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Rätselhaftes Phänomen: Schimmelpilze tropfen aus Wasserhahn

Ein schwarzer, schleimiger Klecks rutscht aus dem Wasserhahn - Haushalte im ganzen Bundesgebiet sind betroffen. Der Biofilm aus Schimmel- und Hefepilzen gilt als gesundheitlich unbedenklich - seine Ursachen sind jedoch unbekannt.

Magdeburg - Frisch und klar soll es aus der Leitung kommen - Trinkwasser, das in Deutschland am besten kontrollierte und überwachte Lebensmittel. Doch die schwarzen, schleimigen Pfropfen, die hin und wieder über das Bundesgebiet verstreut aus manchen Wasserhähnen platschen, haben mit sauberem Trinkwasser nichts gemein, verunsichern Verbraucher und geben Experten Rätsel auf.

Wasserhahn: Mysteriöse Schimmelpilze in Dutzenden Haushalten aufgetaucht
DPA

Wasserhahn: Mysteriöse Schimmelpilze in Dutzenden Haushalten aufgetaucht

Die Kölner Rheinenergie AG, die in ihrem Einzugsgebiet in den vergangenen vier Jahren 26 Fälle registrierte, will die Herkunft der mysteriösen Ablagerungen an Armaturen nun genau ergründen lassen. Gemeinsam mit der Dresdener Außenstelle des Technologiezentrums Wasser hat sie dafür bei der Deutschen Vereinigung des Gas- und Wasserfachs DVGW ein Forschungsvorhaben beantragt. Da die mysteriösen Schimmelablagerungen aber nur vereinzelt und in verschiedenen Regionen Deutschlands auftauchten, dürften die Forschungen schwierig werden, räumt der Wasserversorger ein.

Untersuchungen an der Saale verliefen bisher ergebnislos. Dort sah Gudrun Beck, Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen, 2003 erstmals einen solchen Schimmelklecks aus einem Hahn tropfen. Ihre Behörde, das Gesundheitsamt im sachsen-anhaltischen Halle, war von betroffenen Bürgern alarmiert worden. 44 Fälle wurden seither in der Saale-Stadt gemeldet.

Bakteriologisch erwies sich das verschleimte Wasser als völlig in Ordnung und den Vorgaben der Trinkwasserverordnung entsprechend. "Es handelt sich wohl nur um ein ästhetisches Problem", sagt die Hallenser Hygienikerin. Die im Labor identifizierten Schimmel- und Hefepilze der Gattungen Fusarium, Scopulariopsis, Exophiala und Aureobasidium sind in der Natur weit verbreitet und gelten als apathogen - also nicht krankheitserregend. "In Trinkwasserinstallationen haben sie aber nichts zu suchen", erklärt das Umweltbundesamt in Dessau zu den bekanntgewordenen Fällen.

Ursachensuche in Halle blieb erfolglos

Eine in Halle an der Saale eingeleitete Mängelbeseitigung und Ursachensuche, für die Wasserwerk und Vermieter mit ins Boot geholt wurden, blieb erfolglos: Leitungen und Armaturen wurden ausgetauscht, die Sporendichte in der Innenluft gemessen, gespült und desinfiziert - doch die Schimmelbeläge tauchten nach wenigen Wochen erneut auf. Pilzsporen brauchen für gutes Gedeihen vor allem Feuchtigkeit, eine bestimmte Temperatur und Nährstoffe. Was den Mikro-Organismen an Wasserhähnen und Duschköpfen aber besonders mundet, gibt Fachleuten nach wie vor Rätsel auf.

"Zum Wasser selbst und auch zu den Leitungsmaterialien gibt es keinen Zusammenhang", versichert Burkhard Wricke vom Dresdener Wasser-Technologiezentrum, das schon die ersten Untersuchungen begleitete. Übereinstimmend scheint seiner Ansicht nach Phosphat eine Rolle zu spielen. Phosphat ist in der Branche ein gängiges Mittel, um Leitungsrohre vor Korrosion zu schützen.

Ausgerechnet Putzteufel sind betroffen

"Es kann vielleicht begünstigend als Nährstoff wirken, alleinige Ursache für die schwarzen Schimmelflocken ist es aber nicht", meint Uta Rädel vom Landesamt für Verbraucherschutz von Sachsen-Anhalt. "Diese Pilze verwerten organische Stoffe. Die können aus Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, von Kosmetika oder Raumsprays stammen und als Nährstoffquelle dienen, vor allem wenn sie im Interesse des Umweltschutzes biologisch leicht abbaubar sind", erläutert die Magdeburger Trinkwasserexpertin. "Damit geben wir den Sporen genau das, was sie gern fressen."

Kein Wunder also, wenn Wasserhähne ausgerechnet bei Putzteufeln Schimmel ansetzen. Genau dieses Phänomen wurde in Halle beobachtet, wo auch in penibel sauberen Haushalten, meist mit sanierten Leitungen, solche mysteriösen Schleimpfropfen aus dem Hahn plumpsten. Solange diese das Geheimnis um ihre Entstehung nicht preisgeben, bleibt Betroffenen nur: Armaturen regelmäßig mechanisch mit der Bürste reinigen und Kleinteile auskochen. Stimmt die Deutsche Vereinigung des Gas- und Wasserfachs dem Forschungsvorhaben zu, kann frühestens Anfang 2009 mit der Lösung des Rätsels um den Schimmelschleim am Wasserhahn begonnen werden.

Gudrun Oelze, AP

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