Rauchverbot: Mit Duftmaschinen gegen den Menschenmief

Von Felix Knoke

Altes Bier und Erbrochenes, schlechter Atem, Schweiß und Blähungen: So riecht mancher Nachtclub in Zeiten des Rauchverbots. Das muss nicht sein, dachte sich ein junger Forscher aus den Niederlanden. Er stellte Duftmaschinen in den Tanzschuppen auf - und erzielte überraschende Ergebnisse.

Nachtclub-Besucherinnen: Nach dem Rauchverbot herrscht Schweiß- und Biergeruch Zur Großansicht
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Nachtclub-Besucherinnen: Nach dem Rauchverbot herrscht Schweiß- und Biergeruch

Sie sahen aus wie schmucklose Nebelmaschinen. Doch die schwarzen Kästen, die Dirk-Jan Oudshoorn von der TU Delft in drei niederländischen Studentenclubs aufstellte, verströmten Aromen von Orange, Pfefferminze und Meeresluft.

Für den jungen Industriedesigner waren die Duftmaschinen die Lösung eines paradoxen Problems: Für manchen riechen niederländische Nachtclubs seit dem Inkrafttreten des Rauchverbots im Juli 2008 schlechter als zuvor. Wo früher der blaue Dunst alle anderen Gerüche übertünchte, herrscht nun ein Menschenmief aus altem Bier und Erbrochenem, schlechtem Atem, Schweiß und Blähungen.

"Ich verstand einfach nicht, warum sich Clubs zwar um ihre Einrichtung, ihre Soundanlage und das Drink-Angebot kümmern", sagt Oudshoorn, der heute einen Duftmaschinenverleih betreibt, "aber offenbar nicht um eine gute Geruchsatmosphäre."

Er war überzeugt: Riecht ein Club gut, fühlen sich die Gäste wohler, trinken und tanzen mehr. Ein Experiment sollte Klarheit bringen: Im Januar 2009 stellte Oudshoorn in drei Nachtclubs in Delft, Leiden und Utrecht seine Duftmaschinen auf und erfasste fünf Wochen lang, wie lange die Clubgäste tanzten, wie viel sie tranken und wie sie ihre eigene Stimmung einschätzten.

Das Experiment ging zum Teil auf: Zwar blieben die Thekenumsätze über den Versuchszeitraum mehr oder weniger gleich. Solange die Duftmaschinen arbeiteten, tanzten die Leute aber deutlich häufiger und äußerten sich wohlmeinender über den Clubabend als in den Vergleichszeiträumen vor und nach der Duft-Intervention.

Oudshoorn bestand mit diesem Experiment seinen Master-Abschluss, eröffnete mit einem Freund einen Duftmaschinenverleih und veröffentlichte seine Ergebnisse gemeinsam mit seinen Kollegen im April im Fachmagazin "Chemosensory Perception".

Danach kamen nicht nur Anfragen von Firmen und Personen, die von der erfrischenden Kraft der Duftmaschinen Gebrauch machen wollten. Auch die Stadt Amsterdam fragte an, ob sie nächtens Mandarinenduft auf dem berühmten Leidener Platz in der Innenstadt Amsterdams versprühen könnte, um randalierende Heimkehrer zu besänftigen. In den USA seien entsprechende Versuche der Polizei bei Festnahmen erstaunlich erfolgreich verlaufen. Doch am Ende habe die Stadt Amsterdam das Interesse verloren. "Daraus wurde aber nie wirklich etwas", meint Oudshoorn.

Egal ob Orange oder Pfefferminze

Denn das Experiment hatte auch einige verwirrende Ergebnisse. "Wir hatten eigentlich erwartet, dass Orangenduft am besten für einen Club geeignet ist", sagt Oudshoorn. In zwei früheren Studien habe sich herausgestellt, dass Orangenduft entspannend wirke, Pfefferminze anregend und Meeresduft neutral.

Für den Club erwartete der Forscher deshalb, dass Orangenduft die Tanzaktivität mindert, dafür aber das Erlebnis insgesamt verbessert. Aber davon merkte Oudshoorn im Feldversuch nichts. Welchen Duft er auch auf die Clubgäste verströmt habe, die Wirkung sei immer die gleiche gewesen: mehr Tanz, mehr Freude. Das legt nahe, dass es keinen spezifischen Einfluss der Düfte gibt, sondern eher: Egal, wonach ein Club riecht - Hauptsache nicht nach Mensch.

Geruchsexperte Thomas Hummel, Leiter des Arbeitsbereichs Riechen und Schmecken an der Universitäts-HNO-Klinik Dresden, hat jedoch eine alternative Erklärung: "Vielleicht hatten die Düfte einfach nur Neuigkeitswert für die Gäste." Erst eine längerfristige Untersuchung könne klären, ob es eine spezifische Duftwirkung im Club gebe. Diese Lücke räumen auch Oudshoorn und seine Kollegen im Fazit ihrer Untersuchung ein. Dort heißt es: "Ob diese Gerüche tatsächlich einen Einfluss auf die Wahrnehmung des Nachtlebens haben, müssen weitere Untersuchungen zeigen."

Keine Chance gegen stinkende Menschen

Hinzu kommt, dass der Geruch aus der Maschine dem Ambiente des Clubs entsprechen muss. Kokosnuss-Duft würde zu einer Strandparty passen, nicht aber zu einer Gothic-Disco. Der Effekt schwankt von Club zu Club, von Tag zu Tag, von Gast zu Gast. "Beim Pfefferminzexperiment beschwerte sich ein DJ über einen Geruch wie beim Zahnarzt", sagt Oudshoorn. "In einem anderen Club zog dagegen während des Pfefferminzeinsatzes der Mojito-Verkauf an."

Hummel kennt das Problem: "Manche Studien zeigen, dass Gerüche unser Verhalten auf subtile Weise beeinflussen." Einige Gerüche aber wirken beispielsweise nur unterschwellig, während andere sofort bewusst wahrgenommen werden. Liegt das an den Düften, an der Situation oder daran, dass manche Menschen - zu ihnen gehört nach eigener Aussage auch Hummel - einen "unbedufteten Raum" bevorzugen?

Das größte Hindernis für die Düfte ist aber noch immer der Menschenmief selbst. Auf den reagiert die menschliche Nase dermaßen empfindlich, dass man die Wohlgerüche eigentlich viel höher dosieren müsste. Dabei legte Oudshoorn seinem Experiment die Hypothese zugrunde, dass die Düfte besser wirken, wenn sie kaum wahrnehmbar sind: "Man riecht diese Düfte nicht, man fühlt sich einfach nur wohler."

Eine Lösung könnten spezielle Duftmittel sein, die einzelne Stinkstoffe chemisch neutralisieren. Doch die eignen sich nicht für den Einsatz in Clubs, wendet der holländische Fachmann Rick Schifferstein ein, der auch das Experiment von Oudshoorns Team beaufsichtigte: Menschen dufteten auf so viele Arten, dass ein spezieller Gegenduft-Cocktail kaum zu mischen sei.

Deshalb steht zu erwarten, dass das Duftproblem einstweilen ungelöst bleibt. Immerhin: Anders als Zigarettenqualm haben menschliche Ausdünstungen noch niemanden umgebracht - und die Umsätze der Kneipen schmälern sie offenbar auch nicht.

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insgesamt 33 Beiträge
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1. ja mei
realburb 21.06.2011
dann muss der sepp und die liesl halt einmal ein deo benutzen und sich waschen, wenn sie weggehen.
2. wirklich gut?
seikor 21.06.2011
nach Rauchbelästigung nun Aromabelästigung... Gut riechen bedeutet nicht für jeden "gut". Ich war neulich in einem WC, das hat derart penetrant nach irgendeinem Aprikosenaroma gestunken, dass ich froh war, wieder draußen zu sein. Das einzig sinnvolle wären Geruchsvernichter, nicht Parfümierer.
3. .
**Kiki** 21.06.2011
Zitat von sysopAltes Bier und Erbrochenes, schlechter Atem, Schweiß und Blähungen: So riecht mancher Nachtclub in Zeiten des Rauchverbots. Das muss nicht sein, dachte sich ein junger Forscher aus den Niederlanden. Er stellte Duftmaschinen in den Tanzschuppen auf - und erzielte überraschende Ergebnisse. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,766978,00.html
Eine Sorte Kanzerogene raus, neue Sorte Kanzerogene (künstliche Duftstoffe, zusätzlich auch noch allergen) rein. Da hätte man sich das Rauchverbot eigentlich auch sparen können.
4. hmm
wechselmann 21.06.2011
das klingt ja zu schön um wahr zu sein. Damit meine ich Gerüche wie Schweiß und altes Bier, nicht die Duftmaschinen. Ich wohne nämlich in Hamburg, und da wird das Rauchverbot nicht durchgeführt.
5. HHm
Bala Clava 21.06.2011
Zitat von wechselmanndas klingt ja zu schön um wahr zu sein. Damit meine ich Gerüche wie Schweiß und altes Bier, nicht die Duftmaschinen. Ich wohne nämlich in Hamburg, und da wird das Rauchverbot nicht durchgeführt.
In welchem Hamburg leben Sie? Hamburg an der Wolga? In meinem Hamburch an der Elbe herrscht Rauchverbot - und man hält sich sogar weitgehend daran.
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