Raumfahrtforschung Mit Science-Fiction-Technologie ins All

Autoren von Zukunftsromanen haben eine blühende Phantasie, manchmal aber auch viel technisches Wissen. Das will die Europäische Weltraum-Organisation (Esa) nutzen. Sie hat ein schweizerisches Museum beauftragt, in Science-Fiction-Literatur nach verwertbaren Technologien zu suchen.


Yverdon - Das Maison d'Ailleurs (Haus von Anderswo) im schweizerischen Yverdon-les-Bains verfügt über eine Bibliothek mit 40.000 Science-Fiction-Titeln in über 40 Sprachen. Museumskonservator Patrick Gyger, der das Esa-Projekt "Innovative Technologien aus der Science-Fiction für Anwendungen im Weltraum" leitet, bezieht in seine Überlegungen aber auch Comics und SF-Filme wie "Raumschiff Enterprise" ein.

Kann die USS-Enterprise verwertbare Technologien für die Raumfahrt liefern?
DPA

Kann die USS-Enterprise verwertbare Technologien für die Raumfahrt liefern?

Zu den Science-Fiction-Büchern mit einem klaren Bezug zur Wirklichkeit zählt Gyger unter anderem die Mars-Trilogie von Kim Stanley Robinson. Darin wird beschrieben, wie sich die für den Menschen extrem feindlichen Lebensbedingungen auf dem Roten Planeten "menschenfreundlicher" verändern ließen. Ein weiteres Beispiel Gygers ist das 1996 veröffentlichte Buch "Voyage" von Stephen Baxter, in dem dieser eine Nasa-Mission zum Mars erfindet, bei der die Wissenschaftler, um Treibstoff zu sparen, die Schwerkraft der Venus für den Antrieb nutzen.

Dass es sich bei dem Projekt in Yverdon-les-Bains keineswegs um eine reine Beschäftigungstherapie für SF-Freaks handelt, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. So tauchte 1945 bereits eine bemannte Raumstation in einem Science-Fiction-Roman auf, lange bevor Wissenschaftler in den USA und in der Sowjetunion auch nur im Entferntesten an Daueraufenthalte im All denken konnten. In der Forschung befasst man sich heute erstmals ernsthaft mit dem "Teleportieren", der Übertragung von Materie an einen anderen Ort, im Raumschiff Enterprise schlicht "beamen" genannt. Schließlich war auch das Klonen von Lebewesen für die Freunde der Science-Fiction-Literatur schon lange vor der Geburt von Klon-Schaf Dolly ein Begriff.

Gyger ist als Science-Fiction-Kenner überzeugt, dass sich vor allem auch in der neueren SF-Literatur weitere interessante Technologie-Ansätze finden lassen. "Wir sammeln erst einmal alle möglichen Vorschläge", berichtet Gyger. "Diese werden dann einem Experten-Team vorgelegt werden, das technologisch etwas versierter ist." Ende dieses Jahres soll ein Bericht für die Esa entstehen, in dem alle Erfolg versprechenden Ideen nach Kategorien wie "Weltraum-Transport", "Antrieb" oder "Erdbeobachtung" sortiert und genau beschrieben werden. Was davon letztendlich brauchbar ist, wird schließlich von den Esa-Forschern in Machbarkeitsstudien getestet.

Teuer ist die literarische Ideensuche für die Esa jedenfalls nicht. Laut Gyger kostet das Projekt die in Paris beheimatete Organisation und ihre 15 Mitgliedsländern nur "einige zehntausend Schweizer Franken". Das Museum in Yverdon-les-Bains ist das einzige seiner Art in Europa, eine weitere Sammlung hat ein Verleger in Hollywood.

Anne-Beatrice Clasmann



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