Berlin - Ein Beduinenhirte hatte die verborgenen Schätze aus purem Zufall gefunden. Als der Mann im Jahr 1947 auf der Suche nach einem entlaufenen Tier war, spürte er die ersten Rollen in einer Felsspalte auf. Weitere Funde in insgesamt elf Höhlen machten schnell klar, dass es sich bei den sogenannten Qumran-Rollen um einen der wichtigsten archäologischen Funde des 20. Jahrhunderts handelte.
Doch die dünnen Pergamentrollen, auf ihnen stehen unter anderem die bislang ältesten handschriftlichen Bibeltexte in hebräischer, aramäischer und griechischer Schrift, waren schon bei ihrer Entdeckung arg zerbröselt. Das hat die Entzifferung der Dokumente, die zwischen dem dritten Jahrhundert vor Christus und dem ersten Jahrhundert nach Christus entstanden, zu einem komplizierten Unterfangen gemacht. Nun glauben deutsche Materialwissenschaftler aber einen entscheidenden Schritt nach vorn gemacht zu haben.
Rund 17.000 Fragmente gibt es - und viele von ihnen können bisher weder den einzelnen Fundhöhlen noch bestimmten Dokumenten zugeordnet werden. Nur einige gut erhaltene Rollen können künftig digitalisiert ins Internet gestellt werden. Nach Einschätzung der Berliner Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) erlaubt aber eine neue Technik künftig eine eindeutige Zuordnung weiterer Schriftfragmente.
"Wir können sehen, ob Einzelfundstücke identische Materialeigenschaften aufweisen", sagt Behördensprecherin Ulrike Rockland. "Wenn das zutrifft, gehören sie auch zusammen. Diese Sicherheit ist neu." Bisher versuchten Forscher, das archäologische Riesenpuzzle über seinen Inhalt zusammenzusetzen - was in so manchem Deutungsstreit endete. Ein internationales Wissenschaftler-Team setzte sich deshalb das Ziel, eine eindeutige Zuordnung mit Hilfe moderner Technik zu ermöglichen. Das sei nun geglückt, sagt Rockland.
"Jede Tinte ist anders"
Die Forscher hatten zahlreiche Pergamentproben aus Ziegenleder untersucht. Dabei setzten sie Mikroskopie, röntgenanalytische Verfahren und Vibrationsspektroskopie ein. Mit Hilfe all dieser Ansätze habe man ein Verfahren entwickeln können, das es erlaube, die Herstellungs- und Alterungsgeschichte genau nachzuvollziehen, sagte die Sprecherin.
"Ziegenleder ist ein organisches Material. Wenn Fragmente identische Röntgen-, Raman- oder Infrarot-Spektren aufweisen, müssen sie zusammengehören", sagte Rockland. Ebenso könne man eine chemische Analyse der Tinte vornehmen, um Fragmente zuzuordnen. "Jede Tinte ist anders. Wir können bei Analysen heute nicht nur sagen, wann und wo Goethe seinen Faust überarbeitet hat. Wir können auch nachvollziehen, wo eine Bibelrolle geschrieben wurde."
Bei den modernen Verfahren werden die wertvollen Schriftrollen-Fragmente nach Angaben der BAM weder beeinträchtigt noch beschädigt. Einzig die hohen Kosten der Untersuchungen seien nicht unproblematisch, so die Wissenschaftler.
chs/dpa
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