Räumliches Denken: Erziehung macht Männer zu Einparkhelden
Das Vorurteil hält sich hartnäckig - doch es scheint falsch zu sein: Männer können angeblich von Natur aus besser räumlich denken als Frauen, etwa beim Einparken. Versuche bei zwei indischen Stämmen aber zeigen nun: Erst die Erziehung macht den Unterschied.
Hamburg - Frauen können schlechter einparken: Das ist einer der Klassiker, wenn es darum geht, Geschlechtsunterschiede zu beschreiben. Tatsächlich zeigt sich bei Untersuchungen, dass Männer im Durchschnitt über ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen verfügen als Frauen. Einige Forscher vermuten, dass dieser Unterschied dazu beiträgt, dass Frauen weniger Spitzenpositionen in der naturwissenschaftlichen und mathematischen Forschung sowie in Ingenieursberufen einnehmen. Aber ist der Unterschied beim räumlichen Denkvermögen angeboren - oder entwickelt er sich erst später?
Die Frage beantworten US-Forscher, nachdem sie das räumliche Vorstellungsvermögen von knapp 1300 Frauen und Männern zweier eng verwandter indischer Stämme - Khasi und Karbi - miteinander verglichen haben. Die beiden untersuchten Stämme leben primär vom Reisanbau und sind genetisch eng miteinander verwandt, wie eine Genanalyse zeigte. Aber: Bei den Karbi herrscht ein Patriarchat, bei den Khasi haben die Frauen das Sagen.
Das Ergebnis der im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Science" veröffentlichten Studie: Die Erziehung scheint die Fähigkeit zum räumlichen Denken deutlich zu beeinflussen.
Die Forscher testeten das räumliche Vorstellungsvermögen der Freiwilligen mit einem Puzzle: Das Bild eines Pferdes war in vier Stücke zerteilt worden. Als Anreiz stellten die Wissenschaftler eine Belohnung von 20 Rupien in Aussicht, wenn das Puzzle in weniger als 30 Sekunden gelöst wird.
Bei den männlich geprägten Karbi lösten die Männer das Puzzle im Durchschnitt in 42 Sekunden, die Frauen in 57. Bei den Khasi lösten beide Geschlechter das Puzzle etwa gleich schnell: Männer benötigten 32, Frauen 35 Sekunden, wie die Wissenschaftler um Moshe Hoffman von der University of California in San Diego berichten.
Ein entscheidender Faktor sei wohl die Bildung - deren Einfluss beziffern die Wissenschaftler mit ungefähr einem Drittel. Im matriarchalen Stamm der Khasi wurden Männer und Frauen gleich lang ausgebildet. Bei den Karbi wurden die Männer dagegen im Durchschnitt 3,7 Jahre länger ausgebildet als die Frauen. Je besser die Bildung einer Versuchsperson gewesen sei, desto besser habe sie bei den Tests abgeschnitten, schreiben Hoffman und seine Kollegen.
"Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass gleiche Bildungschancen in dieser Frage einen wichtigen Unterschied bedeuten könnten", sind sich die Wissenschaftler sicher.
wbr/dapd
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