Religion versus Evolution Wie die Sünde in die Welt kam

Woher kommt die Moral, woher die Sünde? Viele Wissenschaftler glauben, dass unsere Wertvorstellungen auf die Prozesse natürlicher Auslese zurückzuführen sind. Doch Theologen bestreiten das - für sie ist der Glaube nicht allein durch Evolution zu erklären.

Von


Fotostrecke

7  Bilder
Sündenforschung: Strenge Regeln für das Leben
Die Frage nach Sinn und Herkunft von Religionen beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten - doch in den vergangenen Jahren haben Ethnologen, Hirnforscher und Psychologen ganz neue Antworten auf die alte Frage geliefert: Woher kommt die Moral? Und woher, im Umkehrschluss, die Sünde?

Der Evolutionsbiologe Pascal Boyer von der Washington University in St. Louis zum Beispiel. Er deutet Religion als hilfreiches Konstrukt des menschlichen Geistes, das dem Menschen Überlebensvorteile schafft. Seine These: Wer glaubt, kommt besser durchs Leben. Religiöse Menschen waren deshalb in der Menschheitsgeschichte im Vorteil und setzten sich gegen die Nichtreligiösen durch. Es findet Selektion statt: Gläubige triumphieren über Ungläubige.

Oder ist das falsch gedacht? Der Brite Richard Dawkins bezweifelt, dass die Selektion Religiosität begünstigt. Er hält den Glauben vielmehr für ein Nebenprodukt anderer menschlicher Eigenschaften - zum Beispiel der Unterordnung unter Autoritäten. Seine Argumentation im Gespräch mit dem SPIEGEL : "In der Wildnis lebte ein aufmüpfiges Kind gefährlich, weil es die Warnungen der Eltern ignorierte." Deshalb habe die Selektion wahrscheinlich die Unterordnung unter Autoritäten begünstigt. "Ein Gehirn aber, das glaubt, was Autoritäten sagen, kann nicht mehr unterscheiden zwischen dem guten Rat, nachts nicht in den Wald zu gehen, weil da ein Tiger lauern könnte - und dem törichten Befehl, eine Ziege zu opfern, um den Regen herbeizurufen."

Dawkins Thesen aus seinem Bestseller "Der Gotteswahn" werden von Psychologen bestätigt. Daniel Wisneski von der University of Illinois in Chicago etwa hält Religiosität für ein Art Persönlichkeitsmerkmal und interpretiert sie wie Dawkins als Folge von Autoritätsgläubigkeit.

Wisneskis Team hat 2009 700 US-Bürger befragt, wie sehr sie den Urteilen des Obersten Gerichtshofs über aktive Sterbehilfe trauen. Ergebnis: Je religiöser die Befragten waren, mit umso größerer Wahrscheinlichkeit stimmten sie der Autorität des Gerichtes zu.

Moral vor der Religion entstanden?

Pascal Boyer vertritt die Meinung, dass es gleich mehrere Faktoren gibt, die den Menschen fast zwangsläufig zum Glauben bringen. Dazu gehören nicht nur die Autoritätsgläubigkeit und die Empathie, sondern auch die Fähigkeit zum kausalen Denken. Bei allem, was geschehe, suche der Mensch nach einem Grund dafür, sagt der Wissenschaftler.

Woher stammt dann aber die Moral? Die Kirche sieht sich als ihr Hüter - aber darf sie auch als ihr Erfinder gelten?

Nicht nur Richard Dawkins bestreitet das, sondern auch andere Evolutionsbiologen wie Jürgen Bereiter-Hahn von der Universität Frankfurt. "Moral und Religion haben sich aus meiner Sicht getrennt entwickelt", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Möglicherweise ist die Moral schon vor der Religion entstanden."

"Die Menschen haben immer sozial gelebt, und soziales Leben bedeutet Leben nach Regeln", sagt er. Das gelte auch für Tiere. "Darin sehe ich den Ursprung der Moral - sie kann unmittelbar einen Evolutionsvorteil schaffen." Der Anfang der Religion liege hingegen in der Naturreligion. Von der Quelle bis zur Sonne: Allem hätten Menschen eine göttliche Kraft zugeschrieben, die über die eigenen Erkenntnismöglichkeiten hinausging. Schließlich seien Religion und die Regeln des Sozialverhaltens zusammengekommen.

"Die Menschen gingen davon aus: Ich muss die Gottheit gnädig stimmen, weil ich von ihr abhängig bin und kein Übel erfahren möchte", sagt Bereiter-Hahn. Das gehe über Opfer oder eben über Formen von Wohlverhalten. "Damit könnte der Grundstein für eine Verbindung von Moral und Religion gelegt worden sein."

Ludwig Siep, Philosoph an der Universität Münster, sieht die Religion als "vermutlich eine, aber nicht die einzige Quelle von Moral". Die frühen Religionen seien selbst eine Art moralischer Welterklärungen. Ungünstige Ereignisse müssten, weil sie nicht anders erklärbar sind, irgendwie auf Schuld zurückgeführt werden. Diese werde oft als Verletzung irgendwelcher Geister (oft der Ahnen) oder göttlicher Kräfte interpretiert.

Moral passt sich an Gesellschaft an

Siep vermutet, dass es mindestens drei kulturhistorische Quellen der Moral gibt: verlässliche Verabredungen, das Lob von Tugenden, Helden, großen Zielen und die Scheu vor Tabuverletzungen. Zu den Tabus gehörten nicht nur Heiliges, sondern auch andere Grenzen, etwa die Körperoberfläche oder intime Beziehungen.

Der Soziologe Armin Nassehi von der Ludwig-Maximilians-Universität München interpretiert Moral verschieden: einerseits als Kooperationsvorteil und insofern als "Generator von konventionell richtigem Verhalten", andererseits als abstraktere Regeln von Gut und Böse.

Diese abstraktere Moral hält Nassehi für ein Ergebnis soziokultureller Evolution. "Man kann sehen, dass sich Moralvorschriften der jeweiligen evolutionären Situation einer Gesellschaft anpassen", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Dies geschehe etwa nach der Formel: Je einfacher die Gesellschaft, umso konkreter und konventioneller die Moralvorschrift. "Je komplexer eine Gesellschaft, desto formaler und entscheidungsabhängiger werden Moralen."

Warnung vor "dunklen Wassern"

Mit der Evolutionstheorie komme man nicht weiter als bis zu einem generellen Kooperationsgebot, sagt Nassehi. Insofern reicht Darwins Lehre dem Soziologen als alleinige Erklärung von Moral nicht aus.

Theologen sehen das ähnlich. "Die evolutionsbiologische Hinführung zur Moral ist wichtig", sagt Wolfgang Achtner von der Universität Gießen, Direktor des Transscientia Instituts. Aber ausreichend findet er die Theorien von Evolutionsbiologen wie Boyer nicht. Sein Beispiel: "Im Neuen Testament heißt es: Liebe deinen Feind", sagt Achtner. Aus evolutionsbiologischer Sicht könne dieses Gebot für einen Menschen sehr nachteilig sein - nämlich dann, wenn er mit seinem Leben für die Feindesliebe bezahlen müsse. "Für verfeindete Gruppen hingegen kann es langfristig von Vorteil sein."

Der Gießener Theologe glaubt, dass die Transzendenz Gottes, also seine gleichzeitige Präsenz im Diesseits und Jenseits, als Korrekturfaktor in der Evolution von Religion und Ethik wirken kann - und zwar "im Sinne einer Humanisierung". Sprich: Die Präsenz Gottes beeinflusst die Entwicklung der Moralvorstellungen.

Mit noch größerer Skepsis blickt der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf auf die evolutionsbiologischen Erklärungen von Religion und Moral. Er warnt Boyer und seine Forscherkollegen gar vor den "dunklen Wassern", auf denen sie mit ihren "windschnittigen Wissenschaftsyachten" herumschippern.

Die Frage nach der Herkunft der Moral werden Menschen wohl nie abschließend beantworten können, glaubt der Frankfurter Biologe Jürgen Bereiter-Hahn. Es sei niemand dabei gewesen, konstatiert er. "Wir können nur mutmaßen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 461 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jubelbube 17.02.2010
1. Ach was!
Zitat von sysopWoher kommt die Moral, woher die Sünde? Viele Wissenschaftler glauben, dass unsere Wertvorstellungen auf die Prozesse natürlicher Auslese zurückzuführen sind. Doch Theologen bestreiten das - für sie ist der Glaube nicht allein durch Evolution zu erklären. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,677896,00.html
Theologen MÜSSEN das bestreiten - wer sägt schon gern auf dem Ast auf dem er sitzt (vor allem, wenn dieser so bequem ist)!
Schleswig 17.02.2010
2. organischen Chemie
Das ist doch eine ziemlich einfache Frage. Wenn wir, und unsere Umwelt, uns nicht selbst erschaffen haben. Wer, oder was dann? Was liegt näher an übernatürliche Wesen zu glauben, die uns an Kraft und Wissen weit überlegen sind. "Sie" haben uns ja gefertigt. Als der Glaube sich entwickelte gab es noch nicht das Wissen der organischen Chemie.
Lars Hennings 17.02.2010
3. Günter Dux befragen
In der erlauchten Liste fehlt nun gerade der, der in den letzten Jahren die überzeugendste Theorie zur Entwicklung der Menschen und ihres Bewußtseins vorlegte: die historisch-genetische Theorie von Günter Dux (z. B. Historisch-genetische Theorie der Kultur, Weilerswist 2000). Er zeigt (basierend auf Piaget), wie in der Ontogenese jeden Menschens die Hirnentwicklung passiert und wie daraus in der Geschichte die Weltbilder und Logiken im Denken der Völker entstanden sind. Ursprungslogiken in ältester Zeit, in der alle Dinge als beseelt erkannt werden, weshalb z. B. Regenmachen sinnvoll erscheint, oder die doch im Zugriff eines Gottes existieren müssen, bis mit der Neuzeit der Wechsel zu einer prozessualen Logik möglich wird. Durch Reflexion des Bestehenden wird heute erkennbar, wie die Welt evolutiv - ohne Gott - entstanden ist.
martinhlindemann 17.02.2010
4. heidnische Naturreligionen kannten nicht solch "bipolaren" Umgang mit Moral und Sünde
Zitat von sysopWoher kommt die Moral, woher die Sünde? Viele Wissenschaftler glauben, dass unsere Wertvorstellungen auf die Prozesse natürlicher Auslese zurückzuführen sind. Doch Theologen bestreiten das - für sie ist der Glaube nicht allein durch Evolution zu erklären. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,677896,00.html
Beziehen wir uns bei Moralvorstellungen nicht immer noch nur auf die recht junge Bibel. Doch sind Jüdische und christlich gesprägte Moralgebäude nur ein sehr junger Abschnitt der Erfahrung göttlicher Psyche in uns. Natürlich wuchsen in die Erfahrungen welt der völlig von der Natur abhängigen Menschen auch Strafvorstellungen herein. In den natürreligiös gepragten, jahrtausende alten Riten und Erfahrungen wurde auch bewusst(!) Raum für die Unterwelt gelassen, dem 'plutonische Prinzip' - im Dörnröschenmärchen die 13. Fee, im Abendmahlsgleichnis Judas, als 13. anwesende Person! Götterglaube im Altertum und (griechischer) Antike hatte viel mehr etwas mit Deutung der individuellen menschlichen Psyche zu tun, die sychron zu den Planeten-"Götter"-Bewegungen verlief: "... wie im Himmel, so auf Erden" beten auch wir Christen noch. Im Unterschied zu heute wurde das sog. "Böse" jedoch nicht so abgrundtief verfemt und ausgeklammert wie seit Hexenwahn und Inquisition ab dem 16. Jahrhundert. Es hatte seinen festen Platz. Durch Beschwörungen und Befriedung versuchte man, die "Rache der Götter/ der Urahnen" nicht allzu groß werden zu lassen. Doch die Unterwelt, der (auch psychologisch zu sehende) Hades gehört zur Welt der integrierten Göttermärchen fest hinzu. Als Spiegel der Seele. Dabei hatten die Menschen ein mindestens ebenso fein entwickeltes Gespür für 'Gut und Böse' - nur wurde es nicht so BIPOLAR bewertet wie heute - sondern demütiger hingenommen. Hier ein recht (un-/)bekanntes Beispiel christlicher Astrologie, die über die 'Stern/e von Bethlehem' verbindende Wurzelen zur babylonischen (und megalithisch-europäischen) Sterndeuterei aufweist: http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Das_Abendmahl#astrologische_Interpretation_deutlich_ersichtlich_-_Quellen Empfehlenswert auch für Einsteiger das Busch von Claus Riemann 'Der tiefe Brunnen - Märchen und Astrologie'
evolut 17.02.2010
5. Schafe
Zitat von sysopWoher kommt die Moral, woher die Sünde? Viele Wissenschaftler glauben, dass unsere Wertvorstellungen auf die Prozesse natürlicher Auslese zurückzuführen sind. Doch Theologen bestreiten das - für sie ist der Glaube nicht allein durch Evolution zu erklären. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,677896,00.html
Es wird immer solche und andere geben. Die Unterwürfigen lassen sich von Haus aus auf den Arm nehmen, was in einer (dynamischen) Gruppe durchaus zum Vorteil werden kann, die anderen weniger. Gäbe es die einen oder die anderen nicht, müßte man sie erfinden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.