Reis-Theorie Wie die Landwirtschaft die Kultur bestimmt

Sind wir Einzelgänger oder Gruppenwesen? Funktionieren wir besser allein oder im Team? Wie wir veranlagt sind, könnte einer Studie zufolge damit zusammenhängen, ob unsere Vorfahren Reis oder Weizen angebaut haben.

Bauern in Nepal (Archivbild): Ein Feld, viele Hände - weil der aufwendige Reisanbau nicht allein zu bewerkstelligen ist.
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Bauern in Nepal (Archivbild): Ein Feld, viele Hände - weil der aufwendige Reisanbau nicht allein zu bewerkstelligen ist.


Peking - Reisanbau ist aufwendig und erfordert Gemeinschaftsarbeit - vom Bewässern bis hin zum beschwerlichen Pflücken. Weizenanbau dagegen ist weniger mühsam. Regnet es im richtigen Maß, ist das Gießen schon mal erledigt. Soweit die Theorie, die Forscher jetzt zu einer neuen Erkenntnis gebracht hat: Die verschiedenen Methoden beim Anbau von Reis und Weizen könnten mit zu den Unterschieden zwischen östlicher und westlicher Kultur geführt haben. Ihre "Reis-Theorie" veröffentlichen Forscher aus China und den USA im Fachmagazin "Science".

Zur Unterfütterung ihrer Theorie führten die Wissenschaftler zahlreiche Umfragen durch. Die Forscher befragten an sechs verschiedenen Orten insgesamt 1162 Chinesen zu Individualismus, Analysefähigkeit und Gemeinschaftssinn. Dabei stellten sie Zusammenhänge zwischen Kollektivismus oder Individualismus und der jeweiligen Bepflanzung der Felder mit Reis oder Weizen fest. Um historische, politische und kulturelle Unterschiede auszuklammern, befragten die Forscher nur Chinesen. In China pflanzen die Bauern im Süden Reis und im Norden Weizen an; Nord- und Südchinesen unterscheiden sich in ihrem Verhalten.

"Die Reis anbauenden Bauern im südlichen China sind mehr voneinander abhängig und denken ganzheitlicher als die Weizen züchtenden Nordchinesen", schreiben die Wissenschaftler der Universitäten von Virginia und Michigan sowie der Beijing Normal University und der South China Normal University in Guangzhou. Vorangegangene Studien zu kulturellen Unterschieden hatten die verschiedenen Anbauarten bisher nicht berücksichtigt.

Wie die Landwirtschaft das Verhalten prägt

Für die Unterschiede gebe es einfache Erklärungen: Bewässerungsnetze für Reisfelder und Wassernutzung erforderten Kooperation. Ganze Dörfer bauten die Kanäle. Der Wasserverbrauch einer Familie beeinflusse die Nachbarn. Der Arbeitseinsatz sei mindestens doppelt so groß wie beim Weizen. Familien müssten sich deswegen bei der Ernte gegenseitig helfen. Kooperation beim Reisanbau sei wirtschaftlich gesehen also wertvoller.

Enge Beziehungen basierten auf Gegenseitigkeit. Verhalten, das Konflikte auslöse, werde vermieden. Dagegen bräuchten Weizenbauern nur den Regen und könnten sich viel mehr um ihre eigenen Felder kümmern, ohne allzu sehr von Nachbarn abzuhängen, erläutern die Forscher.

"Die Idee ist, dass Reis wirtschaftliche Anreize zur Kooperation gibt und solche Kulturen über viele Generationen stärker ineinandergreifend sind, während Gesellschaften, in denen jeder einzelne weniger vom anderen abhängig ist, mehr Freiheit für Individualismus haben", schreibt der Studienautor Thomas Talhelm, der vier Jahre in China gelebt hat. Die Studie erweitert die Bewirtschaftungstheorie, die bisher nur zwischen Hirten und Getreidebauern unterscheidet.

Auch Kultur vererbt sich

Die befragten Chinesen waren meist Universitätsstudenten. Auf Feldern arbeiteten sie nicht. Trotzdem waren sie nach Meinung der Forscher die Richtigen für die Studie. Nach der "Reis-Theorie" wird die Kultur über Jahrtausende weitergegeben. "Einfach gesagt: Man muss nicht Reisbauer sein, um die Reiskultur geerbt zu haben", so die Forscher.

Um Klimafaktoren auszuschließen, wurden auch Chinesen entlang der Reis-Weizen-Grenze Chinas untersucht, wo sich die Unterschiede trotz der geringen Distanz beider Gruppen bestätigten.

Die Forscher gehen sogar noch einen Schritt weiter und vermuten, dass sich die Differenzen zwischen Nord- und Südchina auch zwischen östlichen und westlichen Kulturen widerspiegeln. "Wir stellen fest, dass die Reis-Theorie teilweise Unterschiede zwischen Ost und West erklären kann", fassen die Autoren zusammen.

Außer der Bewirtschaftungstheorie gibt es aber noch andere Thesen, die kulturelle Unterschiede erklären wollen. So geht die Modernisierungshypothese davon aus, dass Menschen mit wachsendem Wohlstand gebildeter, kapitalistischer und damit individueller und analytischer werden. In Japan, Südkorea oder Hongkong sind die Menschen aber trotz größeren Reichtums kollektivistisch geblieben.

Eine andere Theorie geht davon aus, dass Gesellschaften mit einer höheren Verbreitung von Krankheitserregern enger zusammenrücken. Solche Pathogene kommen bei höheren Temperaturen häufiger vor. Heißeres Klima stehe aber wiederum mit Reisanbau in Zusammenhang, heben die Forscher hervor. Der ausgeprägtere Gemeinschaftssinn sei eher mit den Erfordernissen der aufwendigen Anpflanzungsmethode zu erklären, vermuten sie.

khü/dpa



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schrumpel500 09.05.2014
1. Poldermodell in den Niederlanden
hatte auch großen Einfluß auf die Konsenskultur in NL. Ein einzelner Bauer kann einen Deich nicht allein bauen und unterhalten. Beim Deichbau müssen viele zusammenarbeiten, sonst saufen in den flachen Gebieten am Meer alle ab.
sikasuu 09.05.2014
2. Wie schrieb schon der "alte" Marx :-)
Zitat von sysopDPASind wir Einzelgänger oder Gruppenwesen? Funktionieren wir besser allein oder im Team? Wie wir veranlagt sind, könnte einer Studie zufolge damit zusammenhängen, ob unsere Vorfahren Reis oder Weizen angebaut haben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/reis-theorie-enthuellt-urspruenge-kultureller-psychologie-a-968344.html
Das Sein bestimmt das Bewusstsein! Als Übersetzung für die junge Generation: Die Arbeits-/Lebensbedingungen sind ausschlaggebend für die soziale Interaktion einer Gruppe..... . oder noch einfacher: Wenn es schwierig wird, ist es gut sich zusammen zu tun! War nicht "alles falsch" was die "damals" so geschrieben haben :-))
Ganzgeber 09.05.2014
3. Wenig überzeugend
Diese Theorie steht doch auf ziemlich wackeligen Füßen. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Inwiefern sind z. B. Chinesen [heute] "kollektivistisch"? Weil sie alle gleich aussehen? Oder so? Es gibt kaum ein Land, wo es weniger Gemeinsinn gibt als in China. Sogar die Chinesen selbst sind sich dessen bewusst. Was "kollektivistisch" anmutet, ist meistens nur mit den Realitäten eines autoritär geführten, armen Landes zu tun, wo (nicht privilegierte) Menschen wenig Möglichkeiten haben, Individualismus zur Schau zu stellen.
Jo-achten-van-Haag 09.05.2014
4. Zustimmung
für "Ganzgeber". Ich kenne kein Land in dem das Mißtrauen anderen gegenüber größer ist. Da traut keine ihrer Freundin bzw. keiner seinem Freund auch wenn sie sich schon von Kindesbeinen an kennen und auch zusammen studiert haben. Was aber nicht heißt das sie nicht im Kollektiv arbeiten können und tun.
Jarim 09.05.2014
5. Übertriebene Schlussfolgerung
Ich denke auch, dass die Anwendung der Studie auf West/Ost stark vereinfachend und übertrieben ist. Wie oben schon richtig gesagt, die Arbeits- und Lebensbedingungen bestimmen das Verhalten, auch das gesellschaftliche. Nun sind wir aber schon seid mehreren Generationen mehrheitlich aus dem Weizen- und Reisanbau ausgestiegen. Deswegen finde ich es auch fragwürdig, für die Befragung vor allem Studenten heranzuziehen. Der Ansatz an sich ist ja interessant und vielleicht sogar aussagekräftig. Nur die Schlussfolgerungen scheinen mir arg stereotypisierend.
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