Religion und Arbeit: Protestantische Länder haben höhere Erwerbsquote

Von

Der Glaube an Gott lässt die Wirtschaft florieren, so die These eines US-Ökonomen. Nun hat ein Forscher den Zusammenhang von Religion und Beschäftigungsrate untersucht. Das Ergebnis: In protestantischen Ländern stehen mehr Menschen in Lohn und Brot als in katholischen.

Der Kapitalismus verdankt seine Erfolgsgeschichte der Religion. Bereits 1904 stellte der Soziologe Max Weber diese These auf - in seinem Aufsatz "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". Demnach hat die asketisch-protestantische Auffassung von Arbeit, insbesondere der Calvinismus, das Aufblühen jenes Wirtschaftssystems erst ermöglicht, das sich heute praktisch auf der ganzen Welt durchgesetzt hat.

Webers durchaus umstrittene These vom Protestantismus, der ein Segen für das Kapital war, erfährt nun indirekt eine neue Bestätigung. Horst Feldmann, Ökonom von der britischen University of Bath, hat Arbeitsmarktstatistiken von immerhin 80 Staaten ausgewertet, darunter neben den westlichen Industriestaaten auch China, das vom hinduistischen Glauben dominierte Indien, katholische Länder Europas und Lateinamerikas sowie islamisch geprägte Staaten wie Marokko und die Türkei.

Dabei kam Erstaunliches heraus: Im Mittel liegt die Erwerbstätigenquote, also der Anteil Arbeitender an der Bevölkerung, in protestantischen Ländern um sechs Prozent über der von Staaten, die durch andere Religionen geprägt sind, seien es nun Katholizismus, Islam, Shinto (Japan) oder Hinduismus. Bei Frauen ist die Quote sogar um elf Prozent größer. Da sie rund die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, kann man durchaus sagen, dass vor allem sie den Unterschied ausmachen.

Analyse von Staaten verschiedenster Religionen

Ein intuitiv nachvollziehbares Ergebnis: Unter Katholiken und auch unter Muslimen gilt Erwerbsarbeit unter Frauen nicht unbedingt als erstrebenswert, entsprechend deutlich niedriger ist ihre Beschäftigungsquote - mit Auswirkungen auf die Quote der Gesamtbevölkerung. Gearbeitet wird natürlich trotzdem, aber eben unbezahlt zu Hause.

"Der Einfluss des Protestantismus ist ein indirekter", sagte Feldmann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es müsse nicht unbedingt viele Protestanten in einem Land mit hoher Beschäftigungsquote geben, es komme auch auf die religiöse Vergangenheit an. "Religion hat die Kultur eines Landes geprägt." Auch wenn die Leute heute nur noch wenig mit der Kirche zu tun hätten, so lebe die Religion trotzdem fort.

Und so erklärt der Forscher auch die vergleichsweise hohen Erwerbstätigenquoten in den angelsächsischen Ländern wie Großbritannien und den USA sowie in den skandinavischen Ländern. Für Feldmann sind dies sämtlich protestantisch geprägte Länder, in denen das Arbeitsethos vorherrscht, diszipliniert und viel zu arbeiten.

Vorsicht vor übereilten Schlüssen

Für Deutschland gilt die These von den arbeitsamen Protestanten allerdings nur eingeschränkt: Der gesellschaftliche Umbruch im Osten, wo der Reformator Martin Luther einst wirkte, hat die Beschäftigungsquoten nach unten getrieben. Wer das nicht berücksichtigt, könnte glauben, dass der Katholizismus mehr Beschäftigung zur Folge hat - siehe Beispiel Bayern.

Der Ökonom Feldmann hat die Beschäftigungsdaten deshalb nicht allein unter dem Blickwinkel des Protestantismus betrachtet, sondern einer sogenannten Regressionsanalyse unterzogen. Diese untersucht, welche Faktoren aus einer Vielzahl von möglichen Faktoren einen statistisch signifikanten Einfluss auf eine Variable haben - und in welche Richtung dieser Einfluss geht. Religion, Besteuerung und Gewerkschaften - was wirkt wie auf die Beschäftigung?

Religion und Arbeit
Faktor :Beschäftigungsquote: :Quote bei Frauen
Protestantismus :++: :+++
BIP pro Kopf :+: :+
Übergangsland :++
BIP: Bruttoinlandsprodukt, + bis +++: schwache bis starke Korrelation

"Man versucht zu erklären, was die abhängige Variable, in unserem Fall die Erwerbsquote, beeinflusst", sagt Feldmann. Wenn bei der Untersuchung alle in Frage kommenden Größen berücksichtigt werden, kann man so sogar kausale Zusammenhänge finden. Zunächst scheinbare Korrelationen, die aber tatsächlich nicht in einer Ursache-Wirkung-Beziehung stehen, werden auf diese Weise quasi herausgefiltert.

"Ich habe alle denkbaren Kontrollvariablen verwendet", sagt Feldmann, beispielsweise die Höhe der Abgabenlast, die Macht der Gewerkschaften, Regelungen zum Kündigungsschutz und das Pro-Kopf-Einkommen. "Beim Protestantismus haben wir ein eindeutiges Ergebnis." Aber auch andere Abhängigkeiten werden sichtbar: So besitzen einst sozialistische Länder eine höhere Frauenerwerbsquote, auf die Quoten der Männer hat der gesellschaftliche Umbruch hingegen keinen Einfluss. Interessant ist auch, dass ein höheres Bruttoinlandsprodukt je Einwohner die Erwerbsquoten erhöht - siehe Tabelle oben.

Die Regressionsanalyse enthüllt jedoch nicht nur Zusammenhänge zwischen verschiedenen Variablen, sie liefert auch noch eine Abschätzung der Wahrscheinlichkeit, mit der das gefundene Ergebnis den tatsächlichen kausalen Zusammenhang widerspiegelt.

Die Signifikanz der Abhängigkeit vom Protestantismus liege auf dem Niveau von einem Prozent, sagt Feldmann. Das heißt: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent besteht der statistisch ermittelte Zusammenhang von protestantischer Prägung und höherer Beschäftigtenquote auch in der Realität - ein nach Feldmanns Einschätzung statistisch zuverlässiges Ergebnis.

Segensreiche Hölle

Nicht extra untersucht hat Feldmann den Einfluss der Variable Katholizismus. Ihn interessierte in der aktuellen Studie nur die Frage: protestantisch geprägt oder nicht? Welche Wirkungen der katholische Glauben hat, will er in Zukunft genauer analysieren. Bei der Beschäftigungsquote erwartet er jedoch keine Überraschungen. "Ich habe die OECD-Staaten separat betrachtet - und da gibt es mit der Ausnahme Japans, Koreas und der Türkei nur protestantische oder katholische Länder." Das Ergebnis sei praktisch das gleiche gewesen wie bei der 80-Länder-Studie. Protestantismus habe eine höhere Erwerbstätigenquote zur Folge.

Welch segensreiche Wirkung die Religion für das Gedeihen der Wirtschaft haben kann, hatte der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Robert Barro schon vor Jahren herausgefunden. Er warnt jedoch ausdrücklich davor, es mit der Frömmigkeit zu übertreiben. Zu viele Kirchenbesuche beispielsweise dämpften tendenziell das Wirtschaftswachstum. Wichtiger als der Gang zur Kirche sei der Glaube selbst, denn vor allem dieser lässt laut Barro die Wirtschaft wachsen.

Und auch für Katholiken, die sich in Feldmanns Studie als arbeitsscheu verunglimpft fühlen könnten, hat Barro einen Trost: Der Glaube an Himmel, Hölle und ein Leben nach dem Tod wirkt sich günstig auf das Sozialprodukt aus. Die vor allem unter Katholiken gefürchtete Hölle hat also ihr Gutes - und zwar auf Erden. Gott sei Dank!

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Numerator
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Arbeitsethos: Fleißige Protestanten