Reduzierte Fallzahlen in Mexiko Erste Zweifel an Gefährlichkeit der Schweinegrippe

159 Schweinegrippe-Tote hatte Mexiko gemeldet, doch plötzlich ist nur noch von sieben die Rede. Die Krankheit sei damit womöglich nicht gefährlicher als eine normale Grippe, sagen Experten - geben aber keine Entwarnung.

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Neue Zahlen sorgen für Verwirrung um die Schweinegrippe. Mexiko, das Ursprungsland der Seuche, schien bisher mit Abstand am schwersten betroffen zu sein: 2500 Verdachts- und 159 Todesfälle meldeten die Behörden als Folge der Schweinegrippe. Jetzt aber hat das Gesundheitsministerium in Mexiko-Stadt diese Zahlen drastisch nach unten korrigiert - auf ganze 26 Infektionen, von denen nur sieben zu Todesfällen geführt hätten. Ist das Schweinegrippe-Virus womöglich viel weniger gefährlich als gedacht?

Alexander Kekulé, Mikrobiologe an der Universität Halle, erklärt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Zahlendiskrepanz so: "Die Diagnose des A/H1N1-Virus ist schwierig und unter den mexikanischen Gesundheitsbedingungen nicht möglich." Die Bestätigungen der Todesfälle durch Schweinegrippe mussten daher in kanadischen Labors durchgeführt werden - und anschließend waren die Zahlen deutlich kleiner.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.
Sigrun Smola, Direktorin des Instituts für Virologie in Homburg, sieht das im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ähnlich: "Die WHO hatte sich mit den Todesfällen in Mexiko bisher nie festgelegt, sprach immer von berichteten Fällen. Jetzt hat man die bestätigten Zahlen."

Doch woher kommen die restlichen der insgesamt 159 Todesfälle? Für Kekulé ist die Sache klar: "Das sind die ganz normalen Todesraten in einem Schwellenland." Nicht jeder, der an einer Lungenerkrankung sterbe, sei gleich ein Epidemieopfer. Es könnte sein, dass das Virus möglicherweise doch nicht so gefährlich ist wie gedacht. "Im Vergleich zum Vogelgrippe-Virus, das eine hohe Virulenz aber eine geringe Übertragungsrate von Mensch zu Mensch besaß, scheint es bei diesem neuen Virus eher umgekehrt zu sein", sagt Smola.

Kekulé, der auch Mitglied in der Schutzkommission beim Bundesminister des Inneren ist und die Bundesregierung bei Katastrophenfällen berät, mahnt zur Wahrung der Verhältnismäßigkeit. Von 2500 Verdachtsfällen sei bislang die Rede. Die Dunkelziffer noch nicht erkannter Infektionen werde üblicherweise auf rund das Zehnfache geschätzt. Gehe man also von etwa 25.000 Ansteckungen und sieben Todesfällen aus, komme ein Toter auf 3000 Infizierte. Das sei weniger als bei einer normalen Influenza. "Da haben Sie etwa einen Toten pro 1000 Infizierte", sagt Kekulé. "Das neue Virus wäre damit also nicht sehr aggressiv." Dazu passe die Tatsache, dass außerhalb Mexikos bislang nur ein einziger Todesfall aufgetreten ist - ein Kleinkind.

Wirkliche Pandemie-Viren sind laut Kekulé viel aggressiver: Rund vier von tausend Infizierten würden sterben. Zudem sei auch noch überhaupt nicht bewiesen, dass das Schweinegrippe-Virus bevorzugt Menschen mittleren Alters befällt.

Also alles ein Fehlalarm? Nicht unbedingt, meint Kekulé. "Die mexikanischen Behörden hatten wohl wenig Daten zur Verfügung", so der Virologe. Das Verhalten von Experten und Behörden hält er aber für richtig: "Man war einfach vorsichtig." Von einem Fehlalarm will auch Smola nicht sprechen: "Bei einem neuen Virus, das aus verschiedenen tierischen Komponenten besteht, gibt es immer die Gefahr, dass die Menschheit nicht vorbereitet ist." Zudem: "Influenza-Viren verändern sich ständig und schnell", sagt Smola.

Entwarnung wollen daher weder sie noch Kekulé geben. "Man muss das Virus im Auge behalten", sagt Kekulé. Grund zur Sorge bestehe laut Smola aber nicht: "Deutschland ist gut vorbereitet. Wir haben durch die Vogelgrippe viel gelernt."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
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morini 29.04.2009
1. lobylobbylobbylobby...
Das ist bestimmt so gefährlich wie das Vogelgrippe - Virus. Und wenn die Medikamentenbevorratung flächendeckend gesichert und die Pharmaindustrie ihren Reibach gemacht hat, spricht kein Mensch mehr davon
Bakterie, 29.04.2009
2. Ist doch wie immer ...
... Sensationsjournalismus sowie unfähige Polititker und Funktionäre an den Schaltknöpfen. Was soll eigentlich anderes dabei rauskommen? Warum wird daraus so ein Boh-Hei gemacht? Liegt es wirklich an der Pharmalobby? Warum bringt man nicht täglich die Meldung, dass wieder über 3000 Menschen an Malaria gestorben sind? Ach ja, ich vergaß - betrifft uns in DE ja (noch) nicht!
Dr. K., 29.04.2009
3. Influenca
Zitat von sysop159 Schweinegrippe-Tote hatte Mexiko gemeldet, doch plötzlich ist nur noch von sieben die Rede. Die Krankheit sei damit womöglich nicht gefährlicher als eine normale Grippe, sagen Experten - geben aber keine Entwarnung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,621905,00.html
Bei jährlich 5.000-15.000 Toten durch die "normale" Influenca muss sich das Schnitzelvirus aber noch ordentlich anstrengen.
steller 29.04.2009
4. ruhig bleiben
Ich muss zugeben, dass mich neue Seuchenwarnungen nicht kalt lassen. Es geht aber sogar soweit, dass am Montag eine Kolegin aus Bielefeld sich nicht an ihren Arbeitstag getraut hat, weil da noch von möglichen Erkrankten in der Stadt berichtet wurde. Wie schnell die Leute panisch werden, wird man erst dann sehen, wenn sich wirklich mal ein Virus richtig verbreitet. Ich hoffe, dass wir das nie erleben müssen, denn dann kann echt die ganzen strukturen kollabieren.
Hans58 29.04.2009
5. Empfehlung
Zitat von sysop159 Schweinegrippe-Tote hatte Mexiko gemeldet, doch plötzlich ist nur noch von sieben die Rede. Die Krankheit sei damit womöglich nicht gefährlicher als eine normale Grippe, sagen Experten - geben aber keine Entwarnung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,621905,00.html
Das sollte die SpON-Redaktion veranlassen, den Parallel-Thread zu schließen......
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