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Reaktor-Zwischenfall: Feuer in spanischem Atomkraftwerk - Anlage abgeschaltet

Zwei Stunden loderten die Flammen in dem Atomkraftwerk bei Tarragona, im Nordosten Spaniens - dann konnte der Brand gelöscht werden. Die Anlage wurde abgeschaltet, Gefahr soll keine bestanden haben. Das Feuer war offenbar weit entfernt von den Brennstäben.

Tarragona - In einem Atomkraftwerk im Nordosten Spaniens ist am Sonntag ein Feuer ausgebrochen. Die Flammen seien nach knapp zwei Stunden gelöscht worden, teilte die Aufsichtsbehörde für nukleare Sicherheit (CSN) mit. Die Anlage sei abgeschaltet worden. "Der Zwischenfall hatte keinerlei Auswirkungen für die Beschäftigten des Kraftwerks und für die Umwelt", betonte die Behörde.

AKW Asco bei Tarragona: Im November 2007 radioaktiv verseuchter Wasserdampf ins Freie gelangt
REUTERS

AKW Asco bei Tarragona: Im November 2007 radioaktiv verseuchter Wasserdampf ins Freie gelangt

Im Atomreaktor Vandellòs II bei Tarragona war aus bislang unbekannter Ursache ein Generator in Brand geraten. Der Bürgermeister der Ortschaft Vandellòs, Josep Castellnou, betonte: "Der Brand ereignete sich im konventionellen Bereich des Kraftwerks und weit entfernt von den Nuklearbrennstäben." Eine Untersuchung solle Aufklärung über die Ursache des Feuers geben.

Umweltschützer fordern Stilllegung

Das Atomkraftwerk Vandellòs II liegt rund 140 Kilometer südwestlich von Barcelona an der Mittelmeerküste der Provinz Tarragona. Betreiber sind die Energiekonzerne Endesa und Iberdola. Es wurde 1980 gebaut und hat eine Laufzeit bis 2010.

Umweltschützer verlangten, dass das Atomkraftwerk - ebenso wie die nahe gelegenen Reaktoren Ascó I und Ascó II - bis auf weiteres stillgelegt werde. Die Organisationen Greenpeace und Ecologistas en Acción wiesen darauf hin, dass es in den Anlagen in jüngster Zeit mehrere Zwischenfälle gegeben habe. Den Betreibern der Kraftwerke solle die Genehmigung entzogen werden.

Aus dem Kraftwerk Ascó I war im November 2007 radioaktiv verseuchter Wasserdampf ins Freie gelangt. Die Aufsichtsbehörde legte den Kraftwerksbetreibern zur Last, die Panne erst sechs Monate später gemeldet und den Zwischenfall heruntergespielt zu haben. Den Betreibern droht eine Strafe von bis zu 22,5 Millionen Euro. Darüber hat das Industrieministerium allerdings noch nicht entschieden. Spanien hat derzeit sechs Atomkraftwerke mit insgesamt acht Reaktoren in Betrieb. Sie decken etwa ein Viertel des spanischen Energiebedarfs.

Entwarnung nach jüngstem AKW-Zwischenfall in Frankreich

Auch in Frankreich hatte es vor kurzem wieder einen Unfall in einer französischen Atomanlage gegeben. Erste Untersuchungen ergaben, dass nur geringe Umweltbelastungen aufgetreten seien. Das berichtete die französische Sonntagszeitung "Le Journal du Dimanche". Am Donnerstag war bekannt geworden, dass aus einem unterirdischen Abwasserrohr in der südfranzösischen Urananlage Pierrelatte bei Avignon radioaktive Flüssigkeit in das Erdreich gesickert war. Die Atomaufsichtsbehörde leitete mehrere Untersuchungen ein. So sollen weitere Bodenanalysen und regelmäßige Untersuchungen des Grundwassers vorgenommen werden.

Nach Angaben des französischen Atomkonzerns Areva könnten etwa 250 Gramm uranhaltige Flüssigkeit pro Jahr in die Erde um das Kanalrohr gesickert sein. Arbeiter haben an dem Rohr ein defektes Ventil entdeckt, durch das uranhaltige Flüssigkeit getropft sei. Durch das Rohr seien radioaktive Abwässer aus einem Untersuchungslabor in einen eigentlich nicht mehr genutzten Abwasserkanal gelangt.

Die Anlage in Pierrelatte gehört zum atomaren Industriekomplex Tricastin, wo es in den vergangenen Wochen zu mehreren Zwischenfällen gekommen war. Erst Mitte Juli liefen dort aus einer brüchigen Leitung zwischen 120 und 750 Gramm Uran aus.

Renaissance der Atomkraft in Europa
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Frankreich will seine Position als europäischer Atomstaat Nummer eins weiter ausbauen. Derzeit wird in Flamanville am Ärmelkanal der erste Europäische Druckwasserreaktor (EPR) des Landes gebaut, der 2012 ans Netz gehen soll. Anfang Juli kündigte Präsident Nicolas Sarkozy den Bau eines zweiten EPR an. Schon heute produzieren in Frankreich 58 Reaktoren fast 80 Prozent des Stroms. Der vom französischen Atomunternehmen Areva und dem Münchner Siemens-Konzern entwickelte EPR soll auch ins Ausland verkauft werden, etwa nach China, Südafrika, Großbritannien und in die USA.
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Noch in der laufenden Legislaturperiode will Italien mit dem Bau eines Reaktors der neuen Generation beginnen, sagte Wirtschaftsminister Claudio Scajola Ende Mai. Er erinnerte daran, dass dies der wiedergewählte Regierungschef Silvio Berlusconi in seinem Wahlkampf versprochen hatte. Die Italiener hatten 1987, kurz nach dem Großbrand im ukrainischen AKW Tschernobyl, per Referendum den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Seither wurden die vier Reaktoren des Landes stillgelegt. Derzeit werden in Italien 60 Prozent des Stroms mit Gas produziert. Außerdem importiert Italien große Mengen an Strom, etwa aus der Schweiz. Im November vereinbarte der italienische Stromkonzern Enel mit dem französischen Konzern EdF eine Beteiligung von 12,5 Prozent am französischen EPR in Flamanville.
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In der Schweiz ist erstmals seit 20 Jahren wieder der Bau eines AKW geplant. Es soll bei Orten errichtet werden, rund 20 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Begründet wird dies mit den zu Ende gehenden Laufzeiten der fünf Schweizer Atomkraftwerke, die zwischen 1969 und 1984 errichtet wurden. Dadurch könne es ab 2020 Engpässe bei der Stromversorgung geben, argumentiert der Stromkonzern Atel. Das Bündnis "Nein zur Atomkraft", in dem 28 Organisationen und Parteien zusammengeschlossen sind, hat bereits eine Volksabstimmung zu dem Thema gefordert. Heute werden in der Schweiz rund 38 Prozent des Stroms mit Atomkraft produziert, der Rest stammt vor allem aus Wasserkraftwerken.
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Auch in Großbritannien ist eine Rückkehr zur Atomenergie im Gespräch. Im Januar billigte die Regierung in London grundsätzlich den Bau von EPR-Reaktoren. Im Mai vereinbarten Premierminister Gordon Brown und der französische Staatschef Nicolas Sarkozy eine Zusammenarbeit beim Bau neuer Atomkraftwerke. Derzeit liefern in Großbritannien zehn Reaktoren rund 18 Prozent des Stroms. Diese Meiler wurden in den sechziger und siebziger Jahren gebaut; Atomkraftgegnern halten sie für überaltert.
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Polen und die drei baltischen Länder planen bereits seit 2006 ein gemeinsames Atomkraftwerk mit einer Kapazität von 3000 Megawatt. Die Gespräche befinden sich derzeit allerdings in der Sackgasse, weil sich die vier Länder noch nicht über die Aufteilung des produzierten Stroms einigen konnten. Polen beansprucht mindestens die Hälfte für sich allein.
Der Nuklearkomplex Tricastin liegt am Rhône-Ufer zwischen Valence und Avignon und erstreckt sich über 600 Hektar. Er ist nach der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague die wichtigste atomare Industrieanlage Frankreichs und umfasst unter anderem ein Kernkraftwerk mit vier Reaktorblöcken, zwei Urananreicherungsanlagen und eine Urankonversionsanlage. Die jetzt betroffene Anlage zur Umwandlung und Vorbereitung des Urans für die Anreicherung wird von dem Unternehmen Comurhex betrieben, einer Tochtergesellschaft der Areva, einem der internationalen Marktführer für Nukleartechnik.

lub/dpa/AP

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Tricastin & Co: Störfälle in französischen AKW

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