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Radioaktive Proben: Behörde verbietet Verkauf von Reis aus Fukushima

Erstmals ist in Japan eine radioaktiv kontaminierte Reisprobe aus der Nähe des havarierten AKW Fukushima entdeckt worden. Die Belastung liegt über den erlaubten Grenzwerten - dabei hatten zuvor Tausende Stichproben weit darunter gelegen. Jetzt dürfen Bauern ihren Reis nicht mehr ausliefern.

Reisfeld in der Nähe von Fukushima-City: Radioaktiv kontaminiertes Grundnahrungsmittel Zur Großansicht
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Reisfeld in der Nähe von Fukushima-City: Radioaktiv kontaminiertes Grundnahrungsmittel

Wie nach der Katastrophe von Tschernobyl ist in Japan die Sorge über möglicherweise radioaktiv belastete Nahrungsmittel groß. Obwohl die Regierung immer wieder bekräftigt, dass Lebensmittel aus der Krisenregion Tohoku in der Nähe der AKW-Ruine Fukushima Daiichi sicher seien, halten sich die Verbraucher mit dem Verzehr von Obst, Getreide und Fleisch aus dem Gebiet stark zurück. Für die ansässigen Bauern bedeutet das harte Zeiten: Seit dem atomaren Unglück kämpfen sie mit schweren Umsatzeinbußen, bleiben weitgehend auf ihrer Ware sitzen - und fürchten um ihre Existenz.

Dabei hatten die Stichproben vieler Lebensmittel wie etwa Pfirsiche, die aus dieser Region Japans besonders beliebt sind, bisher keinen Anlass zur Sorge gegeben. Ebenso hatte das japanische Landwirtschaftsministerium Maff (Ministry of Agriculture, Forestry and Fishery) rund 3000 Stichproben Reis untersucht und für unbedenklich erklärt.

Während die Behörden um das Vertrauen der Bevölkerung buhlen und landwirtschaftliche Genossenschaften den ansässigen Bauern mit Aufkäufen ihrer Ware unter die Arme greifen, macht jetzt eine Nachricht die Runde, die all die Bemühungen zunichte machen könnte: Behörden haben radioaktiv belasteten Reis entdeckt.

Die Ernteprobe stammt aus einem Reisfeld in Onami, einem Stadtteil von Fukushima-City etwa 60 Kilometer von der AKW-Ruine entfernt. Der darin gemessene Wert an Radioaktivität betrug demnach 630 Becquerel pro Kilogramm bezogen auf Cäsium 134 und 137. Erlaubt sind in Japan seit der Krise nur 500 Becquerel pro Kilogramm.

Es ist das erste Mal, dass die Behörden überhöhte Werte in Reis gemessen wurden. Bisher lagen nach Angaben des Maff nur 0,8 Prozent aller Stichproben über einem Wert von 100 Becquerel pro Kilogramm. Die meisten Bauern sind einer Vorgabe der Agrar-Kooperativen gefolgt und haben den Reis erst im Mai - später als sonst - angebaut.

Prompt hat die Regierung die Konsequenzen gezogen, die für viele Bauern ein Desaster sein könnten: Am Donnerstag wies die Regierung den Gouverneur der Provinz an, den Verkauf von Reis aus Onami einzustellen. Nach Angaben eines Maff-Mitarbeiters sind rund 150 Reisbauern mit einer Jahreskapazität von etwa 190 Tonnen davon betroffen.

"Kein ernstes Problem"

Ein Regierungssprecher versicherte, dass der betroffene Reis nicht auf den Markt gelangt sei, da die Tests vor einer Auslieferung erfolgt seien. Gleichzeitig versuchte die Regierung, das neue Testergebnis in Onami herunterzuspielen. "Ich habe gehört, dass das kein ernstes Problem wird", wurde Regierungssprecher Fujimura zitiert. Man werde weiter versuchen, eine Ausbreitung unbegründeter Gerüchte über radioaktiv belastete Produkte aus Japan zu verhindern.

Derzeit mangelt es noch an verlässlichen und offiziellen Statistiken, die Auskunft darüber geben, in welchem Umfang die japanische Landwirtschaft von der atomaren Katastrophe getroffen wurde. Während Obst und Getreide bisher als sicher deklariert wurden, haben Nachrichten über radioaktiv belastetes Rindfleisch aus Fukushima und Umgebung nicht gerade das Vertrauen der Bevölkerung erhöht.

Zudem belegten die Behörden zahlreiche andere Produkte aus Fukushima mit Verkaufsverboten. Darunter befanden sich Milch, Rindfleisch, Gemüse, Tee und bestimmte Meeresprodukte. Reis ist in Japan ein Grundnahrungsmittel, das in vielen Familien bis zu dreimal am Tag auf der Speisekarte steht. Noch im vergangenen Monat hatten die japanischen Behörden nach einem umfassenden Test in 48 Gemeinden der Region den Verkauf von Reis erlaubt.

Besonders wichtig sind die Cäsium-Messungen. Das radioaktive Element entsteht neben anderen radioaktiven Isotopen als Spaltprodukt bei der Kernspaltung von Uran. Im Gegensatz aber etwa zu Jod 131, das nach rund acht Tagen zur Hälfte zerfallen ist, hat Cäsium 137 eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Deshalb ist es besonders gefährlich, da es auf Jahrzehnte Auswirkungen auf die Landwirtschaft und das Leben der Menschen in den betroffenen Gebieten hat.

Nach einer Anfang der Woche veröffentlichten Studie japanischer Forscher ist der Boden in weiten Teilen Ost- und Nordostjapans mit Cäsium 137 kontaminiert. In der Präfektur Fukushima liege die Belastung über dem Grenzwert von 5000 Becquerel je Kilogramm Boden, in den Nachbarprovinzen Miyagi, Tochigi und Ibaraki nur knapp darunter. Dort seien unbedingt detaillierte Messungen nötig, da die Kontamination lokal stark schwanken könne, so die Forscher.

cib/dpa

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1.
Bins 17.11.2011
Zitat von sysopErstmals ist in Japan eine radioaktiv kontaminierte Reisprobe aus der Nähe des havarierten AKW Fukushima entdeckt worden. Die Belastung liegt über den erlaubten Grenzwerten - dabei hatten zuvor Tausende Stichproben weit darunter gelegen.*Jetzt dürfen Bauern ihren Reis nicht mehr ausliefern. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,798258,00.html
Wegen *einer* Reisprobe plötzlich Verbot ? Liebe Leute, dort weiß die linke Hand nicht mehr was die rechte Hand tut. Chaos perfekt, würde ich sagen.....
2. .
doctorwho 17.11.2011
Zitat von BinsWegen *einer* Reisprobe plötzlich Verbot ? Liebe Leute, dort weiß die linke Hand nicht mehr was die rechte Hand tut. Chaos perfekt, würde ich sagen.....
german angst ist das natürlich nur . in wirklichkeit ist alles toootaaal harmlos . ganz klar ........
3. Keine Kommentare?
Hugo55 17.11.2011
Erst jetzt eine Probe über den Grenzwerten - offensichtlich passst die Meldung den Hysterikern nicht.
4.
Bins 17.11.2011
Zitat von doctorwhogerman angst ist das natürlich nur . in wirklichkeit ist alles toootaaal harmlos . ganz klar ........
Ehrlich gesagt, beängstigt mich die Meldung nicht weiter, ich schau lieber zu, dass ich keine Pilze und Wildschweinbraten aus unserem Wald erwische. Da ist meine Angst wesentlich konkreter.....
5. Pilze
nobi007 17.11.2011
Zitat von BinsEhrlich gesagt, beängstigt mich die Meldung nicht weiter, ich schau lieber zu, dass ich keine Pilze und Wildschweinbraten aus unserem Wald erwische. Da ist meine Angst wesentlich konkreter.....
Pilze ja, Wildschweine werden auch heute noch in BW überprüft und evtl entsorgt.
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Das Leben nach Fukushima: Entseuchung der Heimat

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.
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AKW-Ruine Fukushima: Plane für Reaktor 1


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