Rekordverdächtige Studie: Forscher begeistern mit Zwei-Wort-Fazit

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Zahlenverliebt, langatmig, wortreich: Wissenschaftliche Arbeiten sind oft aufgebläht. Doch eine neue Studie aus der Physik kommt zu einem rekordverdächtig kurzen Resümee: "Wahrscheinlich nicht." Besonders knapp, klar, kurios - eine Hitliste der besten Studienergebnisse.

Physikstar mit Humor: Michael Berry und seine zwei Worte Fotos

Hamburg - Die Wissenschaft soll komplizierte Sachverhalte auf Trivialitäten zurückführen. Eine neue Studie aus der Physik beherzigt diese Maxime des Nobelpreisträgers Niels Bohr auf grandiose Weise: Zwei Worte genügen den Forschern, um ihre Arbeit zusammenzufassen.

Die beiden Worte stehen im sogenannten Abstract am Anfang der Studie, dort werden Ergebnis und Vorgehensweise einer wissenschaftlichen Publikation zusammengefasst. Üblicherweise füllt das Resümee etwa ein Drittel einer DIN-A-4-Seite. Bei der fraglichen Arbeit geht es um ein komplexes Problem: Kürzlich hatte ein Experiment für Aufsehen gesorgt, das Einsteins Relativitätstheorie und damit ein Fundament der Physik in Frage stellte: Manche Elementarteilchen, sogenannte Neutrinos, bewegen sich demnach schneller als Licht.

Nun haben sich Forscher um den angesehenen Physiker Michael Berry von der University of Bristol des Problems angenommen. Doch anstatt ihre komplizierten Rechnungen hervorzuheben, schreiben sie in die Zusammenfassung ihrer Studie mit der fragenden Überschrift "Kann die scheinbare Neutrino-Überlichtgeschwindigkeit mit der quantenmechanischen Messung erklärt werden?" lediglich: "Wahrscheinlich nicht". Die Arbeit haben sie nun zur Begutachtung eingereicht.

Wer sich die übliche Praxis vor Augen führt, kann ermessen, welcher Zauber von den beiden Worten ausgeht: Viele Wissenschaftler erliegen ihrer Liebe zur Verklausulierung. Je schlichter ein Ergebnis, desto nebulöser oft Wortungetüme und Formelkolonnen in der Zusammenfassung einer Arbeit.

Sind Resultate schwer zu deuten, sollen Zahlen schon mal wissenschaftliche Präzision suggerieren. Immer häufiger greifen Forscher zu Wahrscheinlichkeitsbewertungen von zum Beispiel "90 Prozent", um Dringlichkeit zu demonstrieren - auch wenn solche Prozentzahlen oft lediglich auf Meinungsumfragen unter Experten beruhen.

Umso charmanter wirkt nun die Zusammenfassung von Berry und seinen Kollegen Nicolas Brunner und Sandu Popescu von der Uni Bristol und Pragya Shukla vom Indian Institute of Technology in Kharagpur in Indien: Sie verzichten auf alle Statistikmätzchen und bewerten ihr Ergebnis schlicht mit den Worten "nicht wahrscheinlich". Die Physiker erklimmen damit eine Spitzenposition unter den besten Studienzusammenfassungen aller Zeiten. Hauptautor Berry hat als einer der angesehensten lebenden Physiker bereits früher Humor bewiesen: Für ein kurioses Experiment erhielt er vor elf Jahren den humoristisch gemeinten Ignobel-Preis.

SPIEGEL ONLINE stellt einige der brillantesten Abstracts wissenschaftlicher Arbeiten vor:

Platz 1: Sprachlose Sprachstudie

"Warum ist Sprache vage?", fragte Barton Lipman in einer Studie - um in der Zusammenfassung knapp und hintersinnig zu antworten: "Ich weiß es nicht."

Platz 2: Konkret abstrakt

"Chernzahlen, Quaternionen und Berryphasen in Fermisystemen" heißt die Arbeit von vier Mathematikern des California Institute of Technology in Pasadena, USA. Ihr Abstract klingt nicht weniger geheimnisvoll - es kontrastiert das Wort Abstract: "Ja, aber einige Teile sind recht konkret", lautet die Zusammenfassung der Arbeit von 1989. Die Berryphase wurde übrigens nach Michael Berry benannt, dem Autor der neuen Neutrino-Studie mit dem kuriosen Wahrscheinlich-nicht-Ergebnis, siehe oben.

Platz 3: Das große Nichts

Offenherzig klingt Avinash Dixit von der Princeton University in New Jersey, der in seinem Resümee zugab: "Diese Studie handelt von nichts." Dabei diskutiert seine Arbeit einen komplexen Inhalt anhand eines originellen Themas: Eine Kaufentscheidung in der Fernsehserie "Seinfeld" wird auf ihre Alternativen untersucht. Auch diese Zusammenfassung muss wohl doppeldeutig verstanden werden: Eine Fernsehserie ist nicht real - eine Studie darüber muss mithin von nichts handeln. Die Serie "Seinfeld" hat sich selber das Markenzeichen verliehen, von nichts zu handeln.

Platz 4: Gnadenlose Bombenjäger

Auch drei Forscher von der Universität Hawaii glänzten 2003 mit vorbildlicher Prägnanz - was angesichts ihres heiklen Themas besonders erstaunlich erscheint. In ihrer Zusammenfassung kommen sie umstandslos zum Punkt: "Wir diskutieren die Möglichkeit, einen ultrahochenergetischen Neutrino-Strahl zu nutzen, um Atombomben zu erkennen und zu zerstören, wo immer sie sind und wer immer sie besitzen sollte."

Platz 5: Nix verstehen

Für ihre Teilnahme an einer Tagung der Amerikanischen Geowissenschaftlichen Gesellschaft reichten die Meereskundler Marc Spiegelman und Chris Scholz vom Lamont-Doherty-Observatory in Palisades (US-Bundesstaat New York) eine kuriose Arbeit ein: Zwar hat ihre Zusammenfassung normale Länge, doch am Ende heißt es freimütig: "Es wurden keine Versuche unternommen, das Ergebnis zu verstehen." Später erklärte Spiegelman, es habe sich um einen Scherz gehandelt.

Platz 6: Reine Spekulation

Entwaffnend ehrlich formulierten auch John Malmberg und sein Kollege Thomas O'Neil von der University of California in La Jolla, USA zu ihrer Studie über Elektronenplasma: "Wir spekulieren über die Möglichkeit der Verflüssigung und Kristallisation eines magnetisch eingeschlossenen reinen Elektronenplasmas." Die Studie ist also eine Spekulation - ein souveränes Eingeständnis zweier renommierter Wissenschaftler.

Platz 7: Klare Ansage

Von selten erreichter Deutlichkeit ist auch das Resümee der Studie einer Gruppe um Hector Boppart über das komplizierte Thema der Diamantkristallografie - es besteht aus drei Sätzen: Der erste Satz sagt, was die Forscher gemacht haben, der zweite, was sie erreicht haben, der dritte, wofür das gut ist. Ein Abstract von zauberhafter Prägnanz: "Die erste Ordnung des Raman-Spektrums des Diamanten ist in einer Diamantstempelzelle bei bis zu 27 Gigapascal gemessen worden. Die grundlegende Phononlinie ändert sich linear im Druck mit einer Verschiebung von 2,87 cm-1/GPa. Diese Größe erscheint als hervorragender Druck-Kalibrierstandard als Alternative zur Rubin-Druckskala."

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Das ist jetzt
RDetzer 19.10.2011
mal wirklich erfreulich und drückt aus, auf das Verständnis von Wissenschaftlern können wir schlicht bauen.
2. "This is a paper about nothing."
jbaiter 19.10.2011
Bei der Interpretation des Abstracts zum Paper über Einkaufsverhalten in 'Seinfeld' macht es sich der Autor etwas zu schwer: "This is a paper about nothing" ist eine intertextuelle Anspielung auf eine Selbstbezeichung die sich die Serie in einer ihrer Folgen verpasst hat: "This is a show about nothing."
3. leider nicht verstanden
showaboutnothing 19.10.2011
[Q]Platz 3: Das große Nichts Offenherzig klingt Avinash Dixit von der Princeton University in New Jersey, der in seinem Resümee zugab: "Diese Studie handelt von nichts". Dabei diskutiert seine Arbeit einen komplexen Inhalt anhand eines originellen Themas: Eine Kaufentscheidung in der Fernsehserie "Seinfeld" wird auf ihre Alternativen untersucht. Auch diese Zusammenfassung muss wohl doppeldeutig verstanden werden: Eine Fernsehserie ist nicht real - eine Studie darüber muss mithin von nichts handeln.[/Q] Der Autor hat das Resümee leider völlig missverstanden. Der Witz und die Doppeldeutigkeit liegen darin, dass die Serie "Seinfeld" auch die "show about nothing" genannt wurde, da die Show keinen echten Inhalt hat und ganze Folgen in Parkhäusern oder vor einem chinesischen Restaurant spielen.
4. Mostly Harmless
maco 19.10.2011
Ursprünglich lautete der Eintrag über die Erde im Hitchhiker's Guide to the Galaxy schlicht "Harmless". Immerhin wurden diese Ausführungen über den kleinen Planeten einer durchshcnittlichen Sonne im Randbereich der Milchstraße um 100% erweitert auf "Mostly Harmless". Es lassen sich also durchaus komplexe und vielfältige Dinge sehr einfach mit wenigen Worten beschreiben. :-)
5. Außerirdische Betrachtung
hoffnungsvoll 19.10.2011
Zitat von sysopZahlenverliebt, langatmig, wortreich:*Wissenschaftliche*Arbeiten sind*oft aufgebläht. Doch eine neue Studie aus der Physik kommt zu einem rekordverdächtig kurzen Resümee: "Wahrscheinlich nicht."*Besonders knapp, klar, kurios - eine Hitliste der besten Studienergebnisse. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,792146,00.html
Wie wird die Erde von Außerirdischen eingestuft: "harmlos" oder in besonders differenzierten Studien "größtenteils harmlos"
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