"Reiten ohne Sattel": Die Lust am Aidsrisiko

Von Michael Lenz

Am heutigen Welt-Aids-Tag wirkt der Kampf gegen die tödliche Immunschwäche so aussichtslos wie selten. Die Zahl der Aidstoten liegt auf Rekordniveau, ein Impfstoff ist nicht in Sicht, eine neue Sorglosigkeit macht sich breit. In Teilen der Schwulenszene gilt Sex ohne Kondom mittlerweile als besonderer Kick.

Schwule beim Christopher Street Day in Berlin: "Barebacking" führt zu hitzigen Kontroversen
EPA/DPA

Schwule beim Christopher Street Day in Berlin: "Barebacking" führt zu hitzigen Kontroversen

Alle Jahre wieder ruft die Weltgesundheitsorganisation den Welt-Aids-Tag aus. Das Alle-Jahre-Wieder-Gefühl greift auch in Risikogruppen um sich. Die immer besseren Therapien für Infizierte führen zu einer neuen Sorglosigkeit, und das selbst in Risikogruppen. In der Schwulenszene hat die Lust an der Gefahr zu einer grotesken Praxis geführt: dem "Barebacking".

Der Fachbegriff aus dem Reitsport bedeutet übersetzt schlicht "Reiten ohne Sattel". In diesem Zusammenhang: Verzicht auf Kondome beim Verkehr. In der Szene wird das Barebacking heiß und kontrovers diskutiert. Der schwule Journalist Christian Scheuss fordert den Ausschluss der "Barebacker" aus schwulen Internet-Datingportalen. Denn in einem sind sich Sexualwissenschaftler, Psychologen und Soziologen einig: Barebacking ist die bewusste Entscheidung für ungeschützten Analverkehr, nicht zu verwechseln mit einem "Ausrutscher" - auch wenn sich nicht jeder, der im Sinne der Definition ein Barebacker ist, auch als ein solcher versteht.

Scheuss' Kollege Norbert Blech hält dem entgegen, Zensur und Verbote seien kontraproduktiv. Weitgehende Ratlosigkeit herrscht jedoch bei der Frage nach dem Warum. Aids bleibt trotz der Therapiemöglichkeiten mit antiretroviralen Medikamenten eine tödliche Krankheit. Hat die Aufklärung versagt?

Romantischer und männlicher ohne Kondom

Erste wissenschaftliche Versuche, dem Phänomen Barebacking auf den Grund zu gehen, haben unterschiedliche Erklärungsansätze für die Lust an der Gefahr zu Tage gebracht. Auf der Welt-Aids-Konferenz im Juli in Bangkok führten die einen den in der Szene verbreiteten Konsum von Partydrogen als Ursache an. Andere sehen im Internet als beliebten Ort für die Suche nach Sex das größte Risikopotenzial.

78 Prozent der von dem New Yorker Psychologen Perry Halkitis zum Thema Barebacking befragten Schwulen gaben an, es sei leicht, im Internet einen Partner für den kondomlosen Sex zu finden. Einen großen Stellenwert räumt Halkitis dem "emotionalen Nutzen" ein. Der gefühlsechte Sex werde von Barebackern - HIV-positiven wie -negativen gleichermaßen - als "romantischer", "intimer" oder auch "männlicher" empfunden. Für so manchen HIV-infizierten Mann sei der ungeschützte Verkehr die Bestätigung, noch attraktiv und begehrenswert zu sein.

Kondome: Sorglosigkeit im Umgang mit Aids und Geschlechtskrankheiten gefährdet Erfolge der Aufklärung
REUTERS

Kondome: Sorglosigkeit im Umgang mit Aids und Geschlechtskrankheiten gefährdet Erfolge der Aufklärung

Wieder andere sehen in den medizinischen Aidstherapien das Problem. Die Behandelbarkeit der Infektion hat das große Leiden und Sterben unter schwulen Männern begrenzt. "HIV wird nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen", sagt Rainer Schilling, Schwulenreferent der Deutschen Aidshilfe. In der Untersuchung von Halkitis nannte immerhin knapp die Hälfte der Befragten den "Therapieoptimismus" als Auslöser für Barebacking.

Dabei übersehen die Barebacker gern eine Gefahr: Selbst wenn sie das HI-Virus bereits in sich tragen, können sie sich mit einem weiteren Stamm des Erregers infizieren. Das trägt nicht nur zur Verbreitung neuer HIV-Varianten bei und erschwert die Suche nach einem Impfstoff. Der Verlauf von Aids nimmt bei solchen Mehrfach-Infizierten oft auch einen drastischen Verlauf, der jeden Therapieoptimismus verfliegen lassen sollte.

Die Aids-Müdigkeit ist ein Trend, den Fachleute schon seit Anfang der neunziger Jahre beobachten - und der Glaube an die Aidstherapie scheint die Tendenz nun zu verstärken. Ob in Medien, Politik oder im Privatleben der schwulen Männer - Aids war immer und überall präsent. Mit dem "Aids-Overkill" war das Gefühl der sexuellen Freiheit, das seit den späten sechziger Jahren herrschte, mit einem Schlag perdu.

Lustprinzip der Vor-Aids-Ära

Im Zeitalter der medizinischen Behandelbarkeit von Aids sei dann das Pendel in die extreme Gegenrichtung ausgeschlagen, schreibt Michael Crossley in seiner Studie "Making sense of barebacking". Nach all den Verboten, der Angst und den Einschränkungen würden Teile der Schwulenszene mit Begeisterung dem Lustprinzip der Vor-Aids-Ära neues Leben einhauchen. "Ältere Schwule versuchen durch Barebacking die Vergangenheit wieder auferstehen zu lassen", sagt Karen Lovaas, Kommunikationswissenschaftlerin an der San Francisco State University. "Jüngere Schwule erliegen dem Reiz, von der verbotenen Frucht zu essen."

Die wachsende Sorglosigkeit erkennen Mediziner auch an anderen Indikatoren, wie etwa dem Comeback der Syphilis in Deutschland. Nachdem die Geschlechtskrankheit durch die Aids-Angst und den verbreiteten Gebrauch von Kondomen praktisch in der Bedeutungslosigkeit versunken war, steigen seit vier Jahren die Infektionszahlen wieder. Allein 2003 registrierte das Berliner Robert-Koch-Institut bundesweit 2932 neu diagnostizierte Erkrankungen - 20 Prozent mehr als 2002.

Der Australier Damien Thomas Ridge hat erhebliche Zweifel, ob die Aufklärung über Safer Sex wirklich auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Es sei viel von der Solidarität, der sozialen Verbundenheit und der gegenseitigen Unterstützung in der Gay Community die Rede gewesen. Dieser "romantische Diskurs" entspreche aber nicht der Realität, schreibt Ridge in seiner Arbeit über Barebacking in Melbourne. Vielmehr herrsche in der "hochsexualisierten" Szene ein Zwang zu Fitness, Gesundheit und Attraktivität. "Das ist keine Umgebung, die eine Safer-Sex-Kultur befördert", schreibt Ridge.

Rainer Schilling ist davon überzeugt, dass in der schwulen Szene Deutschlands die Aids-Aufklärung wirkt. "Dass die Zunahme der HIV-Neuinfektionen sich in absoluten Zahlen in Deutschland noch in einem Rahmen bewegt, über den andere Länder froh wären, zeigt die Haltekraft unserer Prävention." Jedoch müsse Aids-Aufklärung immer wieder neu erfunden und an aktuelle Gegebenheiten angepasst werden. Schilling: "Es gibt keine Prävention auf Vorrat."

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