Auszeichnung DFG-Präsident Strohschneider hält "Rede des Jahres"

Gegen Wissenschaftsfeindlichkeit, aber auch gegen eine Herrschaft der Wissenschaft: Ein kritischer und kämpferischer Vortrag ist die "Rede des Jahres" - hier das Video.

DFG-Präsident Peter Strohschneider
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DFG-Präsident Peter Strohschneider


"Populistische Vereinfachungen und autokratische Durchgriffsideologien verheißen, den Zumutungen der modernen Welt schadlos entkommen zu können. Deswegen machen sie den sachlichen Diskurs ebenso verächtlich wie die methodische Wahrheitssuche und die Begründungsbedürftigkeit von Geltungsansprüchen."

Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Peter Strohschneider, hat für eine kämpferische Rede vom Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen die Auszeichnung "Rede des Jahres" verliehen bekommen.

Peter Strohschneider hielt die gewürdigte Rede "Über Wissenschaft in Zeiten des Populismus" bei der DFG-Jahresversammlung am 4. Juli 2017 in Halle.

Die Rede sei "ein engagiertes Plädoyer gegen populistische Vereinfachungen und alternative Fakten" gewesen, begründete die Jury ihre Entscheidung. Gleichzeitig aber wendete sich Strohschneider gegen eine Szientokratie, also eine Herrschaft der Wissenschaft, die demokratische Prinzipien unterlaufen würde.

"Ehrlichkeit und Bescheidenheit"

Die Auszeichnung "Rede des Jahres" wird seit 1998 vom Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen vergeben. Sie ging seitdem beispielsweise an das "Kanzlerduell" im Fernsehen zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber 2002, den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, den Politiker Gregor Gysi und den Journalisten Joachim Kaiser.

Mit dem Preis würdigt das Seminar für Allgemeine Rhetorik jährlich eine Rede, die die politische, soziale oder kulturelle Diskussion besonders beeinflusst haben soll.

Strohschneider schloss mit den Worten: "Gerecht werden können die Wissenschaften dem Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung nach meiner festen Überzeugung gerade in Zeiten des populistischen Anti-Intellektualismus und autokratischer Wissenschaftsfeindschaft nur mit sorgfältiger Selbstbegrenzung und Selbstdistanz - wenn Sie mögen: mit Ehrlichkeit und Bescheidenheit."

boj



insgesamt 2 Beiträge
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cleos 01.01.2018
1. Die Rede des Jahres? Wohl eher ein schlechter Scherz.
Hatte mich gefreut, ein spannende Rede über die Wissenschaft im Jahr 2017 zu hören, diese ggf. mit meinen Studenten besprechen zu können und dann das: Abgehoben, langatmig, verquer – wenig Substanzielles, wenig präzise. Das ist die Rede. Als Jemand, der an der Uni u.a. „wissenschaftliches Arbeiten“ lehrt, komme ich zum dem Schluss, dass die Art und Weise der Rede gegen eine Vielzahl von Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis verstößt. Und das vom DFG-Präsidenten selbst. Statt vom Publikum präzise verstanden zu werden, ist Herr Prof. Strohschneider, aus meiner Sicht, eher auf sein persönliches Renommee aus. Vordergründig soll hier (scheinbare) Wissenschaftlichkeit nicht Wissen bei anderen schaffen, sondern dazu verhelfen, um sich elitär über andere erheben zu können. Damit wird Herr Strohschneider im Grunde genommen selbst zum Populisten - demjenigen, den er in seiner Rede doch kritisiert. Statt Austausch und gemeinsame Verständigung über verschiedene Perspektiven auf die Welt entsteht so Abgrenzung und Ausschluss des Anderen. Wie die „Rhetorik“-Jury der Uni Tübingen das zur Rede des Jahres küren konnte, ist mir völlig unklar. Erhofft man sich Gegenleistungen von der DFG oder ist man ernsthaft der Meinung, dass das beispielgebende Rhetorik in der Praxis ist, die „ein breites Echo gefunden hat“? Oder ist der Kriterienmaßstab der Jury nach „antiker Rhetorik“ wörtlich zu nehmen – nämlich antiquiert? Auch erschließt sich mir nicht, was den SPON-Redakteur zu solch überschwänglichen Formulierungen: „Ein kritischer und kämpferischer Vortrag ist die ‚Rede des Jahres‘.“ veranlasst hat? Haben Sie sich die Rede angeschaut oder direkt ungeprüft aus dem Nachrichten-Ticker kopiert und eingefügt? 180 Aufrufe auf youtube für die „Rede des Jahres“ sprechen auf jeden Fall eine deutliche Sprache: so gut wie Keinen interessiert’s. Ein bitteres Armutszeugnis für die Wissenschaft, wenn sie offenbar so (ir)relevant vertreten, präsentiert und kommuniziert wird. Wünsche allen ein gesundes und erkenntnisreiches Neues Jahr.
tobias97 11.01.2018
2.
@cleos Für mich als Erstsemester war die Rede durchaus informativ und ich bin meiner Dozentin dankbar, dass sie uns darauf aufmerksam gemacht hat. Gerade die Frage, warum nicht Wissenschaftler die Politik bestimmen sollen, hat mich schon beschäftigt. Ich denke aber auch, dass die komplizierte Sprache nicht zu rechtfertigen ist.
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