Rätselhafte Erkrankung US-Militär soll schuld am Golfkriegssyndrom sein

Erschöpfung, Muskelschmerzen, Gedächtnisschwund - viele Veteranen des Golfkrieges leiden am "Golfkriegssyndrom". Die Ursache ist unbekannt. Eine US-Wissenschaftlerin glaubt, dass Pestizide und Anti-Nervengas-Pillen der Auslöser waren. Hat sie Recht, trägt das US-Militär die Schuld.


Bis zu 200.000 Veteranen des Golfkriegs haben das "Golfkriegssyndrom". Die Betroffenen leiden an Erschöpfungszuständen, Schlaf- und Gedächtnisproblemen, Depressionen und Muskelschmerzen. Bis heute weiß man nicht, was die Ursache für die mysteriöse Erkrankung ist. Viele mögliche Auslöser haben Wissenschaftler im Verdacht gehabt, darunter Uranmunition, Dioxine aus brennenden Ölquellen oder Impfstoffe.

US-Soldat im Golfkrieg 1991: Sind Chemikalien in Pestiziden und Anti-Nervengas-Pillen Auslöser des Golfkriegssyndroms?
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US-Soldat im Golfkrieg 1991: Sind Chemikalien in Pestiziden und Anti-Nervengas-Pillen Auslöser des Golfkriegssyndroms?

Beatrice Alexandra Golomb von der University of California glaubt nun, die Ursache gefunden zu haben. Sie hat mehr als 100 Studien zum Golfkriegssyndrom analysiert und kommt zu dem Ergebnis: Chemische Gifte, die das zentrale Nervensystem angreifen, sind die Verursacher des Golfkriegssyndroms.

Es geht um Stoffe, die den Abbau von Acetylcholin verhindern. Der Neurotransmitter Acetylcholin ist an der Steuerung genau jener Funktionen beteiligt, die bei den Veteranen häufig in Mitleidenschaft gezogen sind: Schlaf, Konzentration, der Muskelapparat. 18 von 21 epidemiologischen Studien sehen laut Colomb einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Exposition durch Acetylcholinesterase-Inhibitoren und dem Vorliegen der typischen Symptome bei den Veteranen, schreibt die Wissenschaftlerin im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Möglichen psychischen Ursachen des Golfkriegssyndroms sei dagegen bisher zu viel Gewicht beigemessen worden. "Psychologischer Stress kann das Ausmaß der Symptome nicht erklären", sagte Golomb der Nachrichtenagentur Reuters. Schließlich dauerte der Bodenkrieg nur vier Tage und im Vergleich zu anderen Kriegen waren relativ wenige Soldaten in direkte Kampfhandlungen verwickelt.

Die Substanzen waren in Pillen und Pestiziden

Acetylcholinesterase-Inhibitoren hingegen waren die US-Soldaten auf vielfältige Weise ausgesetzt. So erhielten nach Schätzungen 250.000 Soldaten diese Substanzen mittels Pillen, die sie vor möglichen Gasangriffen schützen sollten. Acetylcholinesterase-Inhibitoren sind auch Bestandteil gängiger Pestizide, die die US-Armee in großen Mengen gegen Insekten einsetzte. Nach Schätzungen des US-Verteidigungsministeriums erlitten 41.000 Soldaten eine Überdosis an Pestiziden, wie die Forscher in ihrer Studie berichten. Dazu kommen noch 100.000 Soldaten, die dem Nervengift Sarin ausgesetzt waren, als in der irakischen Wüste ein Munitionsdepot explodierte - denn auch Sarin ist ein Acetylcholinesterase-Inhibitore.

Zudem zeigten weitere Studien: Je mehr Anti-Nervengas-Pillen die Soldaten nahmen oder je stärker sie Sarin ausgesetzt waren, desto stärker litten sie anschließend an den Symptomen des "Golfkriegssyndroms".

Weitere Belege für ihre Hypothese fand Colomb in Studien, die die Auswirkung der Stoffe auch außerhalb des Golfkrieges untersuchten. Mehrere Studien belegten, dass Bauern ganz ähnliche Symptome wie die Golfkriegsveteranen zeigten - wenn sie den gleichen Pestiziden ausgesetzt waren. Auch die Opfer der terroristischen Sarin-Attacken in Japan litten anschließend an Symptomen, die dem "Golfkriegssyndrom" sehr ähneln.

Andere US-Wissenschaftler bleiben skeptisch, insbesondere weil die Exposition mit chemischen Stoffen im Golfkrieg nicht objektiv gemessen wurde - alle Studien müssen sich auf die menschliche Erinnerung verlassen. "Jahre nach dem Ereignis zurückzuschauen und sich an eine mögliche Exposition zu erinnern - es ist bekannt, dass dies zu erheblichen Fehlern führt", sagt Charles Engel vom Walter Reed Army Medical Center in Washington gegenüber der Los Angeles Times.

Es scheint also, als sei die Diskussion um die Ursache des "Golfkriegssyndroms" noch lange nicht beendet - auch 17 Jahre nach dem Krieg.

ama



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