Rauschgift-Statistik Europas Drogensüchtige werden immer älter

Aufsichtsbehörden warnen: Etwa jeder fünfte Patient in Europas Drogenkliniken ist inzwischen älter als vierzig. Doch viele Hilfsangebote sind nicht auf den Ansturm der Alten eingerichtet. Und die Wirtschaftskrise könnte den Kampf gegen die Folgen der Sucht weiter erschweren.

Heroinabhängiger (in Ljubljana, 2009): "Körper schnell gealtert"
REUTERS

Heroinabhängiger (in Ljubljana, 2009): "Körper schnell gealtert"


Lissabon - Wirtschaftskrise und Sparpolitik bedrohen nach Angaben der EU-Drogenbeobachtungsstelle (EBDD) gleich doppelt den Kampf gegen Rauschgift in Europa. Einerseits werde die Drogenbekämpfungspolitik zunehmend Opfer von Einsparungen, andererseits würden immer mehr junge Menschen arbeitslos. Diese liefen dann Gefahr, sich durch Rauschgift von ihrer Lage abzulenken, warnt die EBBD in ihrem Jahresbericht.

Die Drogenbeobachtungsstelle mit Sitz im portugiesischen Lissabon liefert Daten und Statistiken. Die Prävention und Bekämpfung der Drogenprobleme liegt dagegen in den Händen der Mitgliedstaaten. Die Behörde warnte die Staaten, keine Entscheidungen zu treffen, deren langfristige Kosten die kurzfristigen Einsparungen bei weitem übersteigen könnten. Mit Sorge beobachte man vor allem Kürzungen bei der Behandlung von Süchtigen. Diese Programme seien eine "Säule der europäischen Antwort" auf das Drogenproblem. Sie dürften nicht ausgehöhlt werden.

In ihrem Bericht warnt die Behörde vor dem wachsenden Einfallsreichtum der Drogenproduzenten. Cannabis, das nach wie vor an erster Stelle des europaweiten Drogenkonsums stehe, stamme immer häufiger aus der Produktion in den europäischen Ländern selbst. "Die Öffentlichkeit hat immer noch das Bild von ein paar Töpfen Hanf-Pflanzen auf dem Fensterbrett", sagte EBDD-Direktor Wolfgang Götz. Die Realität aber sehe ganz anders aus: Das organisierte Verbrechen habe schon längst festgestellt, dass sich mit großangelegtem Anbau in der Nähe der Absatzmärkte gute Gewinne erzielen ließen. Jährlich würden 1000 Tonnen Cannabis in Europa sichergestellt. Etwa 23 Millionen Europäer konsumierten die Droge im vergangenen Jahr. Schätzungsweise vier Millionen von ihnen seien quasi tägliche Nutzer.

Auch bei der Herstellung von Kokain - dem zweitwichtigsten Rauschgift in Europa - sowie von künstlichen Drogen zeigten sich die Produzenten immer erfindungsreicher, warnte die EBDD. Europa ist nach ihren Angaben weltweit größter Amphetamin-Produzent. Mehr 80 Prozent der illegalen Labore stehen in europäischen Ländern. Sorgen macht den Fachleuten auch ein Anstieg der Opferzahlen im Zusammenhang mit Kokain. Jährlich werden in Europa rund tausend Todesfälle gemeldet. Gefährlich sei die Droge vor allem, weil sie als Begleiterscheinung eines "erfolgreichen Lebens" gesehen werde, sagte Götz.

Rund 14 Millionen Erwachsene zwischen 15 und 64 Jahren in Europa haben im Lauf ihres Lebens schon einmal Kokain probiert. Allein im vergangenen Jahr griffen rund 4 Millionen zu der Droge. Bezogen auf die Einwohner lagen Dänemark, Irland, Spanien, Italien und Großbritannien in den Statistiken auf unrühmlichen Spitzenplätzen. Im Jahr 2008 wurde europaweit rund 96.300-mal Kokain von Ermittlungsbehörden sichergestellt. In Mittel- und Osteuropa stiegen die Fallzahlen besonders stark an, lagen aber immer auf einem vergleichweise niedrigen Niveau.

"Drogenmissbrauch ist kein Jugendphänomen mehr"

Behördenchef Götz warnte gleichzeitig, dass die Drogenkonsumenten in Europa immer älter würden. Früher habe man mit 30 meist aufgehört, Drogen zu nehmen - heute seien immer mehr Drogenkonsumenten über 40. "Der Drogenmissbrauch ist kein Jugendphänomen mehr", sagte Götz. Etwa jeder fünfte Drogenkonsument, der sich in Europa in Behandlung begebe, ist inzwischen älter als 40, in manchen Ländern ist es fast jeder dritte. Grund dafür sei die alternde Bevölkerung.

In den achtziger Jahren seien viele junge Leute an Heroin geraten und nicht mehr davon losgekommen. Diese langjährigen Konsumenten seien älter geworden und ließen heutzutage das Durchschnittsalter der Drogenkonsumenten steigen, sagte Götz. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass heutzutage Ältere ohne Drogenerfahrung vermehrt zu Rauschgiften griffen.

Die Behandlung von Älteren sei teuer, weil sie besondere Therapien benötigten. "Ein 40-jähriger chronischer Heroinabhängiger braucht eine Behandlung wie ein 60-Jähriger, weil sein Körper so schnell gealtert ist", sagte der Behördenchef. Viele hätten eine lange Drogenkarriere mit Entzug und Gefängnis hinter sich. Oft seien sie mit HIV oder Hepatitis infiziert und alkoholabhängig. "Da reicht es nicht, eine Ersatzsubstanz zu geben", sagte Götz. "Da ist die Geriatrie gefragt." Die Entzugskliniken in Europa seien meist auf Jugendliche eingerichtet - das Angebot gehe an den Älteren vorbei.

chs/AFP/dpa

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