Reife Leistung Wie der Geist Sarkasmus versteht

Nicht jeder schätzt sarkastische Bemerkungen, aber die meisten Menschen haben keine Probleme, sie zu erkennen. Dabei ist das fürs menschliche Gehirn eine echte Herausforderung. Eine neue Studie zeigt jetzt, wie kompliziert das Sarkasmus-Netzwerk ist.


Neuronales Netzwerk: Komplexes Zusammenspiel
Max-Planck-Institut für Strömungsforschung

Neuronales Netzwerk: Komplexes Zusammenspiel

Sarkasmus, sagt ein englisches Sprichwort, ist die niedrigste Art von Witz. Die Mischung von Gehässigkeit und Ironie hat keinen guten Ruf - und doch ist sie eine harte Nuss fürs menschliche Gehirn. Eine Gruppe von Medizinern und Psychologen aus Israel zeigte jetzt: Um sarkastische Bemerkungen als solche zu verstehen, ist die fein abgestimmte Zusammenarbeit verschiedener Hirnregionen notwendig. Nur wer sich in die Lage des Spötters versetzen kann, ist auch fähig, den Spott zu erkennen, schreiben die Forscher im Fachblatt "Neuropsychology" (Bd. 19, S. 288).

Simone Shamay-Tsoory und ihre Kollegen von der Universität Haifa prüften das Sarkasmus-Verständnis von Menschen, deren Gehirn durch Blutungen, Unfälle oder Tumoren geschädigt war. Die Verletzungen lagen entweder im Bereich des sogenannten präfrontalen Kortex oder in anderen Hirnregionen. Der präfrontale Kortex wird mit verschiedenen komplexen Fähigkeiten in Verbindung gebracht, auch dem Verständnis von Sprache im sozialen Zusammenhang. Eine Verletzung in diesem Bereich, vermuteten die Forscher, könnte das Verständnis sarkastischer Äußerungen beeinträchtigen.

Wichtig ist dabei eine Fähigkeit, die Psychologen "Theory of Mind" (übersetzt etwa: Theorie über den Geist) nennen: Nur wer eine solche Theorie darüber hat, was sein Gegenüber denkt, kann sich in seine Lage versetzen - eine unabdingbare Voraussetzung dafür, Ironie und Sarkasmus zu begreifen. Kleinkindern etwa fehlt diese Fähigkeit, sie können sich noch nicht vorstellen, was im Kopf anderer Menschen vor sich geht - und sind deshalb beispielsweise sehr schlechte Lügner. Ähnliches gilt für Patienten, die an Autismus leiden: Ihre Mitmenschen erscheinen ihnen rätselhaft und manchmal furchteinflößend, weil sie sich nicht in sie hineinversetzen können.

Die Geschichte vom gehässigen Chef

Den Patienten und gesunden Kontrollpersonen im Experiment von Shamay-Tsoory und Kollegen wurden kurze Geschichten vorgelegt. In einigen davon kam eine sarkastische Äußerung vor, etwa die eines Chefs, der sich über einen faulen Angestellten lustig macht: "Arbeite nicht zu hart, Joe!", sagt der Vorgesetzte darin zu seinem Untergebenen, der nach Dienstantritt als erstes eine Pause einlegt. Anschließend mussten die Versuchspersonen Fragen zu der Geschichte beantworten, etwa "Hat Joe hart gearbeitet?" und "Hat der Vorgesetzte geglaubt, dass Joe hart arbeitet?"

Die meisten Fehler machten bei dieser Aufgabe die Patienten, bei denen der präfrontale Kortex beschädigt war. Menschen mit Verletzungen in anderen Hirnregionen dagegen verstanden die kleinen Bosheiten fast immer. Ganz besonders schwer taten sich beim Erkennen der sarkastischen Seitenhiebe die Versuchspersonen, deren Verletzungen in der sogenannten rechten ventromedialen Region des präfrontalen Kortex lagen - das ist das Hirnareal direkt oberhalb des rechten Augapfels. Je mehr Hirngewebe in diesem Bereich geschädigt war, desto schlechter schnitt der jeweilige Patient in der Sarkasmus-Aufgabe ab.

Shamay-Tsoory und ihre Kollegen leiten aus den Details ihres Ergebnismusters eine Theorie über das fürs Sarkasmusverständnis notwendige Netzwerk im Gehirn ab. Sie glauben, dass insbesondere drei verschiedene Regionen dabei eine wichtige Rolle spielen. Ein Gebiet dekodiert die Sprache an sich, ein anderes erkennt die emotionale Einfärbung, ein drittes verknüpft diese Informationen, um das tatsächlich Gemeinte herauszufiltern.

Die linke Hälfte der Hirnrinde ist dafür zuständig, den sprachlichen Inhalt an sich zu verstehen - ohne ihre Entschlüsselung wären die Geschichten nur sinnlose Aneinanderreihungen von Lauten. Die Frontallappen, also der vordere Teil der Hirnrinde, und die rechte Hirnhälfte sind wichtig dafür, die soziale und emotionale Bedeutung des Gehörten zu entschlüsseln - ohne sie kann der ironische Widerspruch zwischen Gesagtem und Gemeintem nicht erkannt werden. Der rechte, ventromediale präfrontale Kortex, also der Bereicht knapp über dem rechten Auge, verknüpft die buchstäbliche Bedeutung einer Aussage mit dem emotionalen und sozialen Verständnis der Situation - erst dadurch wird die eigentliche Bedeutung des Gesagten klar.

Shamay-Tsoory glaubt: "Eine Schädigung in jeder einzelnen Region dieses Netzwerks kann das Verständnis von Sarkasmus beeinträchtigen." Um "die niedrigste Form des Witzes" zu verstehen, ist also einiges nötig: Sprachverständnis, soziales Einfühlungsvermögen und die fein justierte Fähigkeit, buchstäbliche und subtilere Bedeutungen miteinander zu verknüpfen.



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