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31. Juli 2008, 17:45 Uhr

Rauchverbot

Tabak-Lobbyisten wittern neue Chancen

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Das Verfassungsgericht hat das Rauchverbot gestoppt - Tabakindustrie und Gastronomen jubilieren. Nun wollen die Befürworter des Qualmens mit eigenen Messungen beweisen, dass Passivrauchen gar nicht gefährlich ist.

Nach dem Rauchverbot-Urteil des Bundesverfassungsgerichts wittern Tabakindustrie, Lobbyisten und Rauchbefürworter eine neue Chancen im Kampf gegen das Nichtraucherschutzgesetz. Dafür rufen sie gern Wissenschaftler auf den Plan, die international anerkannte Daten in Zweifel ziehen. Der Münchner Toxikologe Gerhard Scherer hat kürzlich behauptet, für Gäste in Gastronomiebetrieben sei ein "erhöhtes Risiko für die mit dem Passivrauchen hauptsächlich in Zusammenhang gebrachten Erkrankungen nicht zu erwarten". Scherer, dessen Institut seit Jahren von der Tabakindustrie unterstützt wird, widerspricht damit den Berechnungen des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), denen zufolge jährlich durchschnittlich 3300 Menschen an den Folgen des Passivrauchens versterben.

Gefährlicher Qualm: Im Nebenstrom einer Zigarette lauern krebserzeugende Stoffe
AP

Gefährlicher Qualm: Im Nebenstrom einer Zigarette lauern krebserzeugende Stoffe

Auch die Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten (BGN) hält die Zahlen des DKFZ und anderer internationaler Forscher für nicht nachvollziehbar. In einer achtseitigen Analyse bewertet sie wissenschaftliche Aussagen zum Passivrauch und kommt zu dem Schluss, die epidemiologischen Abschätzungen des Einflusses von Passivrauch auf die Lungenkarzinomrate seien "fehlerhaft". Auch die Qualität von Metastudien der US-Gesundheitsbehörde zum Thema Passivrauch sei "fraglich". Und weil die "Entscheidungsgrundlagen für Rauchverbote in deutschen Gaststätten zweifelhaft" seien, will die BGN nun eigene Untersuchungen anstellen.

"Ohne Rauchen wäre Lungenkrebs selten"

"Solange keine nachvollziehbaren Zahlen für die Gastronomie in Deutschland vorliegen, müssen wir selbst messen", sagte BGN-Pressesprecher Matthias Dürschlag im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Genossenschaft will dann auch neue Lösungsvorschläge anbieten: "Ich könnte mir zum Beispiel raumlufttechnische Anlagen vorstellen", meint Dürschlag.

Die BGN könnte allerdings ein eigenes Interesse daran haben, dass Passivrauchen in Zukunft als weniger gefährlich eingestuft wird. Als gesetzliche Unfallversicherung muss sie zahlen, wenn eine Erkrankung als Berufskrankheit deklariert wird. In Dänemark ist Lungenkrebs als Folge von Passivrauchen bereits seit 2005 als Berufskrankheit anerkannt. Sollte das auch in Deutschland passieren, könnte das teuer werden für die BGN. Kritiker werfen der Genossenschaft vor, es komme ihr gelegen, dass der Zusammenhang zwischen Krebs und Passivrauchen in Zweifel gezogen wird. Dagegen verwahrt sich Dürschlag: "Uns wird immer vorgeworfen, dass wir keine Renten zahlen wollen. Aber wenn wir die Kausalitätskette nicht schließen können, können wir auch nicht zahlen."

Andere haben an der Kausalität weniger Zweifel. "90 Prozent aller Lungentumoren sind bei Männern aufs Rauchen zurückzuführen, bei Frauen sind es 80 Prozent", sagt Bernd Kaina, Leiter des Instituts für Toxikologie der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.

Dessen Angaben decken sich mit Zahlen des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 1998. Sie beziehen sich zwar auf das Aktivrauchen, das viel gefährlicher ist als Passivrauchen - doch auch im sogenannten Nebenstromrauch, der von einer qualmenden Zigarette ausgeht, lauern die gefährlichen Karzinogene, die Tumoren auslösen: polyzyklische Kohlenwasserstoffe, Benzol, Nitrosamide und Schwermetalle wie Kadmium, Arsen, Nickel und Chrom kleben an den Feinstaubpartikeln, die sich mit dem Rauch im Raum verbreiten und dadurch auch die Atemluft von Nichtrauchern erreichen. "Die Stoffe greifen die DNA an und erzeugen Mutationen", sagt Kaina zu SPIEGEL ONLINE. "So entsteht Krebs." Wenn es keine Zigaretten gäbe, "wäre Lungenkrebs eine seltene Erkrankung Momentan steht der Tumor hingegen an Platz eins aller Krebstodesursachen bei Männern und an Platz drei bei Frauen".

Weniger Reizhusten, Schnupfen und Atemnot

Die Liste des Deutschen Krebsforschungszentrums über Folgeschäden von Passivrauch aus dem Jahr 2005 verwundert vor diesem Hintergrund nicht:

Studien aus dem Ausland bestätigen diese Ergebnisse: Schottische Wissenschaftler hatten 2006 die Auswirkung des Rauchverbots in ihrem Land auf die Gesundheit von Passivrauchern untersucht. Die Angestellten in Bars litten demnach schon zwei Monate später deutlich weniger unter Reizhusten, Atemnot, Schnupfen oder Augenrötung als vor dem Verbot, berichten die Mediziner vom Ninewells Hospital in Dundee in der Fachzeitschrift
" Journal of the American Medical Association". In Frankreich und Italien nahm die Zahl der Herzinfarkte zwei unabhängigen Studien zufolge um 15 und 11 Prozent ab, nachdem Rauchen an öffentlichen Orten und in Gaststätten verboten worden war.

Dies sind nur beispielhaft ausgewählte Erkenntnisse; mittlerweile existieren Hunderte Studien zum Thema Passivrauchen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Lobbyisten versuchen, Wissenschaft nach ihren Vorstellungen zu betreiben.

Den Einfluss beispielsweise der Tabakindustrie auf deutsche Wissenschaftler hat im Jahr 2005 Thilo Grüning von der London School of Hygiene & Tropical Medicine im "American Journal of Public Health" analysiert. Er konnte belegen, dass die Tabakindustrie seit den fünfziger Jahren ein Netzwerk von Forschungsinstitutionen und Wissenschaftlern aufgebaut hat. Die Wissenschaftler waren finanziell von ihr abhängig, im Gegenzug verschleierten und verharmlosten sie jahrzehntelang Erkenntnisse über die Gefährlichkeit des Rauchens und Passivrauchens.

Die Tabakindustrie hatte sich im Verband der Cigarettenindustrie (VdC) formiert, in dem alle großen Tabakhersteller vertreten waren: Philip Morris, British American Tobacco, Reemtsma Cigarettenfabriken, Austria Tabak, JT International Germany (früher Reynolds RJ Tobacco), Tabak- und Cigarettenfabrik Heintz van Landewyck, Joh. Wilh. von Eicken.

Der VdC, den es inzwischen nicht mehr gibt, wies stets Vorwürfe zurück, Ergebnisse vorgegeben oder die Veröffentlichung von "unliebsamen" Ergebnissen unterdrückt zu haben. Dies gelte auch für den einstmals vom Verband finanzierten "Forschungsrat Rauch und Gesundheit": Jeder Forscher, der mit dem Rat oder dem Verband zusammengearbeitet habe, habe seine Resultate frei publizieren können.

Auch im renommierten Heidelberger DKFZ gab es eine dunkle Ära der Verstrickungen mit der Tabaklobby. Das war in der Zeit von 1976 bis 1990, als der Krebsforscher Dietrich Schmähl, seinerzeit hohes Direktoriumsmitglied des DKFZ, dem "Forschungsrat Rauchen und Gesundheit" angehörte - einem Gremium, das der VdC gegründet hatte.

Für den "Forschungsrat" rekrutierte Schmähl weitere hochrangige Wissenschaftler. Das Gremium spielte die Gefahren des Passivrauchens immer wieder herunter.

Erst im Nachhinein kam heraus: Der "Forschungsrat" erhielt während seiner Existenz von 1975 bis 1990 insgesamt 28 Millionen DM von der Tabakindustrie. 1990 wurde er in die "Stiftung für Verhalten und Umwelt" (Verum) umgewandelt. Sie existiert noch heute, und ihr Geschäftsführer ist Franz Adlkofer - der Mann, der Leiter der wissenschaftlichen Abteilung des VdC gewesen war.

Verum finanziert heute unter anderem Studien über die Gefahren von Elektrosmog und Handystrahlung, die umstritten sind. Erst kürzlich stellte sich heraus, dass bei zwei Studien Adlkofers eine Mitarbeiterin Daten gefälscht hatte.

Das DKFZ übernahm erst nach Schmähls Tod die Vorreiterrolle im Kampf gegen das Rauchen in Deutschland. Dennoch scheint das Renommee des Krebsforschers unbenommen: Noch heute wird regelmäßig der Dietrich-Schmähl-Preis für die Entwicklung von Antikrebs-Medikamenten vergeben.

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