Mischung mit modernem Menschen Der Neandertaler von nebenan

Neandertaler und moderner Mensch bewohnten mehrere Tausend Jahre lang dieselben Gegenden Europas. Vor rund 40.000 Jahren starben unsere Verwandten aus. Doch ihr Erbe lebt in uns weiter.

Nahe Verwandte des modernen Menschen: Nachbildungen einer Neandertalerin (r.) und eines Neandertalers im Neanderthal Museum in Mettmann
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Nahe Verwandte des modernen Menschen: Nachbildungen einer Neandertalerin (r.) und eines Neandertalers im Neanderthal Museum in Mettmann


Wäre Europa vor 45.000 Jahren nach seinen Bewohnern benannt worden, hätte es Neandertal heißen müssen. Abgesehen von ein paar Flecken in Italien, an denen sich der moderne Mensch schon niedergelassen hatte, stellten sie die Mehrheit. Rund 6000 Jahre später war der Neandertaler ausgestorben.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, für die ein internationales Team Fundstücke von 40 Orten von Spanien bis Russland mit neuen Analysemethoden untersucht hat.

Die Forscher um Tom Higham von der englischen Universität Oxford fanden demnach keine Anhaltspunkte dafür, dass in Südspanien Neandertaler noch einige Zeit länger überlebten. Dies sei in der Vergangenheit wiederholt vermutet worden, schreiben sie in der Fachzeitschrift "Nature".

Die Gruppe um Higham untersuchte Knochen und Kohlereste von Fundstätten dreier Steinzeitkulturen: Die Moustérien-Kultur wird den Forschern zufolge den Neandertalern zugeordnet, die Uluzzien-Kultur dem modernen Menschen. Die Zuordnung der Châtelperronien-Kultur ist umstritten.

Gemeinsames Europa für bis zu 5400 Jahre

Aus fast 200 Analysedaten berechneten sie, dass die Neandertaler mit großer Wahrscheinlichkeit vor 41.030 bis 39.260 Jahren ausstarben. Dass ihre Ergebnisse präziser seien als frühere Datierungen, begründen sie mit einer verbesserten Datierungsmethode. Die Methode sei beispielsweise deshalb zuverlässiger, weil die Forscher die Proben besser als zuvor von Huminsäuren befreien konnten, die in Humus- und Torfböden und in Braunkohle vorkommen.

Der Studie zufolge bewohnten Neandertaler und der moderne Mensch 2600 bis 5400 Jahre lang dieselben Gegenden Europas. In dieser Zeit hätten sie sich kulturell austauschen und auch gemeinsame Nachkommen zeugen können. Genetische Studien hätten gezeigt, dass etwa zwei Prozent der Gene von Europäern vom Neandertaler stammen, schreiben die Forscher.

Genetiker datieren den größten Genaustausch zwischen beiden Arten auf die Zeit vor 77.000 bis 114.000 Jahren - lange bevor der Homo sapiens nach Europa kam. Das passt nur schlecht mit dem Ergebnis der Studie zusammen, merkt William Davies von der englischen Universität Southampton in einem Nature-Kommentar an.

Allerdings seien weite Teile Mittel- und Osteuropas bei den Proben nicht berücksichtigt worden. Deshalb fordert er: "Wir müssen auch diese Region an die Präzision und Abdeckung des übrigen Europa heranbringen."

tst/dpa

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Ottokar 21.08.2014
1. Sind die Forscher sicher das sie ausgestorben sind
bei vielen hat sich nur ihr aussehen verändert. Leider.
discprojekt 21.08.2014
2. Hey,
das ist doch Waltraud und Edgar?
Burghard E 21.08.2014
3. Genaustausch zwischen Arten?
"Genetiker datieren den größten Genaustausch zwischen beiden Arten auf die Zeit vor 77.000 bis 114.000 Jahren..." Nach gängiger Definition sind biologische Arten gerade dadurch gekennzeichnet, dass sie keine gemeinsamen Nachkommen, also keinen Genaustausch, haben können. Natürlich gilt das, wie fast alles in der Biologie, nicht uneingeschränkt. Aber es wäre schon interessant, etwas dazu zu lesen, welche Situation die Wissenschaft heute diesbezüglich bei Neandertalern und modernen Menschen vermuten.
martaul 21.08.2014
4. Nur graue Theorie, keine Tatsachen
Einige Methoden, mit denen Wissenschaftler den Ur- sprung der Menschheit zu erforschen versuchen, sind sicherlich fragwürdig. Zu diesen strittigen Methoden gehört die Rekonstruktion sogenannter »prähistorischer Urmenschen« aus Knochen und Knochenfragmenten. Dass diese Methode missbraucht wurde, bestätigt Prof. A.E. Hooton von der Uni- versität Harvard: Einige Anatomen modellieren Rekonstruktionen aus fossilen Schädeln, indem sie die weichen Partien von Kopf und Gesicht mithilfe eines Schädelabdrucks ergänzen und somit ein Modell schaffen, das angeblich darstellt, wie dieser fossile Mensch zu Lebzeiten ausgesehen hat. Wenn wir jedoch berücksichtigen, dass die meisten Schä- del nur bruchstückhaft vorliegen und gewöhnlich die Gesichtspartie fehlt, können wir leicht feststellen, dass die Rekonstruktion des Gesichts und der Schädelform Anlass zum Zweifel an diesen Details gibt. Die verschiedenen Rekonstruktionen des Piltdown-Menschen durch Smith- Woodward, Keith und andere Experten unterscheiden sich sehr stark voneinander. Der Versuch, die weichen Partien zu rekonstruieren, ist ein noch gewagteres Unterfangen. Die Knochen ge- ben keinerlei Anhaltspunkte über die Form der Lippen, Augen, Ohren und der Nasen. Aus dem Schädel eines Neandertalers ließen sich mit gleicher Geschicklichkeit die Züge eines Schimpansen modellieren wie die eines Philosophen. Diese angeblichen Rekonstruktionen von Urmenschen haben wenig wissenschaftlichen Wert und dienen wahr- scheinlich nur dazu, die Öffentlichkeit irrezuführen. Es ist eindeutig absurd, aus dem Schädeldach und zwei oder drei Zähnen ein Modell des Pithecanthropus zu rekonst- ruieren. Wir kennen keine Details über das Erscheinungs- bild von Menschen des Pithecanthropus-, Heidelberg-, Piltdown- oder Neandertal-Typus. Wir wissen nichts über die Form und Ausbreitung ihrer Behaarung, über ihre Hautfarbe und andere Einzelheiten. Deshalb: Vertrauen Sie nicht solchen Rekonstruktionen!«23 Dass wissenschaftliche Methoden nicht über jede Kritik er- haben sind, wird auch an dem nunmehr berühmten Beispiel vom »Piltdown-Menschen« deutlich. Der »Piltdown-Mensch« war eine solche Fossil-Rekonstruktion, wie Prof. Hooton sie beschrieben hat. Die Rekonstruktion basierte im Großen und Ganzen auf einem Kieferknochen, der 1912 in der Nähe von Piltdown in England gefunden worden war. Die Wissenschaftler datierten dieses Wesen in die frühe Eiszeit vor 500.000 Jahren. 1953 jedoch gab es lange Gesichter unter den Wissenschaftlern, als sich herausstellte, dass der Kiefer- knochen von einem 50 Jahre zuvor verstorbenen Orang-Utan stammte, der in der »Rekonstruktion« raffiniert mit Schädel- knochen eines normalen Menschen kombiniert worden war. Was einst als größter anthropologischer Fund des Jahrhun- derts gefeiert wurde, erwies sich nun als größter Schwindel des Jahrhunderts.
uherm_ 21.08.2014
5. Die 2% der Gene,
die wir von den Neandertalern haben sind ein schwacher Trost angesichts der 95% Affengene, die wir tragen;-)
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