Wischvorlieben auf WC Forscher narrt Fachmagazin mit absurder Klo-Studie

Konservative Politiker wischen sich den Po eher mit der linken Hand ab, Linke nehmen die rechte. Diese ausgedachte Studie eines britischen Psychologen schaffte es in eine Fachzeitschrift. Hinter der Aktion steckt ein ernsthaftes Problem.

Welche Hand nehmen Boris Johnski, Teresa Maybe und Placido Domingo?
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Welche Hand nehmen Boris Johnski, Teresa Maybe und Placido Domingo?

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Der Titel von Gary Lewis` angeblicher Studie klingt noch nach echter Wissenschaft: "Testing Inter-hemispheric Social Priming Theory in a Sample of Professional Politicians-A Brief Report".

Auch die dort erwähnte Social-Priming-Theorie existiert tatsächlich, wenngleich sie umstritten ist: Diese Theorie besagt, dass Menschen, die zuvor unbewusst für ein bestimmtes Thema sensibilisiert wurden, anschließend entsprechende körperliche Reaktionen zeigen können. So bewegten sich Menschen langsamer, wenn sie zuvor mit dem Thema Altern in Berührung kamen - etwa durch Bilder, die ihnen gezeigt wurden. In einer weiteren Studie schrieben Forscher: Wer mit einem Stift zwischen den Zähnen Comics anschaut und so unbewusst ein Lächeln nachahmt, findet die Cartoons lustiger.

Doch was Lewis auf Grundlage der Theorie angeblich untersucht hat, klingt dann doch ziemlich absurd. Kurz gefasst geht es darum, ob die politischen Vorlieben eines Menschen einen Einfluss darauf haben, mit welcher Hand er sich auf der Toilette den Hintern abwischt. Nehmen linke Politiker nur die linke Hand?

Boris Johnski, Teresa Maybe und Placido Domingo

Um das herauszufinden, habe man britische Abgeordnete befragt, behauptete Lewis. Allein die aufgeführten Namen lassen einen laut lachen: Boris Johnski, Teresa Maybe und Placido Domingo hätten bereitwillig Auskunft darüber gegeben, welche Hand auf der Toilette ihre bevorzugte sei. Nur ein gewisser Nigel F.`Arage habe sich wenig kooperativ gezeigt. Das selbstverständlich frei erfundene Ergebnis: Abgeordnete, die politisch eher rechts stehen, nehmen für diese Verrichtung mit Vorliebe die linke Hand. Politisch eher links orientierte Volksvertreter dagegen die rechte. Die Erkenntnis sei ein Durchbruch, schreibt der Autor.

Lewis gelang es, die Quatsch-Studie kunstvoll in akademische Sprache zu gießen und reichte das eineinhalb Seiten lange Fantasy-Werk beim Magazin "Psychology and Psychotherapy" ein. Nach wenigen Tagen hatte er eine Veröffentlichungszusage. "Ich wollte zunächst nur ein bisschen Spaß haben. Die Idee wurde in einer Kneipenrunde mit Kollegen geboren. Aber dass es tatsächlich zu einer Veröffentlichung kam, hat mich doch überrascht.", sagt er.

Denn das Heft behauptet, bei allen Veröffentlichungen eine Qualitätsprüfung vorzunehmen. Bei diesem sogenannten Peer Review bewerten unabhängige Fachleute etwa Methodik und Ergebnisse einer Studie. Zudem ist ein Peer Review in der Welt der Wissenschaft ein begehrtes Qualitätssiegel bei Veröffentlichungen.

Doch keiner der unabhängigen Experten stolperte über die absurden Namen oder fand bei einer Autorenprüfung heraus, dass es das Institute of Interdisciplinary Political and Fecal Science nicht gibt oder Lewis, der die Schreibweise seines Namen verfälscht hatte, bei einer Google-Abfrage nicht zu finden war. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Mitarbeiter des Journals meine Studie, bevor sie publiziert wurde, gelesen hat", sagt Lewis.

Als der Artikel schließlich veröffentlicht wurde, klärte Lewis bei Twitter auf: Das Ganze sei ein Hoax-Manuskript. Entsprechend amüsiert waren die Kommentare aus der akademischen Welt.

Doch Lewis möchte seine Aktion nicht allein als Spaß verstanden wissen. Denn hinter der Veröffentlichung steckt ein Phänomen, das die internationale Forschergemeinschaft schon länger beschäftigt: sogenannten Predatory Journals. Dahinter verbirgt sich ein ziemlich unseriöses Geschäftsmodell. Es nutzt aus, dass Forscher heute unter starkem Druck stehen, ihre Ergebnisse fachlich zu publizieren.

Deshalb bieten diese Journals, die zuhauf existieren, an, Studien gegen Geld frei zugänglich (Open Access) zu veröffentlichen. Das ist zwar auch bei seriösen Open Access-Zeitschriften der Fall. Doch hier dauert redaktionelle Bearbeitung manchmal Monate. Zudem werben einige Predatory Journals damit, den Qualitätsstandard Peer Review dennoch einzuhalten. Offenbar stimmte das in diesem Fall nicht.

Fast 600 US Dollar für eine Veröffentlichung

Auch von Lewis wollten die Herausgeber zunächst Geld. Fast 600 US Dollar sollte er zahlen. Als er ablehnte, waren sie aber bereit, gratis zu veröffentlichen. "Keine Ahnung, warum das hier so war", sagt er. Beinahe täglich erhalten Forscher solche Angebote per Mail - manchmal sind sie stümperhaft aufgemacht und wandern schnell in den Spam-Ordner. Aber manchmal ist er schwer, sie von seriösen zu unterscheiden, so Lewis. Listen im Internet mit Predatory Journals helfen Wissenschaftlern bei der Orientierung.

Fälle wie den aktuellen hatte es schon häufiger gegeben. Im vergangenen Jahr hatten Forscher eine Studie eingereicht und schließlich veröffentlicht. Sie stellten Penisse in einen Zusammenhang mit dem Klimawandel. Der Fall des Physikers Alan Sokal erregte schon vor über 20 Jahren Aufmerksamkeit. Auch er hatte eine Quatsch-Studie in einem Fachmagazin untergebracht. Allerdings handelte es sich um eine etablierte Zeitschrift. Mit der Aktion wollte der US-Amerikaner eine Debatte über die Qualität von geisteswissenschaftlichen Studien auslösen.

Lewis betont, dass es ihm darum nicht ging. Er wollte vielmehr auf die unseriösen Geschäftsmodelle der Predatory Journals aufmerksam machen. "Ich möchte nicht die Publikationspraxis generell angreifen. Bei jedem ernsthaften Journal wäre das Manuskript innerhalb von zehn Sekunden abgeblitzt", sagt er.

Doch selbst an den Arbeitsweisen von seriösen Zeitschriften gibt es Kritik. So würden junge Forscher durch den Publikationsdruck dazu verleitet, auf Fachgebieten zu arbeiten, auf denen sich am ehesten sensationelle Ergebnisse erzielen ließen, kritisierte etwa der Medizin-Nobelpreisträger Randy Schekman. Auch ein Pilotprojekt einer renommierten Fachzeitschrift war vor einigen Jahren auf Widerstand gestoßen. Sie hatte angeboten, gegen Bezahlung den langwierigen Auswahlprozess für eingereichte Manuskripte zu beschleunigen und über Artikel schneller zu entscheiden.

Es gibt aber auch Stimmen, die die Aktion von Lewis kritisch sehen. Einmal in der digitalen Welt, lasse sich die Veröffentlichung nun nicht mehr stoppen, sagen sie. Laien könnten aber nur schwer erkennen, dass es sich um einen Scherz handele. Ansonsten erhielt er nahezu nur positive Reaktionen. Nur der Verlag des Magazins schweigt bisher.



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