführen zu lassen, wenn man kein Gespür für solche Quacksalber hat.
3. quantenphysik-das kreative element
dieter-ploetze 17.02.2015
da die quantenphysik keiner beobachtbaren gesetzmaessigkeit folgt,scheint sie mir das kreative element im sonstigen erforschten ablauf mit beobachteter gleichmaessigkeit zu sein. denn fuer das leben gibt es meiner meinung nach das kreative element,es koennte auch ganz anders aussehen. das ist dann leider futter fuer esoteriker.
4. Sheldrake
Bolligru 17.02.2015
hat auch behauptet, dass die Fähigkeit von Hunden, epileptische Anfälle vorauszusehen, auf morphogenetische Felder zurückzuführen sei. Dabei ist längst nachgewiesen, das die Hunde mit ihrem extrem feinen Geruchssinn Änderungen in der menschlichen Ausdünstug wahrnehmen, die einem Anfall vorausgehen.
5. Natürlich glaube ich nicht an soetwas, ...
fklein 17.02.2015
... genausewenig wie an potenzierte Zuckerkügelchen ohne Wirkstoff, etc. Globuli und Quantenbullshitmessgeräte werden aber zur Supermedizin, wenn man die Packung eine Nacht auf einen Hildegard Orgon-Akkumulator legt! (-> Bitte auf Amazon suchen!) ;-)
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Zu den Autoren
  • Katharina Sturm
    Max Rauner (links) und Tobias Hürter sind Experten für Blödsinn. Für ihr Buch "Schluss mit dem Bullshit" absolvierten sie einen Grundkurs im Chakren-Reinigen, besuchten Fortbildungen zum Eliteverkäufer und analysierten Managergeschwätz. Ihr Fazit: Bullshit kann unterhaltsam sein, ist aber in großen Mengen schädlich.


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