Amerikanischer Bürgerkrieg: Zeichnungen des Grauens

Von Harry Katz

Im Amerikanischen Bürgerkrieg kam den Kriegszeichnern eine ganz besondere Rolle zu: Mit dem Stift skizzierten sie das Schicksal der Soldaten. Ihre Bilder sicherten nicht nur Abraham Lincolns Wahlsieg - sondern geben auch Zeugnis über die Schrecken und die Brutalität der Kämpfe.

Sie mussten Glasplatten einlegen und sperrige Kameras schleppen. Die Belichtungszeiten waren viel zu lang, um Bewegung festzuhalten, und ein eigenes Pferdefuhrwerk war nötig, um eine Dunkelkammer mitzuführen: Die Fotografen im Amerikanischen Bürgerkrieg hatten mit einer Technik zu kämpfen, die ihrer Aufgabe noch nicht gewachsen war. Selbst Männer wie Mathew Brady und Timothy O'Sullivan, gefeierte Pioniere des Mediums, mussten erkennen, dass sie als Berichterstatter im Schlachtengetümmel auf verlorenem Posten standen.

Was taten also die Zeitungen? Sie heuerten Zeichner an, um ihren Lesern die blutigen Kämpfe zwischen den Konföderierten aus dem Süden und den Truppen der Union aus den Nordstaaten in authentischen Bildern nahezubringen. "Spezialkünstler" wurden diese Kriegsreporter genannt, kurz "specials", und waren auf beiden Seiten in die Truppen integriert: professionelle Illustratoren und Amateure, Soldaten, Lithografen, Holzschneider und veritable Kunstmaler. Manche dieser jungen Männer waren auf den Sold angewiesen, andere suchten das Abenteuer. Frauen waren keine dabei.

Was sie erlebten, waren alle Schrecken des Krieges. Kriegsreporter müssen schnell sein. Sobald sie eine Situation auf dem Schlachtfeld in ihrer Dramatik erkannt hatten, skizzierten die "specials" das Geschehen in raschen Strichen und zogen sich aus der Schusslinie zurück; die Details ergänzten sie später im Feldlager. Ein präzises und getreues Abbild der Ereignisse - das war es, was sie liefern wollten.

Per Pferdekurier, in der Eisenbahn oder mit dem Schiff sandten die Künstler ihre Zeichnungen vom Schlachtfeld in die Redaktion ihrer Zeitung. Dort kopierte ein anderer Zeichner das Bild auf eine Holzplatte. Holzschneider setzten die Arbeit fort, ritzten Figuren und komplexe Details der Komposition ein, Assistenten bearbeiteten den Hintergrund. Schließlich wurde der Holzschnitt auf eine Metallplatte kopiert - und war nun fertig zum Druck.

Der Mythos vom Krieg als romantischem Abenteuer wurde in Frage gestellt

Meist dauerte es zwei bis drei Wochen, bis eine Zeichnung in gedruckter Form die Öffentlichkeit erreichte. Bilder von entscheidenden Kämpfen konnten aber auch schon nach wenigen Tagen in Druck gehen. Die hohen Kosten des Verfahrens ließen sich ausgleichen, indem die Holzschnitte vervielfältigt und an andere Zeitungen weiterverkauft wurden.

Zwei illustrierte Wochenblätter beherrschten damals den Markt in den USA: "Frank Leslie's Illustrated Newspaper" und "Harper's Weekly". Vor allem in England hatten Magazine schon vorher hohes Ansehen genossen.

Sowohl "Harper's" als auch "Leslie's" nahmen sehr bewusst Einfluss auf die öffentliche Meinung. Was sie als kritisch oder allzu brutal empfanden, hielten sie zurück; bisweilen griffen sie auch in die Zeichnungen ein, um deren Wirkung zu steuern. Für empfindsame Leser ließ zum Beispiel die Redaktion von "Harper's" die Darstellung einer Beinamputation überarbeiten. Ein anderes Bild zeigte erschöpfte Pferde, die einen Artilleriewagen durch schweren Morast ziehen - bis die Holzschneider der Szene etwas mehr Optimismus angedeihen ließen: Hochgestreckte Köpfe, wehende Schweife und wirbelnde Hufe der Tiere bezeugten nun Tatkraft und Zuversicht der Infanteristen auf dem Weg zur Front.

1888 brachte Kodak die erste Kamera mit Rollfilm auf den Markt

Trotzdem blieb in den Zeichnungen genug von den Grausamkeiten der Kämpfe zu erkennen, um in der öffentlichen Meinung den Mythos vom Krieg als romantischem Abenteuer in Frage zu stellen. Zudem griff die Zensur bald immer seltener ein, je mehr sich die Leser an die Bilder der Gewalt gewöhnten.

Im Gebiet der Konföderation erschienen so gut wie keine Illustrierten. Trotzdem lieferten Kriegsreporter auch von den Schlachtfeldern des Südens Hunderte Zeichnungen an die Presse. Ein wichtiger Abnehmer dafür war die Zeitschrift "Illustrated London News" - denn seit Lincolns Wahl zum Präsidenten verfolgten die Briten das Geschehen in Amerika mit großem Interesse. Der Bürgerkrieg war bald Tagesgespräch für Politiker und die Öffentlichkeit, und heftig wurde darüber debattiert, ob England die Konföderation anerkennen sollte.

Am 9. April 1865 musste sich die Südstaaten unter General Lee in der Schlacht von Appomattox den Unionstruppen geschlagen geben Erst 1888 brachte Kodak die erste Kamera mit Rollfilm auf den Markt. Doch selbst im heutigen Afghanistan sind es Zeichner, deren Auge das Drama des Krieges oft wahrhaftiger erfasst als jeder mechanische Apparat.

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Mai 2012. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/us-buergerkrieg.

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1. Schon damals...
wolf_xl 06.05.2012
...hatten die Amis anscheinend ein Faible für dicke Pick-Ups... (siehe Bild 2) :-)
2.
lamda80 06.05.2012
Wie kommt der denn da rein?
3. optional
rubjack 06.05.2012
Das ist ein nachgestelltes Bild aus einer "reenacment"(?)-Szene. Dort wird das "gute alte Leben" nachgestellt...
4.
loeweneule 06.05.2012
Zitat von hirn_einschaltenWarum in der Vergangenheit schweifen, wenn der Bürgerkrieg in Deutschland schon so nah ist? AM 5. Mai haben islamische Paramilitärs in Bonn eine genehmigte, öffentliche Kundgebung mit massiver Gewalt attackiert. Nur weil dort Menschen ihre Meinung frei äußern wollten und Mohammed-Karikaturen gezeigt haben. Dass dabei zwei Polizisten von einem Dschihadisten schwer verletzt wurden, hat der Spiegel unter den Teppich gekehrt.
Da prügeln sich ein paar Anhänger von zwei gleichermaßen vollidiotischen Vereinen, und Sie schwallen was von Bürgerkrieg? Ihr Nomen sollte doch eigentlich Omen sein.
5. Die Geister, die ich rief...
irobot2 07.05.2012
Zitat von hirn_einschaltenWarum in der Vergangenheit schweifen, wenn der Bürgerkrieg in Deutschland schon so nah ist? AM 5. Mai haben islamische Paramilitärs in Bonn eine genehmigte, öffentliche Kundgebung mit massiver Gewalt attackiert. Nur weil dort Menschen ihre Meinung frei äußern wollten und Mohammed-Karikaturen gezeigt haben. Dass dabei zwei Polizisten von einem Dschihadisten schwer verletzt wurden, hat der Spiegel unter den Teppich gekehrt.
Sehe ich genauso. Da kommt ein dickes Problem auf uns zu. Schlimmer noch als das ist meines Erachtens die Blindheit vieler Bürger, Spiegelschreiberlinge und Politiker. Die wollen am liebsten deswegen die Meinungsfreiheit verbieten. Na ja, in diesem Zusammenhang: Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. Voltaire
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