Rätsel um britannische Siedlung Die Rache der Königin

Die Siedlung Calleva Atrebatum in Britannien war zur Römerzeit eine Boomtown: Die Menschen lebten so luxuriös und komfortabel wie die Eroberer. Dann wurde die Stadt plötzlich zerstört. Eine keltische Königin soll sich grausam an den prorömischen Einwohnern gerächt haben.

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Normalerweise suchen Archäologen in der Erde nach Antworten. "Aber hier in Calleva Atrebatum graben wir statt dessen jeden Tag neue Fragen aus", sagt Michael Fulford von der Reading University im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Sachlage schien zunächst klar: Nahe des Dorfes Silchester, rund 80 Kilometer westlich von London, lag in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung ein kleines römisches Städtchen. Calleva Atrebatum hatte einen Marktplatz zum Shoppen und Gesehen werden, ein Amphitheater für die Unterhaltung. Es schien, als sei das 7500-Einwohner-Dorf nichts besonderes.

Doch urplötzlich verließen die Einwohner im fünften Jahrhundert diesen lauschigen Ort. Aus unbekannten Gründen.

Auf die Frage nach dem Warum wollen die Archäologen um Michael Fulford nun eine Antwort finden. Was sie bei in ihren Grabungen zutage fördern, lässt auf eine beispiellose Tragödie schließen, die sich an diesem Ort vor vielen Jahrhunderten abgespielt hat.

Zunächst revidierten die Forscher die Vorstellung, bei Calleva Atrebatum habe es sich um eine verschlafene Kleinstadt gehandelt: Vielmehr stand auf dem jetzigen Ausgrabungsgebiet schon ein halbes Jahrhundert, bevor die Römer die Kontrolle über Britannien erlangt hatten, eine Metropole, die jede andere bekannte vorrömische Stadt auf den britischen Inseln weit in den Schatten stellte. "Es gab zwar schon große Siedlungen, etwa in Colchester und Canterbury, vielleicht auch in Chichester", erzählt Fulford, "aber keine hatte so viele Einwohner, keine war so strukturiert wie das, was wir hier unter den römischen Ruinen finden."

Das Leben war bestens organisiert in den "Wäldern der Atrebaten", wie der Name der Stadt auf Keltisch heißt. Die Atrebaten waren ein Volksstamm belgischer Herkunft, der sich ersten Jahrhundert vor Christus im Süden Britanniens breit gemacht hatte. Den neuen römischen Herren, die auf dem Festland bereits ihre Macht etabliert hatten, waren sie wohlgesonnen. So legten die Einwohner von Calleva Atrebatum ihre Stadt nach römischem Vorbild an, die Straßen ordentlich im Schachbrettmuster. Einziger Unterschied war die Ausrichtung: Statt wie die Römer strikt nach den vier Himmelsrichtungen zu bauen, bezogen die britischen Architekten sich auf den Stand der Sonne an den Tagen der Sonnenwenden.

Für ihre Häuser verwendeten sie wie die Römer vor allem Eichenstämme - obwohl den Kelten die Eiche als heiliger Baum galt. Wasser gab es in ausreichender Menge, überall in der Stadt waren Brunnen angelegt. Als deren Stützwände dienten entweder lange Holzlatten oder auch ausgediente Weinfässer.

Köstlichkeiten aus dem römischen Imperium

Beleg für die Vorzüge, die die Einwohner genossen, sind ihre Speisen. Die Menschen in Calleva Atrebatum aßen Köstlichkeiten, die aus dem römischen Imperium importiert wurden: Olivenöl, eingelegten Fisch, Austern - dazu gab es Wein vom Mittelmeer.

Diese Luxusgüter erhandelten sich die Einwohner mit den Erzeugnissen der tributpflichtigen umliegenden Ländereien. Sie zahlten in Getreide, Vieh - und Hundefellen, wie neue Funde von Welpenskeletten im Stadtareal belegen. An den Knochen prangen deutlich erkennbar Schnittspuren eines Kürschners. Aber nicht nur als Fellieferant scheinen die Menschen in Calleva Atrebatum die Vierbeiner geschätzt zu haben. In der gesamten Stadt entdeckten die Archäologen Hundegräber. In einem Grab hatte der Besitzer das Tier sogar aufrecht platziert - der Wachhund hatte Jahrhunderte hindurch in Hab'-Acht-Stellung verharrt.

Die Herrschaft der Römer, die im Jahr 43 schließlich ganz Britannien eroberten, war für die Menschen in Calleva Atrebatum also alles andere als ein Kulturschock, im Gegenteil: Man scheint dort die römische Lebensart nicht nur gekannt, sondern geschätzt zu haben.

Und doch: Eines Tages brach die Katastrophe über die Menschen der Stadt herein. Eine dicke Holzkohleschicht im gesamten Ausgrabungsgebiet bezeugt, dass in der Stadt ein enormes Feuer gewütet haben muss, das alle Häuser in Schutt und Asche legte. Die Einwohner waren entweder tot - oder sie flohen. Zwar kamen nach dem Inferno wieder neue Siedler, doch Calleva Atrebatum war kein Schlaraffenland mehr. Was war geschehen?

Die Rache der Königin

Archäologe Fulford und seine Kollegen vermuten, dass der Stadt ihre offen gezeigte und gelebte Sympathie für die neuen römischen Machthaber zum Verhängnis wurde.

In denselben Zeitraum, auf den Fulford den Brand datiert - 50 bis 80 nach Christus - fällt nämlich auch der Feldzug der britannischen Königin Boudicca. Die zog im Jahr 60 nach Christus mit ihren mordenden Truppen durch die junge römische Provinz Britannien. Ihr Motiv: Rache. Die Römer hatten die unliebsame Herrscherin des Stammes der Icener öffentlich ausgepeitscht, ihre Töchter waren vergewaltigt worden.

Mit ihrem Heer machte Boudicca die römischen Städte des Landes dem Erdboden gleich. So berichten die Geschichtsschreiber Tacitus und Cassius Dio mit Schaudern von dem Aufstand der gekränkten Königin. Camulodunum, das heutige Colchester, ließ sie vernichten. In Londinium, dem heutigen London, stand nach ihrem Durchzug kein Stein mehr auf dem anderen. Auch Verulamium, heute St. Albans, ging in Flammen auf.

Calleva Atrebatum erwähnen die Geschichtsschreiber zwar nicht. Ihren Angaben zufolge zog Boudiccas Heer direkt von Londinium nach Verulamium - das weiter westlich liegende Calleva Atrebatum lag also nicht auf ihrem Weg. Archäologisch aber passt die Brandschicht bestens zu den Funden aus den zerstörten Städten. "Und schließlich lebten hier genau jene Leute, gegen die sich der Hass der Königin richtete: Günstlinge der Römer", erläutert Fulford. "Es ist nur wahrscheinlich, dass auch diese Stadt von den Anhängern Boudiccas in Schutt und Asche gelegt wurde."

Die neuen Siedler distanzierten sich von den Römern

Nach der Wiederbesiedelung Calleva Atrebatums war es dort mit der Sympathie für die Römer vorbei: "Die sozialen Spannungen der Folgezeit sind in den archäologischen Resten förmlich greifbar", erzählt Fulford. Oberflächlich betrachtet demonstrierten die Römer ihre nun gestärkte Macht. Die neu aufgebaute Siedlung sollte so römisch aussehen wie nur irgend möglich.

So hielt sich das neue Straßennetz nicht mehr an die alten Grundstücksgrenzen. Es war durch und durch römisch, die Straßenführung gerade und klar. Sie verliefen von Nord nach Süd und von Ost nach West und nicht im alten keltischen System orientiert an den Punkten der Sonnenwenden nach Nord-Ost und Süd-West. Viel Geld floss auch in den Ausbau der römischen Prunkbauten, welche die Macht der neuen Herren demonstrieren sollten: die Markthalle, das Amphitheater und das Badehaus.

Dennoch vergaßen die Bewohner die alte keltische Ordnung nicht: Ihre Häuser richteten sie trotzdem nach den Sonnenwenden aus - schräg zu den Straßen der neuen Herren. In jenen Bereichen, die nicht von römischen Architekten geplant wurden, distanzierten sie sich deutlich vom Lebensstil der Eroberer. Wo immer die Bauherren des Imperium nicht hin kamen, bauten sie so, wie es ihnen gefiel - und das war britisch, nicht römisch.

Das Leben in Calleva Atrebatum sollte nie wieder so werden, wie es vor der Feuersbrunst gewesen war. Zwar kamen die Menschen zurück, aber die Siedlung erreichte nie mehr die Ausmaße aus vorrömischer Zeit. Viele Brunnen wurden zugeschüttet, noch 250 Jahre lang ignorierten die Leute beim Wiederaufbau der alten Häuser an verschiedenen Stellen der Stadt den römischen Straßenverlauf.

Kurz nachdem die Römer zu Beginn des fünften Jahrhunderts schließlich Britannien wieder verließen, verschwanden auch die Siedler aus Calleva Atrebatum. Die Stadt schaffte niemals den Übergang ins Mittelalter.

Ein Glücksfall für die Archäologen, denn keine moderne Bebauung behindert heute die Ausgrabungen. Die Ruinen liegen unter grünen Wiesen. Für diesen Sommer ist die Grabungskampagne beendet. Fulford aber freut sich schon auf nächstes Jahr: "Da wollen wir uns vor allem der Frage nach dem Ursprung dieser vorrömischen Großstadt widmen."



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