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Reaktionen aufs Stammzell-Urteil: "Europa ist im Prinzip abgemeldet"

Ist diese Forschung unmoralisch? Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs setzt ein weitreichendes Signal für die Arbeit mit menschlichen embryonalen Stammzellen, meint Wissenschaftler Oliver Brüstle.

Stammzellen im Labor: Verfahren in Europa nicht patentierbar Zur Großansicht
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Stammzellen im Labor: Verfahren in Europa nicht patentierbar

Hamburg - Für den Bonner Stammzellen- und Hirnforscher Oliver Brüstle war es ein trauriger Tag. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg hat geurteilt, dass menschliche embryonale Stammzellen (ES-Zellen) nicht patentiert werden können. Das sei ein schlechtes Signal für die Wissenschaftler in Europa, meint Brüstle. "Zugleich bedeutet es auch eine Stigmatisierung dieses ganzen Forschungszweigs. Im Grunde geht es nicht um das konkrete Patent, sondern um ein weitreichendes Signal: Was ihr macht, das ist nicht moralisch."

Die universitäre Forschung wird durch die Entscheidung des Gerichts zwar nicht eingeschränkt - Grundlagenforschung ist weiterhin möglich. "Aber eben keine Umsetzung", sagt Brüstle. "Aber uns geht ja gerade um die Brücke zu Verfahren, Produkten und Unternehmen. Patente sind dafür wichtig, dass sich auch Investoren und Unternehmen engagieren. Sie wollen durch Patente abgesichert und geschützt sein. Dann stellt sich auch die Frage nach der Forschung, wenn die Ergebnisse nicht patentierbar sind."

Europa sei im Prinzip abgemeldet, was die Verfahrensentwicklung betreffe. Bereits angemeldete Patente aus Schweden oder Großbritannien würden wertlos. "Das Urteil kommt zu einem Zeitpunkt, wo klinische Studien auch in Europa in Gang sind, wie etwa in London zu Netzhauterkrankungen", klagt Brüstle. In den USA würde ohne solche Restriktionen schon längst mit diesen Zellen behandelt.

"Das Urteil wird die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen hemmen", sagt der Mediziner Anthony Ho vom Universitätsklinikum Heidelberg. Er hätte sich eine liberalere Auslegung gewünscht, verstehe aber die Argumentation, dass menschliches Leben nicht patentiert werden dürfe.

Hans Schöler, der am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster forscht, meint, dass sogenannte induzierte pluripotente Zellen geeignet seien, "um Krankheiten in die Kulturschale zu holen und um Medikamente zu entwickeln und zu testen". Diese Zellen können ohne den Einsatz von Embryonen erzeugt werden. Menschliche embryonale Stammzellen seien aber momentan noch notwendig, um Verfahren zu entwickeln, mit denen bestimmte Zelltypen in Kulturschalen produziert werden.

"Wenn ein Verfahren nicht durch ein Patent geschützt wird, dann kann jeder damit machen was er will", sagt Schöler gegenüber SPIEGEL ONLINE. "So wie ich das sehe, können nun also in Europa entwickelten Stammzellverfahren mit ES-Zellen beispielsweise durch amerikanische oder asiatische Firmen eingesetzt werden, ohne dass Geld nach Europa zurück fließt. Überspitzt formuliert unterstützt der deutsche Steuerzahler US-Unternehmen."

"Menschliches Leben darf nicht patentiert werden"

Christoph Then, Patent-Berater von Greenpeace, begrüßte dagegen, dass das Luxemburger Gericht den Schutz des menschlichen Lebens gegenüber wirtschaftlichen Interessen "deutlich gestärkt" habe. Der Mensch müsse nun "in allen Phasen seiner Entwicklung" vor kommerzieller Verwertung geschützt werden. "Dies gilt auch für Embryonen in der Petrischale", sagt Then. Das Urteil sei keine Überraschung, erklärte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er habe damit gerechnet, dass solche Patente verboten würden.

Seiner Auffassung nach wird das Urteil nur begrenzten Einfluss auf die gesamte Forschung haben haben. Inzwischen gebe es Möglichkeiten, geeignete Stammzellen herzustellen, ohne menschliche Embryonen zu zerstören.

Auch der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider begrüßte das Urteil. "Menschliches Leben darf nicht patentiert werden", sagte er in Düsseldorf. "Schon gar nicht, um damit wirtschaftliche Interessen zu verfolgen."

wbr/dpa/AFP

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Stammzellen - die zellulären Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
DPA
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
MPI Münster / Jeong Beom Kim
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese germline derived pluripotent stem cells (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens.

In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.


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