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Religion und Medizin: Im Namen der heilenden Kraft

Von Martin Paetsch

Gläubige leben länger als andere, ihr Immunsystem ist besser, ihr Blutdruck niedriger: Das behaupten immer wieder Forscher in den USA, die sich im Grenzgebiet zwischen Religion und Wissenschaft bewegen. Doch wie verlässlich sind die Studien der Gottesmediziner?

Chauncey Crandall glaubt an die heilende Kraft des Glaubens. Was nicht überraschen würde, wenn er Priester wäre oder Pilger - und nicht ein hoch trainierter Herzspezialist. Crandall arbeitet an der Palm Beach Cardiovascular Clinic in Florida, wo er regelmäßig mit seinen Patienten betet, ihnen die Hand auf die Stirn legt, mit fester Stimme um göttlichen Beistand bittet.

Papst Benedikt in Rom (im März 2008): Regelmäßige Kirchgänger leben statistisch gesehen sieben Jahre länger
AFP

Papst Benedikt in Rom (im März 2008): Regelmäßige Kirchgänger leben statistisch gesehen sieben Jahre länger

"Ich bin ein christlicher Mediziner", sagt Crandall. "Das Leiden bekämpfen wir mit konventionellen Methoden, aber auch mit Gebeten."

So wie vor zwei Jahren, als ein Mann in der Notaufnahme lag, niedergestreckt von einem schweren Herzinfarkt. 40 Minuten lang war er ohne Puls, kämpften die Notärzte vergebens um sein Leben. "Sein Gesicht, seine Arme, seine Beine waren schon ganz schwarz. Ich sagte, lasst uns aufhören, da ist kein Leben mehr."

Doch dann kam eine Art Eingebung über Crandall. Er kehrte um, sprach ein Gebet über dem leblosen Körper. Bestand darauf, den Mann ein letztes Mal mit Elektroschocks zu behandeln. "Und plötzlich zeigte der Monitor einen perfekten Herzschlag."

Ein Gebet in Jesu Namen, so Crandall, habe den Patienten von den Toten zurückgeholt.

Wie sein spiritueller Hilferuf in der Herzklinik erhört wurde, davon berichtet Crandall gern, etwa auf christlichen Medizinkongressen. Denn gerade in den USA denken viele seiner Fachkollegen ähnlich: Dort betet nahezu jeder fünfte Arzt mit seinen Patienten. Und jeder zweite ist der Meinung, Gott oder ein anderes höheres Wesen könne den Verlauf einer Krankheit beeinflussen.

In den USA ist die Religion auf dem Weg, sich einen Platz in der Welt der Arztpraxen und Kliniken zu erobern. Gläubige Doktoren wie Crandall wähnen sich in einer "aufregenden und bahnbrechenden Zeit"; vielerorts entstehen "Healing Rooms", in denen sich Kranke von Betern behandeln lassen.

Für das wachsende Vertrauen in die Gottesmedizin sorgt ausgerechnet die Wissenschaft: Mehr Forscher als jemals zuvor widmen sich dem Grenzgebiet zwischen Religion und Gesundheit. In immer neuen Studien versuchen vor allem Gelehrte in den USA, viele von ihnen bekennende Christen, mögliche Heilkräfte des Glaubens messbar zu machen - sei es die Wirkung der Fürbitten anderer oder der selbstheilende Effekt des eigenen Glaubens.

Mit teilweise erstaunlichen Ergebnissen. Demnach kann Spiritualität nicht nur helfen, Depressionen zu vermeiden: Wer regelmäßig zur Kirche gehe, so die frohe Kunde, habe im Alter oft ein robusteres Immunsystem, einen niedrigeren Blutdruck und weniger Atembeschwerden.

Noch vor wenigen Jahrzehnten wären solche Untersuchungen kaum denkbar gewesen. Zwar waren Religion und Medizin für die längste Zeit der Menschheitsgeschichte untrennbar miteinander verbunden: Von den Schamanen der Steinzeit bis hin zu den großen Religionsstiftern waren Heilige oft auch Heiler. So soll der Prophet Mohammed ein gebrochenes Bein durch Handauflegen kuriert haben, galt Buddha vielen Gläubigen als "höchster Arzt" und "Lehrer der Medizin" - und der chinesische Denker Laozi als Spender des "Elixiers der Unsterblichkeit".

Doch mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert löste sich die Medizin von der Religion. Danach vertrauten die meisten Ärzte allein auf das Erfahrungswissen, und die Hoffnung auf himmlische Heilung fand höchstens in der Krankenhauskapelle Platz.

Und nun also Versuche, die beiden Welten wieder zusammenzubringen.

Wissenschaftler messen den Blutdruck von Nonnen oder erfassen die Glaubensstärke verschiedener Patientengruppen. Selbst zu der Frage, ob eine Fürbitte - also das Gebet für andere - medizinische Wirkung hat, liegt inzwischen eine beachtliche Menge an Literatur vor.

An deutschen Forschern ist das nicht vorbeigegangen. "Auch bei uns gibt es immer mehr Untersuchungen zur Verbindung von Religion und Gesundheit", sagt der Religionspsychologe Sebastian Murken von der Universität Trier - und fügt hinzu: "Doch in Deutschland ist die wissenschaftliche Skepsis deutlich größer als in den USA."

Sind religiöse Menschen wirklich glücklicher und gesünder als ihre zweiflerischen Zeitgenossen? Vermag Frömmigkeit tatsächlich Krankheiten vorzubeugen? Wer sich die Studien unvoreingenommen anschaut, ist schnell ernüchtert.

In den USA, diesem Amalgam aus christlicher Gläubigkeit und hoch entwickelter Moderne, hat sich die neue Disziplin rasant entwickelt. 1992 boten nur zwei Prozent aller medizinischen Hochschulen Kurse zur Spiritualität an - 2004 waren es bereits 67 Prozent. Und an jeder zweiten Ausbildungsstätte gehört dort mindestens eine derartige Lehrveranstaltung zum Pflichtprogramm angehender Mediziner.

Die Studenten lernen dabei, wie sie zusätzlich zur Krankengeschichte eines Patienten auch dessen "Glaubensgeschichte" aufnehmen.

Ein Fragenkatalog (etwa: "Was ist der spirituelle/religiöse Hintergrund des Patienten?", "Sollen spirituelle/religiöse Fragen in der Behandlung berücksichtigt werden?") soll dem Arzt helfen, den Glauben des Kranken zu erfassen und gegebenenfalls in die Behandlung einzubeziehen.

Ferngebete verbessern die Heilungschancen nicht

Mehrere US-Universitäten haben Zentren eingerichtet, die sich einzig dem Grenzgebiet zwischen Religion und Medizin widmen. Viele der Forschungsprojekte werden von der John Templeton Foundation mitfinanziert - einer Stiftung, deren Gründer, der gläubige Geschäftsmann Sir John Templeton, in der Wissenschaft eine "Goldmine zur Wiederbelebung der Religion im 21. Jahrhundert" sah.

Entsprechend gehen die Fördergelder von jährlich weltweit etwa 60 Millionen Dollar vor allem an solche Projekte, die sich mit vordefinierten Wunschthemen befassen - etwa "Gebet und Meditation", "Spirituelle Transformation" oder "Neue Gotteskonzepte".

Überwiegend von der Stiftung bezahlt wurde auch eine 2,4 Millionen Dollar teure Großstudie zur möglichen therapeutischen Wirkung von Fürbitten: Ein Forscherteam unter Beteiligung der angesehenen Harvard Medical School untersuchte, welche Auswirkungen das Ferngebet auf Herzkranke haben könnte.

Für insgesamt 1205 Patienten, die sich an US-Krankenhäusern einer Bypass-Operation am Herzen unterziehen mussten, arrangierten die Wissenschaftler spirituellen Beistand. Während eine Hälfte der Untersuchungsgruppe über die Fürbitten anderer für sie informiert wurde, wusste die andere Hälfte lediglich, dass für sie möglicherweise gebetet werde - oder auch nicht.

Fast drei Jahre lang erstellten die Harvard-Forscher an jedem Werktag eine Liste von Patienten, bei denen ein Eingriff kurz bevor stand. Die jeweiligen Vornamen und Anfangsbuchstaben der Familiennamen faxten die Forscher an drei christliche Glaubensgemeinschaften. Jeden der Patienten nahmen die dortigen Bet-Gruppen für 14 Tage in die Fürbitte auf und hielten sich dabei an eine vorgegebene Formulierung.

Die Ergebnisse der aufwendigen Prozedur waren ernüchternd: Das Ferngebet verbesserte die Heilungschancen der Herzpatienten keineswegs. Stattdessen hatten jene, die davon wussten, nach der Operation sogar eher mit Komplikationen zu kämpfen. Möglicherweise setzte sie die spirituelle Unterstützung unter Erfolgsdruck - oder ließ sie gar fürchten, es müsse besonders schlecht um sie stehen.

Dieser Forschungsflop entmutigte die Autoren aber keineswegs. "Untersuchungsfremde Gebete" der Angehörigen könnten ja den Effekt der Fürbitte überlagert haben.

Von jenen Studien, die tatsächliche Heilwirkungen nachzuweisen scheinen, sind zudem viele mit Mängeln behaftet. Der Verhaltensmediziner Richard Sloan von der Columbia University hat solche Veröffentlichungen kritisch geprüft. Sein Urteil: Zahlreiche Untersuchungen wiesen auf "deutliche methodologische Fehler" hin oder hätten zumindest keine eindeutigen Resultate erbracht.

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